Schützenhilfe durch Wilderer?

Der Winter ist zwar eine harte Zeit fürs Rehwild, doch die spezielle Fütterung sei kontraproduktiv, so die Einschätzung von Wildbiologe. Foto: BJV

Eine Art „Zweite Front“ der Bergwaldoffensive stellt die aktuelle Diskussion über die – alte – Problematik „Wald und/oder Wild“ dar. Anlässlich der jüngsten Sitzung des Bergwald-Beirates im Oberallgäu skizzierte der Leiter des „Schalenwildprojektes Oberallgäu“, Prof. Dr. Wolf Schröder, die Rahmenbedingungen. Konflikte seien wegen vieler unterschiedlicher Ziele und Interessen der Beteiligten programmiert. Patentrezepte gebe es bei der Komplexität mithin nicht, so Schröder. Dabei schreibt die Bergwaldoffensive gerade der Jagd eine wesentliche Rolle beim Gelingen der Initiative zu. Eine Lösung, die den Jagdwert der Reviere erhalte, zugleich den wirtschaftlichen Nutzen für die Waldbesitzer nicht schmälere und den Bergwald fit macht für die zukünftigen Anforderungen, bedürfe der Mitarbeit aller Beteiligten, so das Fazit der Diskussion.

„Schluss mit den Debatten am grünen Tisch!“, forderte Beiratsmitglied Klaus Schlösser, freiberuflicher Journalist, und schickte der Bestandsaufnahme zum Schalenwildprojekt eine Reihe kritischer Anmerkungen voraus. Er verfolge die Diskussion schon eine geraume Zeit und stelle fest: geändert habe sich nichts. „Es wurde schon viel geredet und wenig gehandelt“, kritisiert Schlösser. Die vielbeschworene Kooperation habe nichts gebracht. „Vielleicht sollte man es mit Konfrontation versuchen!“ Wenn die Jäger dem Auftrag nicht nachkämen, müssten eben Berufsjäger auf Honorarbasis „nachhelfen“, meint Klaus Schlösser und erinnert an Zeiten, als Wilderer das Reh- und Rotwild „im Griff hatten“ - Notzeiten taten dem Wald gut. Nicht ganz so rabiat will der Wildbiologe Prof. Dr. Wolf Schröder das Problem angehen. Die laufenden Arbeiten für das Schalenwildprojekt Oberallgäu zeigten einmal mehr, warum eine Lösung schwierig sei. Die Jagdinhaber legten Wert auf hohe Rotwildbestände, um den Jagdwert der Reviere zu sichern. Andererseits sei der Lebensraum für die attraktivste Wildart keinen natürlichen Winter-Lebensraum mehr. Zudem sei die Einstellung der Grundbesitzer nicht einheitlich und die Waldbesitzer vertreten ihre Interessen gegenüber den Jagdpächtern nicht nachdrücklich genug. Bei dieser Lage sei kein Patentrezept anwendbar, vielmehr gebe es viele Stellschrauben. Folglich sei auch sein Auftrag, einen Schalenwild-Managementplan für das Oberallgäu zu erstellen kein einfaches Unterfangen. Mehr als 70 Jagdreviere unterschiedlichster Größen und oft mit problematischen Grenzverläufen. Dazu noch die unterschiedlichen Interessen der Revierinhaber. „Da ist ein Interessenkonflikt programmiert“, stellte Schröder fest. Das Oberallgäu sei das Gebiet mit den stärksten Rothirschen in Deutschland, so Schröder. Das bedinge eine „großen Unterbau“, sprich: um einen Ausnahmehirsch zu haben, bedürfe es 50 bis 70 Stück Rotwild. „Der kapitale Hirsch ist ein Kunstprodukt und eine sehr naturferne Angelegenheit“, bringt Schröder es auf den Punkt. Rotwild werde häufig gleichsam wie Nutzvieh gehalten. Allein den Jägern pauschal einen Vorwurf zu machen, sei aber zu kurz geworfen, sagt Schröder. Viele Berufsjäger wollten den Spagat zwischen Wald uns Wild schaffen. „Die Rahmenbedingungen müssen stimmen“, so der Wildbiologe weiter. Im Oberallgäu gebe es viele Problemzonen, aber auch günstige Ansätze, wie etwa die Bereitschaft der Hochwildhegegemeinschaft, die Ziele der Bergwaldoffensive mitzutragen. Das Spannungsfeld setze sich zusammen aus der Hochwildhegemeinschaft und deren Jägern, der Unteren Jagdbehörde, die aber wie der Jagdberater „ohne Macht“ agieren müssten. „Hier gibt es keine Patentlösung!“ betont Wolf Schröder. Gerade diese Aufstellung sieht Beiratsmitglied Johann Jordan von der Forstbetriebsgemeinschaft Oberallgäu als Knackpunkt. „Im Prinzip wollen alle dasselbe, aber keiner hat ein Mandat. Folglich kann sich nichts bewegen.“ Offenbar wirkten nur „massive Eingriffe“, um ans Ziel zu kommen. Den Schwarzen Peter wollen sich die Jäger nicht zuschieben lassen. Jürgen Wälder, Geschäftsführer der Hochwildhegegemeinschaft Sonthofen, warnt erneut vor vorschnellen Verurteilungen und „alles schwarz zu sehen“. Auf großen Flächen zeigten sich gute Erfolge. „Die Jagd ist massiv hinterher“, betont Wälder. An den Abschusszahlen könne es nicht liegen, meint Ralph Eichbauer von der Unteren Jagdbehörde am Landratsamt Oberallgäu. Die seien nämlich „hoch wie nie“. Allerdings, so Eichbauer, seien die Grundeigentümer in den Jagdgenossenschaft oft nicht bereit, ihre Rechte auch auszuüben. Hier hakte Johann Jordan zum Schluss der Beiratssitzung ein: Vor mehr als 160 Jahren habe man sich das Recht auf Jagdausübung erstritten. Seitdem hätten die Grundeigentümer aber kaum von diesem Recht Gebrauch gemacht, kritisiert Jordan und fragt, ob es „wieder Wilderer braucht“, dass das Verhältnis von Wald und Wild endlich in Ordnung komme. In Notzeiten, so meint der Vorstand der Forstbetriebsgemeinschaft Oberallgäu, sei es den Wäldern jedenfalls gut gegangen. Von einer „Schlaraffenland-Situation“ für das Rotwild spricht Dr. Ulrich Sauter, der Bereichsleiter am Amt für Landwirtschaft und Forsten. Auch die Arbeit der Bergwaldoffensive fördere erst einmal starke Rotwildbestände indem sie die Nahrungsgrundlage der Tiere verbessere. Dort, wo man regulativ einwirken könne, müsse man es auch tun, fordert er mehr Jagddruck. Der Managementplan für das Schalenwild im Oberallgäu wird Anfang des Jahres 2012 vorliegen. Im Frühjahr ist eine Exkursion geplant in ein Gebiet in dem ein Managementplan bereits wirkt.

Meistgelesene Artikel

"Busche Berta" in neuem Glanz

Ofterschwang – Es hat schon gut 200 Jahre „auf dem Buckel“, das alte Bauernhaus in Ofterschwang. Bald schon soll frischer Wind wehen bei „Busche …
"Busche Berta" in neuem Glanz

Ein Obdach für die "armen, presthaften Menschen"

Sonthofen – Ein aufmerksamer Beobachter findet bei einem Spaziergang durch Sonthofen viele Zeugnisse aus früheren Zeiten. So steht beispielsweise in …
Ein Obdach für die "armen, presthaften Menschen"

"Kein schönes Bild, aber notwendig"

Sonthofen – Beim „Hochwasserschutz Ostrach“ arbeitet das Wasserwirtschaftswerk Kempten derzeit am letzten Bauabschnitt. Gestern wurden dafür im …
"Kein schönes Bild, aber notwendig"

Kommentare