Lautstarker Protest: Bauern leuchten dem Minister heim

Die Milch kocht über

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Rund 300 Landwirte aus dem Allgäu protestierten mit einem Traktorenaufmarsch, Transparenten und Sirenenlärm gegen den ruinösen Preisverfall.

Sonthofen - Wohin geht die Reise beim Milchpreis? Vor allem: gelingt es, die aktuelle Krise, die vor allem die Milcherzeuger beutelt, schnell zu beenden? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der „Grüne Tisch“ in Sonthofen. Begleitet wurde das Gespräch mit Bundes-Landwirtschafsminister Christian Schmidt und Vertretern der Verbände von einer Demonstration, zu der der Bundesverband der Milchviehhalter BDM aufgerufen hatte.

Rund 300 Landwirte machten ihrer Wut und ihrer Unzufriedenheit mit der aktuellen Agrarpolitik lautstark Luft: Die Pfeifen, Hupen und Sirenen auf dem benachbarten Marktanger waren während des zweistündigen Meinungsaustauschs am „Grünen Tisch“ im Saal deutlich zu hören. Der Bundesminister stellte sich nach dem Gespräch den aufgebrachten Bauern.

Zu einem „Grünen Tisch“ hatten der Allgäuer Bundestagsabge- ordnete und Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller und sein Kabinettskollege, Bundes-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt nach Sonthofen eingeladen. Am Grünen Tisch Fachleute aus der Landwirtschaft, Allgäuer Landtagsabgeordnete, Verbandssprecher und Vertreter des Lebensmittel-Einzelhandels. Hintergrund des Gesprächs mit Betroffenen war die aktuelle „Milchkrise“, der anhaltende Preisverfall bei Milch, der viele bäuerliche Milchviehhalter derzeit beutelt. Begleitet wurde das Treffen von einer lautstarken Demonstration bei der rund 300 Landwirte, vorwiegend Mitglieder des Bundes Deutscher Milchviehhalter BDM, mit Traktoren und Transparenten auf die präkäre Situation der Milchviehhalter aufmerksam machten. Die Politik müsse „endlich aufwachen“ und Maßnahmen ergreifen.

„Man hätte ihn mit viel mehr Pfeifen und Lärm heimschicken sollen....“, bedauerte einer der rund 300 Demonstranten, die auf dem Marktanger in Sonthofen Bundes-Landwirtschaftsminister nach dem Gespräch am Grünen Tisch die Meinung „gegeigt“ hatten. Dabei dürften Minister Christian Schmidt die Ohren durchaus geklingelt haben: mit Schellen, Pfeifen und mobilen Luftschutzsirenen heizten die enttäuschten Landwirte dem Politiker ein, den sie neben dem Bauernverband am meisten für die nicht enden wollende Talfahrt bei Milchpreis verantwortlich machen. „Es geht um unsere Existenz!“ riefen enttäuschte Milchviehhalter aus der Menge. Die zahlreichen Plakate und Transparente signalisierten: die aktuelle Agrarpolitik sei der Totengräber der bäuerlichen Landwirtschaft. Der niedrige Milchpreis ruiniert die Landwirte; vor allem die bäuerlichen Familienbetriebe im Allgäu. „Sofortmaßnahmen helfen nicht. Es braucht eine andere Agrarpolitik. Der Milchpreis muss dauerhaft höher sein. Das ist das Einzige was hilft!“ unterstreicht Hans Leis, Landesvorstand im Bund Deutscher Milchviehhalter BDM. Wer sich wie der Bauernverband mit Geldleistungen abspeisen lasse, sei „ein agrarpolitischer Geisterfahrer“. Es könne nicht angehen, dass sich die Milchkrise alle drei Jahre wiederhole, so Leis. „Die Bauern brauchen keine Almosen!“

Hans-Peter Uhlemayr, selbst Milchviehhalter und stellvertretender BDM-Vorsitzender im Oberallgäu, schildert der Runde beim Grünen Tisch seine jüngsten Erfahrungen bei den Milchpreisgesprächen mit seiner Molkerei: „Das war kein Gespäch; das war ein Preisdiktat!" Eine Preisvereinbarung obendrein, die zwei Monate rückwirkend gelte. „Wir wissen heute nicht, was wir für unsere Milch morgen bekommen werden.“ Wenn solche Gespräche sinnvoll sein sollten, so Uhlemayr weiter, müsse der Rohstoff Milch an die Nachfrage angepasst sein. „Die Not und die Wut sind groß!“ Uhlemayr rechnet vor: wenn ein Betrieb 30000 Kilogramm Milch pro Monat liefert, mache ein um zehn Cent geringerer Milchpreis 3000 Euro weniger Einkommen aus. Da halte kein Betrieb lange durch.

Georg Martin, Milchviehhalter in Marktoberdorf und Stellvertretender Landesvorsit- zender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft AbL, spricht am Grünen Tisch von einem „Überlebenskampf“ und bringt es auf den Punkt: „Dieser Milchpreis macht uns kaputt. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand!“ Der Landwirt betont weiter, dass er und seine Berufskollegen keine Subventionen benötigten, sondern einen fairen kostendeckenden Milchpreis. „Es sterben die Betriebe weg!“ Darüber hinaus, so beklagt Martin, drohe das Landwirtschafliche Sozialversiche- rungssystem zu kippen, da immer weniger Beitragszahler immer mehr Leistungsemp- fängern gegenüber stünden.

Als einziger Vertreter des Lebensmitteleinzelhandels war der Vertriebschef für Bayern von Rewe der Einladung zum Grünen Tisch gefolgt. Edmund Pillekamp verwies auf die regionale Schiene, die Rewe fahre; das Unternehmen zahle für regionale Qualität auch höhere Erzeugerpreise. Allerdings, so räumte Pillekamp ein, habe auch Rewe die 51-Cent-Milch im Regal – aber auch doppelt so teuere Qualitätsmilch, die „andere Preise“ erlaube. Der Verbraucher unterscheide das sehr wohl.

Bernhard Baldauf, Landwirt aus Immenstadt, wollte schließlich wissen, wie der – vor allem vom BDM propagierte – freiwillige Lieferverzicht funktionieren könne und ob sich das unterm Strich auch rechne. Bundes-Landwirtschaftsminister Schmidts Antwort: „Der Staat allein wird’s nicht richten können. Beim freiwilligen Ansatz müssen alle mitmachen.“ Letztlich funktioniere dies nur europaweit und das sei bei 28 Mitgliedsstaaten schwierig. Schmidt stellt fest: „Du bist in der EU wie in Beton eingemauert!“

„Wundermittel gibt es nicht“, musste der Bundesminister zugeben. Immerhin stünden demnächst rund 69 Millionen Euro für Deutschlands Landwirte zur Verfügung aus der sogenannten Superabgabe, die bis zum Ende der Milchquote im April diesen Jahres von Betrieben zu zahlen war, die zuviel Milch produzierten. Wohin das Geld letztlich fließt ist noch offen. Und gegenüber den Demonstranten betonte Schmidt, er wisse sehr gut wie die Situation bei den Milchbauern sei. Wer ihn hier auspfeife, habe die Weisheit wohl mit Löffeln gefressen: „So einfach ist es nicht!"

Bei aller Komplexität des Themas dürften nicht die Erzeuger von Lebensmitteln die Leidtragenden sein, räumte Schmidt ein.

Josef Gutsmiedl

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