Lernhelfer unterstützen Kinder ohne Deutschkenntnisse

Sprache integriert

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Sharif (links) ist neun Jahre alt und schreibt gerne Geschichten. Mit seiner Lernhelferin, der ehemaligen Realschullehrerin Lisa Grosselfinger, und dem zehnjährigen Mohammed übt er hier gerade lesen.

Sonthofen – In Deutschland herrscht Schulpflicht – auch für Kinder von Asylsuchenden. Das Problem: sie können – zumindest zu Beginn – kein Deutsch, sitzen im Unterricht und können diesem nicht folgen. Eine Belastung für sie selbst, für die Lehrer, für die ganze Klasse.

In Sonthofen hat Schulreferent Rudolf Gropper eine in der Region einzigartige Initiative ins Leben gerufen: unter Trägerschaft der Stadt kümmern sich ehrenamtliche Lernhelfer um die Kinder, bringen ihnen auf spielerische Art und Weise Deutsch bei und unterstützen sie in der Schule. 

Sara ist sechs Jahre alt und kommt aus Syrien. Das zierliche Mädchen wurde im September in Sonthofen eingeschult – drei Tage vorher war sie mit ihrer Familie noch im vom Bürgerkrieg geschüttelten Damaskus. Gemeinsam mit drei anderen syrischen Kindern von der Grundschule an der Berghofer Straße kommt sie einmal in der Woche mit ihren Lernhelferinnen in einem Klassenzimmer zusammen. Lisa Grosselfinger und Sonja Hold-Kluftinger bringen den Kindern spielerisch, mit Bildern und Büchern, die deutsche Sprache nahe, üben mit ihnen, damit sie dem Unterricht besser folgen können. 

Auf die Idee mit den Lernhelfern sei er gekommen „wie die Jungfrau zum Kind”, sagt Gropper. Zuerst habe eine Frau vom Kinderschutzbund gefragt, ob er nicht für fünf Wochen aushelfen könne, einige Zweitklässler zu unterstützen, dann habe er von einem Jungen in der vierten Klasse gehört, der keinerlei Deutschkenntnisse habe. Ihm sei aufgefallen, dass viel betreut wird, es aber kein wirkliches Netzwerk gibt, dass die Kinder, die neu nach Deutschland kommen, in der Schule unterstützt. Schließlich habe er Bürgermeister Hubert Buhl überredet, dass die Stadt Sonthofen eine Art Trägerschaft für die Lernhelfer übernimmt. 

Inzwischen hat sich in Sonthofen ein System etabliert: Die Schulen melden an die Familienbeauftragte Maria Senatore, wenn sie Schüler bekommen, die neu sind in Deutschland und Schwierigkeiten mit der Sprache haben. Maria Senatore wiederum meldet dies weiter an Rudolf Gropper, der dann aus einem Pool von Lernhelfern schöpfen kann und diese an die Kinder „vermittelt”. Derzeit werden in Sonthofen 19 Kinder aller Schularten von 14 Lernhelferinnen und Lernhelfern unterstützt; außerdem kann Gropper auf elf zusätzliche Lernhelfer zurückgreifen. Gropper arbeitet eng mit der Migrationsbeauftragten am Landratsamt, Miriam Duran, dem Kinderschutz- bund und der Caritas zusammen. 

Wie wichtig die Lernhelfer sind, erläutert Andrea Fuhrmann, Rektorin der Grundschule an der Berghofer Straße. So liegt laut dem bayerischen Asylgesetz die Betreuung hinsichtlich der Sprache der Kinder von Asylsuchenden ausschließlich bei den Schulen. Jeglicher Sprachunterricht, jegliche zusätzliche Betreuung der Kinder laufe auf ehrenamtlichem Wege ab. Die Lehrer, die Kinder ohne Sprachkenntnisse in der Klasse haben, seien zusätzlich belastet, die anderen Schüler auch, da der Lehrer für sie weniger Zeit habe. Die Kinder helfen den „Neuen” gerne und in jeder Hinsicht, so Fuhrmann weiter, aber das System könne so nicht funktionieren. Einen Ausgleich für die Zusatzbelastung bekämen die Schulen nicht. 

Für Rudolf Gropper geht das Prinzip der Lernhelfer über das reine Deutsch-Lernen hinaus. „Die Kinder sollen Anschluss finden, sollen sich betreut und willkommen fühlen in Deutschland!” Manche der Lernhelfer gehen deshalb auch bewusst in die Familien. So auch Sonja Hold-Kluftinger, die einmal in der Woche zu den Kindern nach Hause kommt. Dort hilft sie eventuell bei den Hausaufgaben oder spielt – mit den Kindern und ihren Eltern. „Es ist wichtig, dass die Menschen in die Gemeinschaft integriert werden”, so Gropper. 

Unter den betreuten Kindern seien „viele Talente” erzählt die Familienbeauftrage Maria Senatore. Gerade hier sei die Unterstützung nötig, damit keine Schulkarriere auf Grund mangelnder Sprachkenntnisse zerstört werde. Zwei beispielhafte Erfolge kennt Rudolf Gropper: So erzählt er von dem russischen Mädchen, ein fleißiges Mädchen, das in die 9. Klasse der Realschule kam und wegen fehlender Sprachkenntnisse drohte sitzen zu bleiben. Es hat die Klasse bestanden und möchte nach ihrem Realschulabschluss auf die Fachoberschule gehen. Oder die beiden türkischen Mädchen, die durch die Unterstützung eines ehemaligen Religionslehrers inzwischen das Abi „in der Tasche” haben. 

Dass die Kinder begierig darauf sind, die neue Sprache zu lernen, merkt man, wenn man die Lernhelfer in ihre Übungsstunden begleitet. Die sechsjährige Sara übt gerade mit Sonja Hold-Kluftinger die Anlaute und schreiben – ein großer Unterschied zu Erstklässlern mit deutscher Muttersprache ist hier kaum bemerkbar. Vor allem, wenn man sich vergewissert, dass Sara bis vor einigen Wochen noch nicht einmal die Farben der Buntstifte nennen konnte. Sharif und Mohammed üben derweil mit Lisa Grosselfinger lesen und Textverständnis. Mohammed, der auch erst seit September in Sonthofen lebt, zeigt schon beachtliche Sprachkenntnisse. Und Sharif? Er hat seinen Lernhelferinnen zehn Minuten zuvor stolz eine Geschichte vorgelesen, die er selbst geschrieben hat: von Sharif, der alleine einkaufen gehen darf und sich darüber wundert, was sein Vater im Drogeriemarkt macht... 

„Sprache ist der Schlüssel zur Integration, der Schlüssel zu schulischem und beruflichem Erfolg, für ein zufriedenes Leben”, fasst Sonja Hold-Kluftinger ihre Motivation, sich als Lernhelferin zu engagieren, zusammen. Lisa Grosselfinger, ehemalige Realschullehrerin, kennt die Ohnmacht der Lehrer, wenn ein Kind ohne Sprachkenntnisse in der Klasse sitzt. Für sie ist es auch interessant, bei der Sprache „mal ganz unten anzusetzen” und zu erleben, wie die Kinder lernen. Allerdins sehen sich die beiden lediglich als „Notnagel” im System; immer mehr junge Grundschullehrer hätten eine Zusatzqualifikation in „Deutsch als Fremdsprache”, sagt Grosselfinger. Sie könnten die Situation für die Schulen und die Kinder erheblich entschärfen, würden sie nur eingestellt werden. 

Neue Lernhelfer werden immer gebraucht, vor allem in Hinblick darauf, dass in nächster Zeit gerade aus Syrien viele weitere Asylsuchende erwartet werden. „Niemand muss Scheu haben, dass er es nicht kann!”, sagt Rudolf Gropper. Die Ehrenamtlichen müssten nicht die Muttersprache der Kinder beherrschen. Zwar sind viele der Lernhelfer ehemalige Lehrer; die Lernhelfer gäben den Kindern jedoch keine Nachhilfe, sondern unterstützen sie beim Erwerb der deutschen Sprache. Voraussetzung ist laut Gropper ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis; die Lernhelfer sind über die Stadt haftpflicht- und unfallversichert. Eines muss jedoch stimmen: die „Chemie” zwischen Lernhelfer und Kind. Wer sich auch gerne als Lernhelfer engagieren möchte, meldet sich bitte bei Rudolf Gropper (Telefon 08321/9293) oder bei Maria Senatore (Telefon 08321/615241).

Eva Veit

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