"Das war schön heute Mama"

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Das Pferd motiviert, gibt Selbstvertrauen und Gleichgewicht beim Balancieren.

Immenstadt – Theresa freut sich. Sie sitzt jauchzend und klatschend in ihrem Autositz, nein, sie sitzt nicht, sie hüpft. Je näher sie ihrem Ziel, dem Risthof kommen, desto aufgeregter wird Theresa.

Theresa ist sechs Jahre alt und hat das Down-Syndrom. Seit sie eineinhalb Jahre alt ist, geht sie mit ihrer Mutter regelmäßig zur Physiotherapie, Reittherapie und Logopädie zum Risthof in Ratholz bei Immenstadt. 

Neben dem Pferd „Sissi“, auf dem sie regelmäßig bei der Therapie reiten darf, liebt Theresa natürlich auch all die anderen Tiere, die auf dem Risthof zu Hause sind und zu Therapiezwecken eingesetzt werden: Kühe, Ziegen, Hunde, Hühner,... 

 Auf dem Risthof finden sich verschiedene Therapieformen unter einem Dach: Physiotherapie, Logopädie, Ergotherapie, tiergestützte Therapie, Hippo- und Reittherapie. Die erfahrenen Mitarbeiter arbeiten eng zusammen bei der Behandlung der großen und kleinen Patienten. Insbesondere werden auf dem Risthof Kinder und Erwachsene mit neurologischene Erkrankungen und/oder Verhaltensauffälligkeiten behandelt. Patienten jeden Alters kommen hierher, um Linderung für ihre Leiden zu finden: Vom Säugling mit Entwicklungsverzögerungen, Verhaltensschwierigkeiten oder schweren körperlichen und geistigen Behinderungen über Kleinkinder, Schulkinder und Jugendliche mit Lernschwäche, Aggressionen, Ängsten oder ADS/ADHS, bis hin zu Erwachsenen mit neurologischen und psychischen Erkrankungen oder orthopädischen Problemen und Senioren mit dem Wunsch nach mehr Selbständigkeit, zum Beispiel nach Schlaganfall oder bei beginnender Demenz. Für jeden Patienten wird ein individuelles Behandlungskonzept entwickelt, Therapieschwerpunkte je nach Störung und Therapieziel gesetzt. 

Bei Theresa wurde nach einem ersten Kennenlernen und Anamnese zunächst mit einer speziellen Physiotherapie begonnen, die immer auf ihren jeweiligen Entwicklungsstand abgestimmt war. Ihre Mutter konnte viele Anregungen mitnehmen und mit ihrer Tochter die Übungen auch zu Hause durchführen, erzählt sie. Mit drei Jahren begannen dann die Logopädie-Stunden für Theresa, um ihre sprachlichen Fähigkeiten zu verbessern. „Bevor wir in die Praxis zur Logopädiestunde gehen, mache ich mit Theresa einen Hofrundgang und besuche alle Tiere. Jedes Tier wird begrüßt und gefüttert“, erzählt Theresas Mutter. Die Eindrücke, die Theresa bei den Tieren gesammelt hat, könne die Logopädin dann in ihrer Stunde nutzen, erzählt sie weiter; die Fortschritte ihrer Tochter seien beeindruckend. Auf die Reittherapie, die sie seit einem Jahr zusätzlich macht, freut sich Theresa immer besonders: „wäre sie nicht angeschnallt, würde sie schon mit Helm und Hose für das Pferd bereitstehen“, schildert ihre Mutter Theresas Freude bei der Ankunft am Risthof. 

„Hippotherapie ist nicht gleich Reittherapie“, erklärt Veronika Rist, Leiterin des Risthofes. Hippotherapie ist Krankengymnastik mit dem Pferd, die insbesondere bei neurologischen Erkrankungen eingesetzt wird. Die Bewegungen des Pferdes verbessern Spastiken und haben einen positiven Einfluss auf Gleichgewicht, Atmung und Koordination. Bei der Reittherapie hingegen drehe sich alles um das Thema Pferd; auch das bloße Streicheln, Füttern oder Striegeln des Pferdes werde hier als Therapie eingesetzt; hierdurch würden beispielsweise die Feinmotorik, Selbstbewusstsein oder auch soziales Verhalten geschult. 

Bei der tiergestützten Therapie werden die Tiere auch direkt in der Therapie eingesetzt. Der Hintergrund ist zum einen, dass Tiere besonders sensibel auf Stimmungen und Gemütsverfassungen ihres Gegenübers reagieren und ihm die Liebe schenken, die ihnen entgegengebracht wird. Besonders bei Kindern und Senioren setzt die tiergestützte Therapie neue Motivation frei; es weckt Beschützerinstinkte und verschafft innere Ruhe und Anerkennung. Auf dem Risthof werden verschiedene Haus- und Nutztiere eingesetzt, neben den Pferden auch Esel, Hunde, Schafe, Ziegen, Kühe oder Kaninchen. Auch mit Schnecken habe sie schon gearbeitet, erzählt Veronika Rist: so habe eine Gruppe von ADHS-Kindern beinahe eine Stunde damit zugebracht, die Schnecken zu füttern oder zu beobachten, wie sie sich fortbewegen. So werden die Tiere bei allen möglichen Problemen eingesetzt. Streicheln fördert die Feinmotorik, Füttern und Spazierengehen ist ein gutes Alltags- und Sozialtraining. 

Ergo- und Physiotherapie sowie Logopädie finden auf Grund einer ärztlichen Verordnung statt. Reit- und Hippotherapie sowie die tiergestützte Therapie müssen von den Patienten selbst gezahlt werden. 

Der Risthof verfügt auch über rollstuhlgerechte Ferienwohnungen. Viele Familien kommen dort mit ihren schwer behinderten Kindern in die Ferien, die Kinder machen in der Zeit eine Intensivtherapie, erzählt Veronika Rist. 

Theresas Mutter hat die Therapiestunde ihrer Tochter im Sonnenerker des Risthofes verbracht, gemütlich bei einer Tasse Tee. Sie hat gelesen, hatte Zeit für sich; „Das ist wie Therapie für mich selbst“, sagt sie. „Das war schön heute Mama!“, sagt auch Theresa, als die beiden im Auto sitzen und sich auf den Nachhauseweg machen.

Eva Veit

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