Ungesunde Entwicklungen

Dr. Rainer Gramlich kam als Assistenzarzt 1975 ins Oberallgäu und engagiert sich seit dem für die medizinische Versorgung der Bevölkerung und die Interessen der Hausärzte sowie Fachärzte im südlichen Oberallgäu als Vorstand des Hausärztevereins Oberallgäu e.V. Auf der diesjährigen Delegierten-Versammlung der Bayerischen Landesärtzekammer (BLÄK), des „Parlaments“ der Ärzte im Freistaat, wurde er als Vertreter Schwabens und des Allgäus in den Deutschen Ärztetag gewählt.

Herr Dr. Gramlich, Sie wurden mit einer großen Stimmenzahl von den bayerischen Delegierten in den Deutschen Ärztetag gewählt. Wie erklären Sie sich diese hohe Zustimmung? Ich bin seit über 30 Jahren mit Leib und Seele in meinem Beruf als Hausarzt tätig und spreche in der Öffentlichkeit sicher viele Dinge deutlich an, die meinen Kolleginnen und Kollegen unter den Nägeln brennen. Dabei steht bei mir nicht die Polemik sondern der konstruktive Dialog mit allen Betroffenen im Vordergrund. Und zielführende Lösungen für die Praxis. Können Sie uns aktuelle Beispiele nennen? Ja, den Vormarsch der Kapitalgesellschaften in der deutschen Krankenhausversorgung. Rund 40 Prozent der deutschen Kliniken gehören bereits anonymen Kapitalgesellschaften, die in erster Linie an Gewinnmaximierung zum Vorteil der Aktionäre interessiert sind. Der Patient wird dadurch zunehmend zum Objekt finanzieller Begierden. Hier findet ein „moralischer Umbruch“ statt, der mit dem aktuell, durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) verabschiedeten GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz (GKV-WSG) weiter forciert wird. Nun können anonyme Kapitalgesellschaften neben der stationären künftig auch die ambulante Versorgung der Patienten übernehmen. Diese ambulante Versorgung wurde bisher vor Ort überwiegend von den niedergelassenen Haus- und Fachärzten geleistet. Dies führt zum Aussterben der wohnortnahen Versorgung und zur Bildung von wohnortfernen Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) – letztendlich zum Nachteil der Patienten und ihrer Angehörigen. Wie sieht Ihre zielführende Lösung aus? Die medizinische Versorgung einer Region wird am besten durch die dort niedergelassenen Ärzte und angesiedelten Kliniken sowie nach gelagerten Versorgungseinrichtungen in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Verwaltungsbehörden und Krankenkassen sichergestellt. Sie kennen die Menschen und Ihre Bedürfnisse vor Ort am besten. Und sie fühlen sich der Region besonders verbunden und verpflichtet. Grund- und Regelversorgung aus der Region für die Region. Wo wurde diese Lösung schon mit Erfolg praktiziert? Im südlichen Oberallgäu kooperieren die niedergelassenen Haus- und Fachärzte eng mit den Kliniken Oberallgäu, der Reha-Klinik Kempten-Oberallgäu sowie den Krankenkassen und dem Landratsamt. Gemeinsam wurden Konzepte entwickelt und verwirklicht. Die Oberallgäuer Hausärzte haben per Vertrag mit den Kliniken Oberallgäu vereinbart: Die ambulante, flächendeckende allgemeinärztliche Versorgung übernehmen die Hausärzte an die Patienten nach der stationären Versorgung durch die Kliniken wieder zurück überwiesen werden. MVZs (Medizinische Versorgungszentren) entstehen in enger Kooperation zwischen den niedergelassenen, operativ tätigen Fachärzten und den Kliniken Oberallgäu vorzugsweise auf dem Klinikgelände, um Synergieeffekte gemeinsam zu nutzen. Dadurch ist für die Bevölkerung im südlichen Oberallgäu eine wohnortnahe, erstklassische medizinische Versorgung in der Fläche entstanden, die die Arbeitsplätze in der Region hält, ja sogar zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen hat. Große, Gewinn maximierende Kapitalgesellschaften, die vor allem Profit aus der Region abziehen möchten, werden so aus dem Oberallgäu ferngehalten. Mit hohem persönlichem Einsatz engagieren Sie sich seit Jahren für die Gesundheitsregion südliches Oberallgäu. Was sind Ihre Beweggründe? Zum einen bin ich seit über 35 Jahren in der Region sehr glücklich und will durch mein Engagement der Region wieder etwas zurückgeben. Zum anderen macht es Spaß mit den vielen motivierten Partnern des Oberallgäuer Gesundheitswesens etwas zu bewegen. Stellvertretend möchte ich an dieser Stelle nennen unseren sehr engagierten Landrat Gebhard Kaiser ebenso den Geschäftsführer der Kliniken Oberallgäu, Andreas Ruland, den langjährigen Vorsitzenden des Ärztlichen Kreisverbands, Chefarzt Dr. Andreas Baumgarten und Dr. med. Hildebrandt, Vorsitzenden des Ärztenetzes Oberallgäu.oder die Krankenkassen Bosch BKK, AOK Kempten-Oberallgäu und Barmer Ersatzkasse. Deutscher Ärztetag Der „Deutsche Ärztetag“ ist die jährliche Hauptversammlung der Bundesärztekammer, auf die 250 Delegierte von 17 deutschen Ärztekammern entsandt werden. Zu seinen Aufgaben zählt das Erarbeiten von bundesweiten Regelungen zum Berufsrecht und Positionen zur Gesundheitspolitik. Derzeitiger Präsident des Ärztetages ist Jörg-Dietrich Hoppe, zugleich Präsident der Bundesärztekammer. Der 111. Deutsche Ärztetag fand im Mai 2008 in Ulm statt. 2009 kommt der 112. Deutsche Ärztetag in Mainz zusammen.

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