Dr. Reinhard Erös erläutert in seinem Vortrag in Sonthofen, warum so viele Afghanen ihre Heimat verlassen

Korruption und keinerlei Perspektive

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In seinem Vortrag, der von den beiden Rotary-Clubs des südlichen Oberallgäus organisiert war, ging Dr. Reinhard Erös auf die Ursachen ein, warum so viele junge Afghanen gerade jetzt ihre Heimat verlassen.

Sonthofen – „14 Jahre Einsatz am Hindukusch – warum fliehen hunderttausende Afghanen jetzt nach Deutschland?“ Mit dieser Frage beschäftigte sich Dr. Reinhard Erös in seinem Vortrag in Sonthofen. Fazit: Perspektivlosigkeit und ein durch und durch von Korruption durchzogener Staatsapparat treiben Hunderttausende aus dem Land.

„Ich bin kein Afghanistan-Experte. Ich bin Kenner eines Teils von Afghanistan“, stellte Dr. Reinhard Erös, Gründer der Kinderhilfe Afghanistan, gleich zu Beginn seines Vortrages klar. Es ärgere auch die Menschen in Afghanistan, so Erös, wenn so genannte Experten, die in Wahrheit nicht einmal die Sprache verstünden und sich nur per Dolmetscher verständigen könnten, etwas über die Lage in Afghanistan erzählen.

„Als Arzt kommst du an die Leute ran“, so Erös weiter. Die Menschen erzählen einem Arzt mehr als einem Journalisten oder einem Politiker, sie erzählen ihm wie es ihnen wirklich geht und nicht das, was sie glauben, was ihr Gegenüber hören will. Besonders wichtig sei zudem, dass er, Erös, sich mit den Menschen in Afghanistan auch in ihrer Muttersprache unterhalten kann. Wer eine Sprache nicht beherrscht ist immer auf einen Dolmetscher angewiesen – eine Übersetzung gibt nie die ganze Aussage wieder.

Bildung statt Fundamentalismus

Erös, Oberstabsarzt der Bundeswehr a. D., gründete 1998 mit seiner Frau Annette die Kinderhilfe Afghanistan. Ihre fünf Kinder unterstützen die beiden in ihrer Arbeit. Die Familien-Ini­tiative hilft in erster Linie Kindern und Frauen in Afghanistan durch schulische und medizinische Projekte. So gründete sie bereits 1998, noch zu Zeiten des Taliban-Regimes, eine erste Mädchenschule. Seit 2001 die Taliban gestürzt wurden arbeitet die Kinderhilfe Afghanistan in den besonders unruhigen Provinzen im Osten Afghanistans. Inzwischen konnten dank der Stiftung 29 Schulen in fünf Provinzen errichtet werden, in denen etwa 60 000 Schülerinnen und Schüler von mehr als 1 400 Lehrerinnen unterrichtet werden. Außerdem baute die Stiftung Waisenhäuser, Berufsschulen, Computerausbildungszentren und Basis-Gesundheitsstationen. Den Menschen, die dort arbeiten, werden regelmäßig ortsübliche Löhne gezahlt. Seit 2014 betreibt die Initiative sogar eine Universität in Ost-Afghanistan – „Bildung statt Fundamentalismus“ lautet hier das Credo. Bildung und Hilfe zur Selbsthilfe – für Erös zwei Bausteine, um den Menschen in Afghanistan eine Perspektive zu geben und sie im Land zu halten.

Operationen in der Höhlenklinik

Bereits während der sowjetischen Besatzung Afghanistans lebte Erös mit seiner Frau und vier kleinen Kindern bis Ende 1990 in der afghanisch-pakistanischen Grenzstadt Peschawar, er hatte sich von der Bundeswehr beurlauben lassen. Dort engagierte sich Erös als Ärztlicher Leiter einer deutschen Hilfsorganisation im afghanischen Kriegsgebiet – mehr als 100 000 Kranke und Verletzte, darunter vor allem Frauen und Kinder, versorgte die Organisation jedes Jahr unter schwierigen und gefährlichen Bedingungen in primitiven Höhlenkliniken – unbemerkt von den sowjetischen Besatzern. Der deutsche Arzt richtete zudem eine Ausbildungsstätte für afghanische „Barfuß-Ärzte“ ein, in der hunderte junger Afghanen lernten, unter Kriegsbedingungen Kranke und Verletzte mit einfachsten Mitteln zu versorgen. Annette Erös leitete derweil in Peschawar die „Europäische Schule“, an der Kinder aus vier Erdteilen unterrichtet wurden – Flüchtlingskinder aus Afghanistan lernten mit Kindern von Mitarbeitern der Hilfsorganisationen. Aus dieser Schule entstand zehn Jahre später die „Friedensschule Peschawar“, eine Bildungseinrichtung für afghanische Flüchtlingsmädchen in Pakistan.

Seit 2002 lebt und arbeitet Reinhard Erös halbjährig im Paschtunengebiet im Osten Afghanistans. Er betreut die Projekte, kontrolliert und überwacht die Arbeit der Lehrer, Ärzte, Bauarbeiter, Schreiner,... – natürlich alles Einheimische. Wenn es darum geht, eine neue Schule in einem Dorf zu bauen, spricht Erös dies mit allen Beteiligten ab – wenn es sein muss auch mit den Taliban, die dort leben. Schließlich, so Erös, soll die Schule auch stehenbleiben, also müssen alle einverstanden sein. „Tee mit dem Teufel“ nennt er das.

Ursachenforschung

Warum aber kommen nun, nachdem ein Großteil der ISAF-Truppen aus Afghanistan abgezogen sind, verstärkt Menschen aus Afghanistan nach Europa? Die Antwort, so Erös: Die Menschen, in erster Linie die Jugend, sehen in ihrer Heimat keine Zukunftsperspektive. Sie hoffen auf ein sinnvolles Leben im Ausland. So sei beispielsweise das Lebensziel eines jungen Afghanen die Hochzeit und die Gründung einer Familie – ohne die Aussicht auf Arbeit, ohne Geld sei dies nicht möglich. Weiter, so Erös, sei die Sicherheitslage in Afghanistan immer noch instabil – Gewalt, Kriminalität und Anschläge bestimmen weiterhin in großen Teilen des Landes den Alltag. Auch die Korruption sei weiterhin ein großes Problem in Afghanistan. Dazu komme, dass immer weniger Kinder Schulen besuchen – die Familien haben viele Kinder, es gibt einfach nicht genügend Schulen.

Die Jugend ist perspektiv- und hoffnungslos. Darum, so Erös, verlassen gerade junge Männer das Land in Scharen. Mehr als 50 Prozent der Afghanen, die im vergangenen Jahr nach Deutschland kamen, sind Hazara, eine mongolische Ethnie, Schiiten, die innerhalb der Afghanischen Bevölkerung gerade mal einen Anteil von 5 Prozent haben – und keinen leichten Stand. 70 Prozent der 150 000 Afghanen die 2015 zu uns kamen waren jünger als 23 Jahre, etwa 55 Prozent sind Analphabeten – eine Jugend ohne Perspektiven.

Erös zitierte in seinem Vortrag Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller, der im September vergangenen Jahres gesagt hat: „Allein in Afghanistan sitzen eine Million junger Menschen auf gepackten Koffern.“ Warum das jetzt passiert und nicht schon vor einigen Jahren, als noch Krieg herrschte? „Weil es jetzt geht“, so Erös. Die Menschen in Afghanistan könnten sich legal Pässe besorgen, Schleuser kümmerten sich teils sogar um mehr oder weniger legale Visa für den Schengenraum und organisierten die Reise nach Europa. Die Antwort von Bundesinnenminister Thomas de Maizière auf Dr. Müllers Aussage, „Das geht so nicht“, und die Abschreckungskampagne der Bundesregierung durch Plakate in Afghanistan habe keinerlei Wirkung gezeigt, so Erös – auch darum, weil die Plakate mit Hilfe von Dolmetschern übersetzt wurden. Selbst dem afghanischen Flüchtlingsminister, so Erös, sei es nur recht, wenn möglichst viele Menschen das Land verlassen und ihre Familien aus dem Ausland finanziell unterstützen.

„Sie können das nicht aufhalten, dass die Menschen fliehen. Sie müssen dafür sorgen, dass die Menschen nicht mehr fliehen müssen!“ war Erös` Aufruf nicht nur an die Politik. Gerade auch in Hinblick darauf, dass in den nächsten Jahrzehnten die Anzahl der Klimaflüchtlinge immer weiter ansteigen werde, müsse in den Heimatländern der Menschen angesetzt werden. „Entwicklungshilfe muss umgedacht werden“, so Erös. Bildung, medizinische Versorgung, die Ausbildung auch von Eliten, Hilfe zur Selbsthilfe seien die Mittel, um die Menschen in ihren Heimatländern zu halten. Die gängige Entwicklungshilfe schicke zwar hohe Geldsummen in die Länder – das Geld fließe aber zu einem Großteil eben nicht in die angedachten Projekte sondern verschwinde in den Taschen von korrupten Entscheidungsträgern.

Wer die Kinderhilfe Afghanistan finanziell unterstützen will, kann dies über folgende Bankverbindung machen: Kinderhilfe Afghanistan, Liga Bank Regensburg, IBAN DE 0875 0903 0000 0132 5000, BIC GENODEF1M05. Weitere Informationen unter www.kinderhilfe-afghanistan.de.

Eva Veit

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