Mit der "Waldkolonie" im Gilchinger Südwesten entstand vor 100 Jahren ein ausgefallenes Wohngebiet

Siedlungs-Wald mit bewegter Geschichte

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Eines der letzten Wochenendhäuschen in der Waldkolonie, das bis vor vier Jahren noch bewohnt wurde. Einen Bebauungsplan für das Gebiet lehnte der Gemeinderat 2015 erneut ab.

Gilching – Immer wieder war die Waldkolonie in Gilching im vergangenen Jahr Thema in der Gemeinde. Anlass war der Protest gegen eine weitere Verdichtung. Letztendlich sammelten Anwohner Unterschriften für einen Bürgerantrag. Dadurch sollte die Gemeinde gezwungen werden, einen Bebauungsplan für die Kolonie zu erstellen. Einen entsprechenden Antrag lehnte das Gremium jedoch ab.

Tatsächlich war die Gegend vor 100 Jahren noch reines Waldgebiet. Das Laub- und Nadelgehölz zog sich einst vom heutigen Neu-Gilching bis nach Weßling und Unterbrunn. Auf Gilchinger Gemeindeflur war es mehr ein lichter Baumbewuchs, den die Bauern nutzten, ihr Vieh dort weiden zu lassen. Außerdem war das Waldgebiet ein beliebtes Jagdrevier, vorwiegend für Jäger aus der nahen Landeshauptstadt München. Als Raststation für Ross und Wagen entstand zudem auf der Straße nach Landsberg das sogenannte Jägerheim. Seit 1903 dampfe parallel zur Landsberger Straße die Eisenbahn durch dieses Gebiet. Laut Chronist Rudi Schicht habe bereits damals der Sägewerksbesitzer Melchior Fanger die Idee gehabt, Münchner Bürger dafür zu interessieren, im Wald „Häuschen im Grünen“ als ein Wochenendparadies zu errichten. Fanger, dem in der Waldkolonie eine Straße gewidmet ist, verdingte sich fortan als Grundstücksmakler und Baumeister. Schicht: „Er besorgte für die Stadtleut‘ die Grundstücke und als Zimmermeister baute er auch die anfänglichen Holzwochenendhäuschen, einschließlich des Zaunes um die Grundstücke.“ Die „Heimatklänge aus dem Vierseenland“ notierten im Jahr 1919, dass in Neu-Gilching bereits elf Häuser neben den üblichen Wochenendhäuschen entstanden sind. Bis zum Jahre 1921 war im Wald an der Landsberger Straße eine kleine Streusiedlung mit etwa 18 Häusern entstanden. Der Gemeinderat beschloss deshalb am 3. April 1921 die Einführung des Namens Neu-Gilching. Seither hat der Bau-Boom angehalten. Vorwiegend waren es Münchner, die sich Grundstücke in der Waldgegend leisteten. Trink- und Nutzwasser bezogen sie aus dem eigenen Brunnen. Erst 1926 wurde auf privater Initiative an der heutigen Waldstraße eine zentrale Wasserversorgung gebaut. Das private Wasserwerk wurde am 1. März 1939 „nach zähen Verhandlungen“ von der Gemeinde übernommen. Niemand ahnte seinerzeit, dass 1938 in unmittelbarer Nachbarschaft der ländlichen Idylle ein Flugplatz mit Flugzeugproduktionswerk entstehen und ab 1942 Ziel von Bombenangriffen werden wird. „Die Waldkolonie wurde ein Gebiet der Angst und des Schreckens“, schreibt Schicht. Eine verbindliche Raum- und Straßenplanung gab es für dieses Gebiet nie. Der Gemeinderat versuchte zwar im Jahr 1935 eine bauliche Ordnung durch die Erstellung eins Generalbaulinienplanes herzustellen. Rechtsgültigkeit jedoch hat dieser nie erreicht. Der Bau-Boom aber hielt ungebrochen an und jeder konnte sein Haus weitgehend nach eigenem Gutdünken bauen. Und weil es in den Villen und Häusern in der Waldkolonie weit größere Fenster gab, als es in den Bauernhäusern üblich war, nannten die Dorfbewohner die Waldkolonie Mitte des vorigen Jahrhunderts auch das Glasscherbenviertel, so Schicht. Eine weitere Legende: Da die ersten Häuser am Hainweg anno 1960 um 100.000 Mark verkauft wurden, sprachen die Dorfbewohner auch von der sogenannten Hunderttausendmark-Siedlung. Noch heute findet der aufmerksame Spaziergänger, versteckt hinter Zäunen und Hecken, das eine oder andere Sommerhäuschen aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Und einige sind sogar noch bewohnt. pop

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