Haus der bayer. Landwirtschaft

Lebendiges Lernen im Wandel der Zeit

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Vom Bildungsreferenten zum Direktor des Hauses der bayerischen Landwirtschaft: Wulf Treiber.

Herrsching – Er hat aus der ehemaligen „Bauernschule“ in Herrsching ein modernes Bildungszentrum für Landwirte und Agrarwissenschaftler gemacht: Wulf Treiber, der kürzlich seinen 60. Geburtstag feiern konnte, steht dem „Haus der bayerischen Landwirtschaft“ mittlerweile seit 27 Jahren als Direktor vor.

Über 100 Seminare werden jedes Jahr angeboten, die inhaltlich stets dem Wandel der Zeit und dem Stand der Wissenschaft angepasst wurden. Worauf Treiber auch heute noch stets achtet. Wulf Treiber, der aus einem Bauernhof in Franken stammt, absolvierte mit 21 Jahren selbst einmal den „Klassiker“ der Schule an der Rieder Straße: den elfwöchigen landwirtschaftlichen Grundkurs. „Den haben wir auch heute noch in unserem Programm“, so der Direktor, der damals einer der ersten Abiturienten im Kurs war. Heute belegen Meisterschüler und Akademiker die Kurse, insgesamt haben sich die Angebote in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Oder wurden der Zeit eben angepasst. „Vor ein paar Jahren ging es um ökonomische Themen, um den Nutzen der eigenen Arbeit. Heute geht es um Ethik, Moral und Wertschätzung“, beschreibt Treiber den Wandel. Die Globalisierung hat längst auch in der Landwirtschaft Einzug gehalten, entsprechend breit ist heute die Themenpalette. „Kürzlich hatten wir einen europa-politischen Abend im Angebot, ich bin von vielleicht zehn bis 20 Interessierten ausgegangen. Der Saal war voll.“ Landwirtschaftliche Grundkenntnisse über Ackerbau und Viehhaltung alleine reichen schon lange nicht mehr aus. Die moderne Landwirtin und der moderne Landwirt vermarkten heute ihre Produkte über das Internet, betreiben eine eigenen Hofladen, sind mit ihren Kollegen in andern Bundesländern vernetzt – und bilden sich stets weiter. „Die jungen Leute hier sind sehr gut ausgebildet und hochmotiviert“, beschreibt Treiber die rund 70 Absolventen des aktuellen Grundkurses. Er selbst hat übrigens neben Agrarwissenschaften samt Promotion noch Politikwissenschaften studiert und wollte eigentlich „irgendetwas Internationales machen“. Schon früh knüpfte er enge Kontakte zum Bayerischen Bauernverband, der auch Träger der Schule in Herrsching ist. Schließlich wurde Treiber nach seinem Abschluss von Studium und Ausbildung angesprochen, ob er nicht als Dozent an die Schule kommen möchte. „Das war schon ein riesiger Vertrauensvorschuss“, erinnert sich Treiber, „ich war gerade einmal Anfang 30“. Von seinem breiten Interesse an politischen und wissenschaftlichen Themen profitierte die Schule schnell. Als Dozent und wenig später auch als Direktor krempelte er Kurs- und Seminarinhalte um, die Gastdozenten und Referent wurden internationaler. Neben dem jährlichen Grundkurs, der nach wie vor eine sehr große Nachfrage genießt, kamen Wochenendseminare hin-zu, auch für ältere Teilnehmer. So geht es beispielsweise um die Hofübergabe, über Steuerrecht oder um die Frage, wie ein Landwirt es schafft, etwas mehr Zeit für sich und die Familie zu finden. Auch die neuen Medien haben zum Wandel beigetragen. „Alles ist schneller geworden“, schildert Treiber, das Informationsverhalten der Menschen habe sich komplett geändert. Darauf müsse man eingehen, sich damit beschäftigen. Und so stehen heuer unter anderem die Themen Kommunikation, Gesprächsführung und Dialogfähigkeit im Fokus. Die Auswahl der Themen ist nicht mehr so leicht wie zu den Anfängen der Einrichtung 1948. „Was in einem Jahr gut ankommt, kann im nächsten Jahr schon nicht mehr gefragt sein“, schildert er die schwierige Analyse. Was im Übrigen den guten Ruf der Schule ausmacht, die Seminarteilnehmer schätzen genau diese Flexibilität. In diesem Jahr habe man sogar Teilnehmer aus der ehemaligen Sowjetunion, was Treiber als weiteren Schritt der Völkerverständigung „und im Übrigen als große Bereicherung“ betrachtet. Viel Eigenwerbung müssen Treiber und seine 45-köpfige Belegschaft nicht betreiben. Vor allem sei es Mundpropaganda, die das Haus jedes Jahr aufs Neue fülle. Und auch die gute Küche nährt – im wahrsten Sinne des Wortes – den Ruf der Landwirtschaftsschule. Rund 350 Gastbelegungen im Jahr sind daher keine große Überraschung. „Durchschnittlich haben wir 25.000 Besucher jährlich.“ Die kommen aus Politik und Wirtschaft, aber auch von der Bundeswehr-Uni oder aus der Forschung. In diesem Sommer steht der nunmehr siebte Umbau an, der in seine Ägide fällt. Neben dem 40 Jahre alten große Bühnensaal, der modernisiert werden muss, soll das Haus einen Wintergarten bekommen. Für das „historische Erbe“ der Agrargeschichte möchte der Direktor außerdem Platz für eine Bibliothek schaffen. Derzeit fristen rund 25.000 Bände des seit 200 Jahren existierenden Landwirtschaftlichen Wochenblatts ein bescheidenes Dasein auf dem Speicher. „Lebendiges Lernen und dabei den eigenen Blick erweitern, das soll in diesem Haus immer so bleiben“, wünscht sich Wulf Treiber für die Zukunft.

Oliver Puls

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