"Ihr seid nicht alleine!"

Magersucht ist in der Gesellschaft immer noch ein Tabu-Thema. Die Mutter einer Betroffenen will nun einen Gesprächskreis gründen - erster Termin ist am 9. Oktober. Foto: Jaksch

Im Dezember vergangenen Jahres ist für Susanne H. (Name von der Redaktion geändert) die Grenze erreicht: Schon seit geraumer Zeit nagt der Verdacht in ihr - bis sie ihre Tochter nun darauf anspricht: „Du bist magersüchtig und ich werde nicht zusehen, wie meine Tochter verhungert.“

Zu diesem Zeitpunkt hat Emma die 40 Kilomarke bereits unterschritten - bei einer Körpergröße von 1,63. Der Weg in die Magersucht begann schleichend. Mitte 2010 kurz nach dem Abitur beschließt die damals 18-jährige Emma - sie wiegt 55 Kilo - ein bisschen an den Hüften abzunehmen. „Sie hat etwas Sport gemacht und auf das Essen geachtet“, erzählt Susanne H. „Auch die gemeinsamen Abendessen verliefen normal, nur eben reduzierter.“ Dass ihre Tochter begann, tagsüber kaum oder gar keine Nahrung zu sich zu nehmen, bekam die 49-Jährige zunächst nicht mit. „Ich bin ganztägig berufstätig und man fragt doch nicht die volljährige Tochter, was hast du tagsüber gegessen.“ Einen ersten Appell, zur Vernunft zu kommen, richtete Susanne H. an ihre Tochter im Mai vergangenen Jahres. „Bei etwa 48 Kilo habe ich gesagt, jetzt ist Schluss.“ Doch da war Emma bereits in der Magersucht gefangen: Statt normalem Essbesteck benutzte sie kleine Löffel, Kuchengabeln und kleine Teller. Die gemeinsamen Einkäufe mit ihrer Mutter, die gewöhlich eine halbe Stunde dauerten, nahmen nun fast zwei Stunden in Anspruch. Jedes Produkt wurde, bevor es im Einkaufswagen landete, genau auf den Kaloriengehalt untersucht. „Um jeden Tropfen Öl wurde beim Kochen diskutiert“, erzählt Susanne H. Die geringe Nahrungsaufnahme zeigt sich nun auch nicht mehr nur im Gewichtsverlust. Emma kann mittlerweile kaum noch schlafen und friert ständig. Zudem gehen ihr die Haare aus und auch der Hormonsopiegel singt drastisch. Anfang dieses Jahres kann Susanne H. ihre Tochter davon überzeugen, dass sie Hilfe benötigt. Die holen sie sich zunächst in der ANAD-Zweigstelle in Weilheim, einem Verein für Rat und Hilfe bei Essstörungen. Zusammen mit einer Therapeutin und Ernährungsberatung soll Emma zu Hause geholfen werden, von der Magersucht los zu kommen. „Aber es funktionierte nicht.“ Im Frühjahr willigt Emma endlich ein, ab Mai eine zehnwöchige, stationäre Therapie in der Schön Klinik in Prien zu beginnen. Zwischen 600 und 800 Patienten werden dort jährlich wegen Magersucht behandelt - die Jüngste derzeit ist zehn Jahre alt. „Emma ist sehr willig, kämpft hart an der Front, aber sie will wieder gesund werden“, so Susanne H., die froh ist, rechtzeitig „die Notbremse“ gezogen zu haben. Auch wenn die Zweifel ob des Zeitpunkts manchmal noch in ihr Nagen. Seit einer Woche nun ist Emma wieder zu Hause. „Es geht ihr soweit gut, sie hat ihr Ziel, noch etwas an Gewicht zuzunehmen selbstbewusst vor Augen und ist guter Dinge, dass sie ihr Studium (Lehramt) ab Oktober wieder aufnehmen kann“, so Susanne H. Auch die behandelnden Ärzte bescheinigen Emma eine positive Prognose, da „sie noch weiß, wie sich Fröhlichkeit und Lebenslust anfühlen. Und es ist von Vorteil, dass sie immer gegessen hat, auch wenn es sehr sehr wenig war“, erzählt ihre Mutter. Auch an der Alleinerziehenden ist diese Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Sie hat sich mittlerweile in Therapie begeben. „Man ist in dieser Situation so hilflos, allein und hat keinen Austausch.“ Nächtelang habe sie zum Thema Magersucht gegoogelt und Bücher gewälzt - allein eine Selbsthilfegruppe in Weilheim zum persönlichen Gespräch gab und gibt es nicht. „Dabei gibt es allein Weilheim etwa 400 bekannte Fälle von Essstörungen, aber die Menschen sprechen nicht darüber“, wundert sich Susanne H. Unterstützung hingegen kam seitens ihres Chefs. Wann immer ein Notfall eintrat, konnte die Weilheimerin von ihrem Schreibtisch sofort zu ihrer Tochter eilen. „Er hat wirklich viel Verständnis gezeigt“, ist die 49-Jährige dankbar. Aufgrund ihrer Erfahrungen, dem Fehlen von Gesprächen und dem gedanklichen Austausch will Susanne H. einen Gesprächskreis für Betroffene, Angehörige und Freunde zum Thema Essstörungen ins Leben rufen. Zur Seite steht ihr dabei die Schön Klinik in Berg, die ihr entsprechende Räume zur Verfügung stellt. Auch werden bezeiten Ärzte, Therapeuten und Ernährungsberater Vorträge halten. „Bedauerlicherweise ist dieses Thema in unserer Gesellschaft immer noch tabu.“ Auch wüssten Angehörige oft nicht, bei welchen Anlaufstellen sie um Rat und Hilfe ersuchen können. Der Gesprächskreis solle zeigen: „Ihr seid nicht alleine!“ Ein erster Termin steht im Übrigen schon fest: Dienstag, 9. Oktober. Treffpunkt ist um 18 Uhr am Empfang der Schön Klinik in Berg/Kempfenhausen. Wer mehr über den Gesprächskreis wissen möchte kann über die E-Mail Adresse elterngespraechskreis@gmx.de Kontakt zu Susanne H. aufnehmen.

Meistgelesene Artikel

Zwischen Zukunft und Vergangenheit

Gilching – Die Gemeinde Gilching gehört zu den Gemeinden im Landkreis Starnberg, die kontinuierlich wächst und zudem Standort international tätiger …
Zwischen Zukunft und Vergangenheit

Auftakt der Feierlichkeiten zum 1275. Geburtstags Tutzings

Tutzing – Zu ganz besonderen Anlässen kann die Gemeinde Tutzing die ansonsten verpachtete Kustermann-Villa für eigene Veranstaltungen nutzen - und so …
Auftakt der Feierlichkeiten zum 1275. Geburtstags Tutzings

Vor dem Spaß wurde aufgeräumt

Weßling – Wenn die Temperaturen in den Minusbereich rutschen, bricht bei so manch einem Weßlinger nervöse Vorfreude aus. Dann bringt er oder sie …
Vor dem Spaß wurde aufgeräumt

Kommentare