Umbau abgelehnt

Barrierefreiheit bleibt ein Wunsch

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Herrsching – Ein barrierefreier Ausbau des Kurparkschlösschens ist vom Tisch. Zumindest für den Herrschinger Gemeinderat.

Mit einer hauchdünnen Mehrheit von einer Stimme entschied dieser am Montagabend, die Pläne, der Scheuermann-Villa auf der Rückseite einen Aufzugsturm zu verpassen und somit auch für Rollstuhlfahrer und Gehbehin- derte zugänglich zu machen, ad acta zu legen. Vorausgegangen war eine emotionsgeladene Sitzung. Seit sieben Jahren beschäftigen sich Kommunalpolitiker, Denkmal- und Brandschützer sowie Fachplaner mit dem Schlösschen am Ufer des Ammersees, das als Wahrzeichen der Gemeinde gilt. 2008 drohte eine Nutzungsuntersagung durch das Landratsamt, der Brandschutz entsprach nicht mehr den neuesten Auflagen. Die Gemeinde musste Trauungen und Kulturveranstaltungen verlegen. Bereits damals machte sich der scheidende SPD-Gemeinderat Wolfgang Schief für einen barrierefreien Zugang des Kurparkschlösschens stark. Das Ingenieurbüro Gollwitzer, das der Gemeinderat hinzuzog, machte mit einer umfangreichen Untersuchung deutlich, dass ein Rollstuhl tauglicher beziehungsweise barrierefreier Ausbau nur mit großen Anstrengungen möglich wäre – und mit großer Wahrscheinlichkeit vom Denkmalschutzamt abgelehnt wird. Der damalige Gemeinderat entschied, lediglich in den Brandschutz zu investieren und auf einen Umbau zu verzichten. Doch Wolfgang Schief und der Behindertenbeirat ließen nicht locker. Und so kam das Thema erneut auf die Agenda. In diesem Frühjahr gelangte dann eine Runde aus Fachleuten – trotz aller Unwägbarkeiten – zu der Überzeugung, mittels eines externen Aufzugturms das Schlösschen doch für Rollstuhlfahrer zugänglich machen zu können. Mit dem Architekten Andreas Doktor zog der Gemeinderat in diesem Sommer dann erneut einen Planer hinzu, der einen ersten Entwurf für einen Aufzugsturm mit Rampen für die nördliche Seite bei den Tennisplätzen vorstellte. Kostenpunkt: Zwischen 300.000 und 350.000 Euro. Doch jetzt steht fest, dass nicht nur die Rampen dem Brandschutz nicht Stand halten werden, sondern auch die Decken bei einer erweiterten Nutzung durch Rollstuhlfahrer mindestens die „Feuerwider- standsklasse“ F60 aufweisen müssen. Doktor geht heute von einer maximalen Stärke von F30 aus. „Wenn überhaupt“, warnte der Architekt vor Überraschungen, „man findet eigentlich nie das, was man finden möchte“. Mit stärkeren Decken müsse wiederum die Statik auf den Prüfstand, außerdem würden die stilvollen Kassendecken eingeschalt und die Holzbalken mit Stahlverstrebungen versehen werden. Die Parkettböden würden unter Umständen komplett verschwinden. „Ist das denn noch unser Kurparkschlösschen?“ warf Thomas Bader (CSU) die Frage auf. Auch Bürgermeister Christian Schiller stellte fest, „das Flair ist dann weg“. Zu den möglichen Kosten stellte Doktor fest, „nageln sie mich nicht fest, aber gehen sie von einem höheren sechsstelligen Betrag aus“. Für Klaus Pittrich (CSU) stand fest, „heute ist endlich Schluss“. Schnell sei man bei einer Million Euro und mehr, der Gemeinderat möge lieber nach Alternativen Ausschau alten. Dabei brachte er den Bahnhof ins Spiel. Dieser sei im Besitz der Gemeinde und barrierefrei. In dasselbe Horn stieß Anke Rasmussen (Grüne). Sie hielt ein flammendes Plädoyer für den Erhalt des Kurparkschlösschens und nannte den Aufwand und die möglichen Ausgaben unverhältnismäßig. „Wir zerstören unser Kurparkschlösschen für immer“, warnte Rasmussen. Auch sie befand wie ihr Vorredner, der Bahnhof sei eine gute Alternative für große Veranstaltungen. Dagegen warnte Hans-Hermann Weinen (SPD), Veranstaltungen nicht gegeneinander auszuspielen. Und BGH-Gemeinderätin Christiane Gruber warnte, „wenn wir das heute beschließen, beschließen wir den Ausschluss von gehbehinderten Menschen“. Für FDP-Gemeinderat Rudolf Winter tat sich dagegen die „einmalige Chance“ auf, mittels eines Genehmigungsverfahrens den wahren Aufwand zu ermitteln. „Gehen wir einen Schritt weiter“, empfahl Winter. Und sein Fraktionskollege Johannes Puntsch, selbst Architekt und mit dem Procedere vertraut, stellte schließlich den Antrag, einen Vorbescheid bei den Genehmigungsbehörden einzuholen. „Dann wissen wir, was geht und was nicht“, unterstrich Puntsch. „Niemand könnte heute Neuschwanstein besuchen“, legte er nach. Als falsch erachtete auch Anke Strobl (BGH) den Zeitpunkt, „das Thema jetzt abzuschließen bevor wir einen echten Bescheid haben“. Mit 11:12 Stimmen fiel auch Puntschs Antrag durch. Oliver Puls

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