Rainer Kramny betreut Strafgefangene

Ungewöhnliches Ehrenamt

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Gilching – Was tun, wenn der tägliche Stress im Arbeitsleben wegfällt und plötzlich viel Freizeit zur Verfügung steht?

„Ich wollte was Sinnvolles tun“, sagt Rainer Kramny aus Gilching. Der Hochfrequenztechniker war bei Siemens beschäftigt und hatte sich vor 17 Jahren im Alter von 55 Jahren „selbst weg rationalisiert“. Seither betreut er Gefangene in bayerischen Gefängnissen. „Ausschlaggebend für mich waren zwei Dinge“, erzählt Kramny. Zum einen habe er zufällig nach seinem Ausstieg aus dem Arbeitsleben Erich Kästners Spruch „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ gelesen. Zeitgleich fiel sein Blick auf eine Anzeige, in der der Kabarettist Dieter Hildebrandt für ein Zeitungs-Abo für Strafgefangene warb. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er auf die Adresse der Evangelischen Straffälligenhilfe mit Sitz in München stieß. Seither zählen zu Kramnys Klientel Jugendliche, Ersttäter, Mörder, Kinderschänder, Totschläger, Steuerhinterzieher, Insolvenzverschlepper und Terroristen. Wichtig sei, stets die Distanz zu wahren und keine freundschaftlichen Gefühle zuzulassen, sagt Kramny. „Es bleibt grundsätzlich beim förmlichen Sie.“

Die Evangelische Straffälligenhilfe habe sich ausschließlich auf die Betreuung von Einzelpersonen ohne jeglichen Kontakt nach außen spezialisiert, betont Kramny. Ein Kontakt komme außerdem nur dann zustande, wenn es der Gefangene wünscht und selbst Antrag auf Betreuung stellt. Prinzipiell macht sich der 76-Jährige einmal im Monat auf den Weg in ein bayerisches Gefängnis. Unter anderem in die Justizvollzugsanstalt Landsberg sowie in die Zweigstelle nach Rothenfeld bei Andechs. Zwei Stunden Besuchszeit insgesamt sind die Regel. Während dieser Zeit können Erstbesuche wie auch Regelbesuche stattfinden. Sind es mehrere Gefangene, die betreut werden, verkürzt sich die Besuchszeit für den Einzelnen. Dazu kommt eine aufwendige Vorbereitungszeit, in der sich Kramny sorgfältig auf die Besuche einstellt.

Insgesamt engagieren sich bei der Evangelischen Straffälligenhilfe rund 50 Personen. Darunter auch Menschen mit unterschiedlichsten Lebensläufen. Und dann kommt der gebürtige Breslauer angesichts der aktuellen Flüchtlingsproblematik auf seine eigene Jugend zu sprechen. „Wir sind nach Kriegsende als Flüchtlinge ins tiefste Niederbayern gekommen. Damals war ich fünf Jahre alt. Die Bauern, bei denen wir zu viert in einem kleinen Kammerl einquartiert wurden, waren alles andere als begeistert.“ Trotz ungünstigster Voraussetzungen und deutlicher Prophezeiungen der Einheimischen – „aus Dir wird nie etwas“ – habe er es geschafft. Deshalb sein Appell an die Gesellschaft: „Ich glaube, dass viele heutige Flüchtlinge sich auch anstrengen, etwas zu werden und dann auch etwas zurückgeben wollen, indem mancher von ihnen so ein Ehrenamt bekleiden will. Es wird im Knast jeder dankbar sein, und nicht erst nach den Lebenslauf des Betreuers fragen. Die JVAs sind für jeden intergierten Fremdsprachigen und kulturell Weitblickenden dankbar. Der Bedarf wird steigen.“ pop

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