Viel Applaus für den Senkrechtstarter

Prost: Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg stattete dem Tutzinger Volksfest am vergangenen Freitag einen Besuch ab - und überzeugte die Gäste mit kritischer Selbstreflexion. Foto: Jaksch

Die am Sonntag vorgesehene Wahl des „Mr. Tutzing“ hätten sich die Veranstalter des Tutzinger Volksfestes diesmal eigentlich sparen können - bereits am Freitagabend heißt der außer Konkurrenz angetretene Gewinner Karl Theodor zu Guttenberg, seines Zeichens Bundesminister für Verteidigung und Ehrengast beim politischen Abend der CSU.

Das Interesse für seinen Auftritt ist schon gut eine Stunde vorher derart groß, dass am Zelteingang Einlass-Kontrollen erforderlich werden. Drinnen drängen sich gut 900 Festbesucher, stets gut beobachtet von einem recht nervösen Security-Team und einem recht entspannt agierendem Polizei-Aufgebot. Als der Minister gegen 20 Uhr eintrifft und mit dem üblichen Bayerischen Defiliermarsch zu seinem Tisch eskortiert wird, spricht ihn ein Mann bosnischer Herkunft an – wie sich rasch herausstellt, ist auch er ein Bewunderer des Senkrechtstarters aus Oberfanken und bietet zu Guttenberg sogar an, gemeinsam eine neue Partei zu gründen: „Wenn sie uns brauchen, wir sind da“, soll der Mann bei der kurzen Begegnung im Gewühl gesagt haben. Der Starnberger Polizei-Chef Norbert Reller, mit seinen Leuten für die Ordnung verantwortlich, wird später Ähnliches sagen, wenn auch aus anderen Gründen: „Wir waren in dem Moment sehr nah“, so Reller auf Nachfrage zum Zwischenfall mit dem Bosnier. Um 20.26 Uhr ist es dann so weit: Der CSU-Kreisvorsitzende Harald Schwab kündigt „den beliebtesten Politiker Deutschlands“ an, und zu Guttenberg entert federnden Schritts die Rednerbühne. Als Gast weiß er sofort, was gut ankommt im oberbayerischen Wahlkreis seiner abwesenden Kabinettskollegin Ilse Aigner: „An deren Charme kann ich mich ja nur annähernd ran stinken“, fischt der Minister drauflos, outet sich anschließend nochmals brav als Oberfranke und vergisst auch nicht, die Musiker der Kapelle Haunshofen gebührend zu begrüßen: „Der Unterschied zwischen Ihnen und der hohen Politik? Sie blasen, und es kommt was Gscheit´s bei raus, wir blasen uns auf.... und den Satz führe ich jetzt lieber nicht zu Ende.“ So geht „Bierzelt“. Guttenberg hat den Ton des Abends vorge-geben: kritische Selbstreflexion, kein Eindreschen oder auch nur die Erwähnung politischer Gegner. Das kommt gut an bei den politikerverdrossenen Leuten, doch noch besser punkten kann der Minister an diesem Abend, als er aktuelle Stichworte aufgreift und in einem Aufwasch Thilo Sarrazins Thesen zur Integration von Einwanderern, Frau Steinbachs Anmerkungen zum Überfall auf Polen 1939 und den jüngst geehrten dänischen Mohammed-Karikaturisten thematisisert: „Ich glaube, dass Sarrazin den Finger auf eine weit offen klaffende Wunde gelegt hat“, sagt Guttenberg und fügt hinzu, „Auch wenn er in Vielem fehl geht, der Herr mit dem lustigen Schnurrbart und der lustigen Brille, der manchmal so gar nicht lustig wirkt – der hat uns auch gut getan in den letzten Wochen“. Er, Guttenberg, habe aber „nicht das Gefühl, dass unsere Gesellschaft von Biologismus und Gen-Debatten geprägt ist. Wir können aber durchaus stolz sein auf das, was unsere Kultur geprägt hat!“ Donnernder Applaus im Zelt. Die Leute scheinen nur darauf gewartet zu haben, dass ein hoher Politiker Volkes Stimme wiedergibt. Doch Guttenberg ist auf der Hut: Zu Frau Steinbach sagt er nur, dass er sich erst dazu äußern wolle, wenn er mit ihr selber gesprochen habe: „Ich war nicht dabei.“ In Sachen Karikaturisten-Ehrung stellt sich der Minister inhaltlich hinter Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Wenn wir beginnen, uns für unsere eigene Kultur zu rechtfertigen, gar zu entschuldigen, dann bieten wir genau jene Angriffsfläche, dass wir angeblich nicht von dieser Kultur über-zeugt wären.“ Der eigenen Zunft bescheinigt Guttenberg Folgendes: „Ein Politiker, der unbequeme Wahrheiten, auch Zumutungen, erkennt und trotzdem schweigt, ist selber eine Zumutung.“ Wieder starker Beifall. Selten hat man einen politischen Bierzelt-Redner derart Kritisches über den eigenen Berufsstand äußern hören. Guttenberg hat zu diesem Zeitpunkt zumindest alle CSU-Mitglieder restlos begeistert – dass er auch noch eine halbe Stunde seiner 71-minütigen Rede für die Finanzkrise, die Strukturreform der Bundeswehr und die Sicherheitslage in der Welt aufwendet, spielt kaum noch eine Rolle. Die auch in Tutzing so gebeutelten Christsozialen, sie haben wieder einen Hoff-nungsträger. Thomas von Mitschke-Collande überreicht zu Guttenberg namens der Orts-CSU als Dankeschön für eine „fulminante Rede“ eine CD mit Geschichten vom Starnberger See und dazu einen iPod. „Wir dümpeln bei 40 Prozent, ohne Sie wären es noch weniger“, sagt Mitschke zum Minister. Der hat inzwischen volksnah sein Jackett abgelegt, sich den ipod ins Ohr gesteckt und erwidert: „Ich kann Sie zwar nicht mehr hören, aber - Danke!“ Dann singt ein ganzes Zelt die Bayern-Hymne und anschließend die National-Hymne. Volksfeststimmung in Tutzing.

Meistgelesene Artikel

Pöcking im Ausnahmezustand

Pöcking – Mit einer spritzigen Show hat der Pöckinger Faschings club (PFC) beim Krönungsball am vergangenen Samstag die Zuschauer begeistert. Erneut …
Pöcking im Ausnahmezustand

Unfall wegen überhöhter Geschwindigkeit

Starnberg/Landstetten - Am heutigen Donnerstag, 12. Januar, ereignete sich, gegen 7.55 Uhr, auf der Ortsverbindungsstraße von Pöcking-Aschering nach …
Unfall wegen überhöhter Geschwindigkeit

Feiernde Jugendliche sorgen für Ärger

Weßling – Des einen Freud, des anderen Leid – mit diesem Englische Sprichwort könnte man die Emotionen am Weßlinger See beschreiben, wo zum Leidwesen …
Feiernde Jugendliche sorgen für Ärger

Kommentare