70 Jahre VHS Schongau

Als das Eheseminar der Renner war

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Einblick in den Werdegang und in den Wandel der Erwachsenenbildung: VHS-Leiterin Ursula Diesch im Stadtmuseum.

Schongau – Heutzutage ist das unvorstellbar, aber nach dem Zweiten Weltkrieg war das der große Renner: 1300 Menschen aus dem Schongauer Land strömten Anfang 1955 zu einem Eheseminar, das in Schongau angeboten wurde. Die Fachvorträge mussten tonlich gar vom Ballenhaus bzw. vom Kino auf den Platz bzw. in andere Räume übertragen werden, so groß war das Interesse vorwiegend junger Erwachsener. Das war und ist ein Highlight in der Geschichte der Volkshochschule Schongau. Zum 70-jährigen Bestehen ist eine Ausstellung im Stadtmuseum gestaltet worden; zudem war das Jubiläum Anlass für einen Festakt im Ballenhaus.

Einen Streifzug durch 70 Jahre VHS-Geschichte unternahmen Franz Grundner vom Historischen Verein, VHS-Leiterin Ursula Diesch und deren Mann Karl Kühmoser. Das Programm des Eheseminars, das neun Abende umfasste, reichte vom Auftakt „Worauf es ankommt“ über „Liebe vor der Ehe“ bis zu „Die Ehe – offene Worte eines Arztes“.

Franz Grundner hatte die Ausstellung zusammen mit Harald Scharrer vom Historischen Verein vorwiegend mit aussagekräftigen Plakaten gestaltet. Darunter befindet sich auch eines mit dem Hinweis auf einen Vortrag „Die sittliche Gefährdung der Jugend – Eltern! Euren Kindern droht Gefahr - Fragen der Reife und der Aufklärung“. Mit diesem Thema befasste sich Ende 19656 der Leiter des Jugendamtes.

Karl Kühmoser, selbst Dozent an der VHS, blickte darauf zurück, dass Sigfried Hoffmann der Initiator der Volkshochschule Schongau war, zu der auch die Außenstelle Steingaden gehört. Schongauer Persönlichkeiten wie Kommerzienrat Fritz Holzhey senior oder wie der frühere Bürgermeister Dr. Otto Ranz ließen Interessierte an ihren Reiseabenteuern („Rund um den Stiefel“, „Faltbootfahren in Frankreich“ oder „Spanische Impressionen“) teilhaben. In den prestigeträchtigen sechziger Jahren waren gar Referenten bis aus Afrika bei der VHS in Schongau zu Gast.

Ursula Diesch zeigte den Wandel in den vergangenen Jahrzehnten auf. Sprachkurse seien ab den 70-er Jahren zunehmend nachgefragt worden; später seien vielfältige Angebote zur Gesundheit dazugekommen. Bestandteil seien inzwischen naturkundliche Impressionen. Ein großer Erfolg sei 2015 die Literaturwoche gemeinsam mit der seit 1979 bestehenden VHS Peiting gewesen, bei der 1700 Teilnehmer verzeichnet wurden. Auch für 2017 plane man Kulturtage, allerdings nicht gebündelt, sondern auf mehrere Wochen verteilt.

„Ganz vorne“ dabei gewesen

Beim Festakt im Ballenhaus würdigte Barbara Sporrer, die Bezirksvorsitzende im bayerischen VHS-Verband, dass Schongau bei den ersten VHS-Gründungen „ganz vorne dabei war“. Bürgermeister Falk Sluyterman richtete anerkennende Worte an die Kursleiter, „die Woche für Woche den Horizont der Kursteilnehmer erweitern helfen“, aber dabei wohl selbst auch dazu lernen. Landrätin Andrea Jochner-Weiß erklärte, Bildung und Wissen seien Grundlagen jeder demokratischen Gesellschaft; dies sei auch so in der Bayerischen Verfassung verankert.

Kreisheimatpfleger Helmut Schmidbauer hielt beim Festakt im Ballenhaus, der vom Posaunenensemble und vom Gitarrenensemble der Musikschule Pfaffenwinkel musikalisch gestaltet wurde, den Festvortrag. Er beleuchtete die Entwicklung der Erwachsenenbildung vor Ort genauso wie in Bayern.

Im Mai 1947 sei das erste VHS-Programm für Schongau erscheinen –mit gerade mal sechs Dozenten. Die Ausstattung sei damals „jämmerlich“ gewesen. Für Heiterkeit im Saal sorgte Schmidbauer, als er an den „größten Aufreger“ erinnerte, an den Kauf einer Schreibmaschine. Dies habe im Stadtrat der Nachkriegszeit eine „Diskussionslawine“ verursacht. Bürgermeister Lechenbauer habe schließlich durchgesetzt, dass eine eigene Schreibmaschine angeschafft werde, die VHS und Verkehrsverein gemeinsam nutzten, aber sonst kein anderer Bediensteter im Rathaus.

Schmidbauer blickte drauf zurück, dass die Erwachsenenbildung ihren Ursprung im Wirken Adolph Kolpings hatte. Dieser kämpfte Mitte des 19. Jahrhunderts vehement dafür, dass in Zeiten der Industrialisierung die Arbeiter „neben Werkstatt und Wirtshaus“ auch eine dritte Lokalität für Lesen und für Bildungszwecke vorfinden müssten. In Schongau war im 19. Jahrhundert der frühere Stadtpfarrer Dr. Leonhard Zill, zugleich Schulinspektor, der Motor des Bildungsgedankens. Er setzte sich dafür ein, dass es 1867 zur Gründung einer gewerblichen Schulstätte kam. Das ist als Vorläufer der heutigen Berufsschulen zu sehen.

Johannes Jais

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