Erste Demenz-Wohngemeinschaft mit drei Mietern gestartet – Kein klassisches Pflegekonzept

"Die Angehörigen sind die Chefs"

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Die Wohnküche ist das Herzstück der Demenz-Wohngemeinschaft „Josef“ an der Paradeisstraße. Die WG „Maria“ im gleichen Gebäude soll bei entsprechender Mieter-Resonanz nach Ostern eröffnet werden. Mit auf dem Bild: Vlasta Beck, Pflegebetreuerin Christiane Berger mit WG-Hündin „Amray“, Inge Schmidt-Winkler und Oliver Pilz.

Weilheim – Ein Gebäude für zwei Demenzwohngemeinschaften und ein Gebäude für nachbarschaftliches Wohnen: Das sind die Kernstücke des Wohnbauprojekts an der Paradeisstraße 20, in das die MARO-Genossenschaft rund 7,1 Millionen Euro gesteckt hat. „Ohne Gewinnerzielungsabsicht“, wie Vorstandsmitglied Inge Schmidt-Winkler betont.

Nachdem die Bauarbeiten bis auf die Außenanlagen weitestgehend abgeschlossen sind, zieht in den Häusern nun peu à peu Leben ein. In der Demenzwohngemeinschaft „Josef“ sind Anfang Februar die ersten drei Mieter eingezogen. Die bisherigen Eindrücke der Angehörigen sind durchwegs positiv, wie bei einem kürzlichen Pressegespräch zu erfahren ist.

Jutta Ruffing spricht ganz bewusst von „Wir“, als sie vom Einzug ihrer Mutter in der neuen Demenz-WG erzählt: „Meine Mama und ich sind eingezogen“, beteuert die Angehörigensprecherin – obwohl sie selbst natürlich eine eigene Wohnung hat. Aber die Angehörigen haben in der Projektkonzeption eine ganz wichtige Rolle. Als Vertreter der Demenzkranken entscheiden sie über alle Angelegenheiten des Gemeinschaftslebens, wie den Essensplan, die Auswahl des Pflege- und Betreuungsdienstes oder über die Aufnahme neuer Mieter. Die Alzheimer-Gesellschaft Pfaffenwinkel-Werdenfels als Kooperationspartner hat bezüglich der Wohnungsbelegung nur noch eine Vermittlerrolle. „Die Angehörigen sind die Chefs“, sagt Vlasta Beck, die das Sprechergremium im Auftrag der MARO fachlich berät und mögliche Konfliktfelder abfedern soll: „Wir sind da realistisch, es wird irgendwann Probleme geben.“ Bislang ist das aber noch nicht der Fall. Ruffing ist von der Startphase in der WG angetan, sie spricht von einem „emotional positiven und angenehmen Gefühl“: „Mama ist bereits in sich ruhiger geworden. Alles läuft total entspannt.“

Ruffings Mutter war früher in Weilheim als Kiefer-Orthopädin tätig. Der regionale Bezug ist neben der Mitgliedschaft in der Genossenschaft eines der Vergabekriterien, um als Mieter genommen zu werden. Die Warteliste für die insgesamt 19 Plätze in den beiden Wohngemeinschaften ist gut gefüllt. Oft scheuen sich die Angehörigen aber vor dem letzten Schritt. Das war auch bei Ruffing so. Anfangs dachte sie, die Pflege der Mutter zu Hause händeln zu können. „Aber irgendwann geht es daheim nicht mehr“, weiß Ruffing aus Erfahrung. Das Wohnprojekt an der Paradeisstraße kam da genau zum richtigen Zeitpunkt.

Mit einem klassischen stationären Pflegekonzept haben die Demenz-Wohngemeinschaften nichts zu tun. Zwar gibt es mit der Ökumenischen Sozialstation einen ambulanten Pflegedienst, allerdings soll kein Seniorenheim-Ambiente entstehen: „Das System ist genau umgedreht“, erklärt Oliver Pilz, der Leiter der Sozialstation: „In einem Heim ist der Bewohner Gast. Die WG ist aber das Heim der Mieter, und die Pflegebetreuer sind dort nur zu Gast.“ Derzeit gibt es 296 ambulant betreute Wohngemeinschaften in Bayern. Nur knapp über die Hälfte davon sind für Demenzkranke konzipiert: „Das deckt den Bedarf überhaupt nicht ab“, bedauert Schmidt-Winkler. Das Projekt in der Paradeisstraße habe deshalb Modellcharakter: „Weilheim hat einen sehr mutigen und innovativen Schritt getan“, lobt Schmidt-Winkler. Und wie sieht es mit einem weiteren Engagement der MARO-Genossenschaft im Landkreis aus? „Das kann ich mir sehr gut vorstellen“, so Schmidt-Winkler.

von Bernhard Jepsen

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