Eine Depression erkennen und richtig behandeln: Experten klären auf

Wenn das Glas immer halb leer ist

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V. li.: Veronika Moosmang, Leiterin Gesundheitsregion Plus; Petra Regauer, Leiterin Gesundheitsförderung; Bernhard Richter, Leiter der Beratungsstelle für Psychische Gesundheit im Landkreis; Leiter des Gesundheitsamtes Dr. Karl Breu; Leiter Humanmedizin Dr. Stefan Günther und Dr. Maria Epple, leitende Oberärztin der kbo Lech-Mangfall-Klinik Peißenberg.

Landkreis – „Eine Depression kann jeden treffen“, macht Dr. Stefan Günther, Leiter der Humanmedizin am Gesundheitsamt, bei einem Pressegespräch deutlich. Unter dem Motto „Bitte stör mich! – Aktiv gegen Depression“ will das Gesundheitsamt ein Bewusstsein für seelische Erkrankungen schaffen und über den Umgang damit informieren.

„Bitte stör mich“ ist als Aufforderung zu verstehen, Menschen, die an Depression erkrankt sind nicht alleine zu lassen, sondern ihnen aktiv zu helfen. „Jeder hat mal eine traurige Phase, aber die geht vorbei“, so Gesundheitsamtsleiter Dr. Karl Breu. Bei Menschen, die an einer Depression leiden, ist das anders. „Sie fühlen sich wie in einem Loch“, erklärt Breu, „Depressive sind traurig – auch ohne Anlass“. Depression ist eine Krankheit, die nicht so offensichtlich wie ein gebrochenes Bein ist. Daher ist das Wissen, wie die Krankheit zu erkennen ist, wichtig, um Betroffenen helfen zu können. Aufmerksamen Freunden und der Familie kommt eine große Rolle zu.

Zu den Symptomen der Depression gehören: gedrückte Stimmung, (scheinbar) grundloses Weinen, Freudlosigkeit – schöne Dinge werden nicht mehr wahrgenommen –, Antriebslosigkeit und Interessensverlust, viel Grübeln, Schlafprobleme, Zukunftsängste, Rückzug aus dem sozialen Leben und innere Getriebenheit.

„Die Erkrankung ist oft schleichend“, erklärt Dr. Maria Epple, leitende Oberärztin der kbo Lech-Mangfall-Klinik in Peißenberg. Häufig fällt es erst auf, wenn der Betroffene nicht mehr wie gewohnt in der Gesellschaft funktioniert – er hat Probleme in der Arbeit, zieht sich zurück. „Die Erkrankung geht oft auch mit körperlichen Beschwerden einher“, verweist Epple auf einen Zusammenhang.

Manchmal wird die Depression zunächst nicht als die Ursache für körperliche Beschwerden erkannt. Wie wichtig es ist, Depressionen ernst zu nehmen, zeigt der Umstand, dass diese Krankheit in schweren Fällen tödlich verlaufen kann. So ist in sieben der 22 Suizidfälle im Landkreis (2016) Depression die Ursache, erläuterte Günther. Außerdem gebe es eine hohe Dunkelziffer im Bereich der Suizidversuche oder beim Gedanken an einen Suizid.

Depressionen sind auf „Platz zwölf der häufigsten Erkrankungen bei Krankschreibungen“, so Günther in Bezug auf die steigende Zahl der betroffenen Menschen. Häufiger als andere sind Menschen aus den Berufsgruppen Bank-, Versicherungs-, Gesundheits- und Erziehungswesen betroffen. Darüber hinaus erkranken mehr Frauen als Männer. Epple geht davon aus, dass Frauen Depressionen eher zugeben als Männer. Frauen sind offener, konstruktiver. Ursachen für Depressionen sind bei ihnen oft auch gescheiterte Lebensentwürfe. Männer tun sich häufig schwerer damit zuzugeben, dass es ihnen schlecht geht. Versuche, sich selbst zu therapieren, zum Beispiel mit Alkohol, führen zu einer Spirale der Probleme.

Die Suizidrate bei Männern ist höher als bei Frauen. Die Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell 2012“ vom Robert Koch-Institut legt nahe, dass 13 Prozent der Frauen und acht Prozent der Männer sich seelisch belastet fühlen. Epple erzählt, dass in der Klinik in Peißenberg rund 300 Patienten im Monat behandelt werden. Neben der Ambulanz stehen 20 Betten zur Verfügung, die sehr gut ausgelastet sind.

Nicht alle Fälle der Depression sind gleich. Unterschieden wird in leichte, mittlere und schwere Fälle. Ja nach dem Grad der Erkrankung erfolgt dann die Behandlung. Gerade bei schweren Fällen setzt sich diese aus einer Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie zusammen. Wichtig ist auch die Einbeziehung der Familie, sind Gespräche. „Unser Ziel ist es, dass es zurück in den Alltag geht“, so Epple. Depression ist eine „gut behandelbare psychische Erkrankung“, macht sie Mut.

Eine Vielzahl an Angeboten im Landkreis sollen betroffenen Menschen, wie auch Angehörigen und Freunden, helfen, mit der Depression richtig umzugehen. Dazu gehört auch die Beratungsstelle für Psychische Gesundheit im Landkreis. „Zu uns können alle kommen, wenn es ihnen psychisch schlecht geht“, betont der Leiter Bernhard Richter. Für ihn ist es wichtig, dass zum Beispiel die Angehörigen einen Depressiven nicht im Stich lassen. Auch wenn es schwer ist. Sie sollten aber nicht vergessen, dass sie den Betroffenen aus der Depression nicht alleine herausholen können und dass Selbstaufopferung nicht der Weg ist. „Ich finde schon, dass es eine Herausforderung ist, einen depressiven Menschen zu Hause zu haben“, so Richter. Umso mehr Bedeutung kommt der Hilfe zum Beispiel durch psychologische Betreuung, Beratung oder auch Selbsthilfegruppen zu. „Wir haben eine gute Versorgung mit Diensten“, so Breu. „Was im Landkreis fehlt ist eine stationäre Einrichtung.“ Informationen zu Psychiatern, Psychotherapeuten sowie Beratungsstellen liegen in einem Faltblatt des Gesundheitsamtes aus.

Damit bereits Jugendliche den richtigen Umgang mit Depressionen und das Erkennen ihrer Anzeichen lernen, wird zum Beispiel am Gymnasium mit der elften Klasse ein Projekt durchgeführt. Das Konzept, wie Petra Regauer von der Gesundheitsförderung es vorstellte, sieht auch einen Klinikbesuch und Referenten, die in der Klasse zum Thema informieren, vor. Die Schüler sollen sich dann in Gruppen mit der Depression auseinander setzen und Figuren dazu erstellen. Diese werden dann in einer Ausstellung gezeigt.

Hilfe und Beratung:

Infoblatt zu Psychiatern, Psychotherapeuten und Beratung: www.weilheim-schongau.de/Inhalt/Stichworte_A_Z/_Abt.6/Sg_60/Psychische_Gesundheit/Flyer_Rat_und_Hilfe-2016-3.pdf; Sozialpsychiatrischer Dienst: Weilheim, Tel. 0881/924520-241; Schongau Tel. 08861/ 1312.

von Melanie Wießmeyer

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