"Ein System für alle " – Bessere Lebensverhältnisse für Menschen mit Behinderungen im Landkreis

Nachdem er viele Jahre in einem Wohnheim der Herzogsägmühle einquartiert war, hat Hans Biehler vor anderthalb Jahren den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin nahm sich Biehler, der momentan in den Gaißacher Oberland-Werkstätten beschäftigt ist, eine eigene Wohnung in Penzberg.

Das Leben im Heim war Biehler auf Dauer „zu vorgegeben und eingeschränkt“, weshalb er „einfach mal etwas anderes ausprobieren“ wollte. In seiner neuen Umgebung wird der 49-Jährige nun von einem ambulanten Hilfsdienst unterstützt - und bislang läuft alles relativ gut: „Ich kann mir jetzt selbst etwas beweisen“, ist der Neu-Penzberger jedenfalls froh darüber, seinen Alltag eigenständig bewältigen zu können. Um Behindertenhilfe, die dieser Zielgruppe eine individuelle Gestaltung des Lebenslaufs und den Kontakt zu einem „inklusiven Gemeinwesen“ ermöglicht, genau darum geht es bei der „Örtlichen Teilhabeplanung im Landkreis“ , die vor einem Jahr als Modellprojekt vom Bezirk Oberbayern in Kooperation mit dem Landkreis und dem Beirat für Menschen mit Behinderungen gestartet wurde. Begleitet wird die Entwicklungsstudie, die sich der Bezirk 50000 Euro kosten lässt, vom „Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste“ (ZPE) der Universität Siegen. Neben ersten Zwischenberichten der aufwändigen Analysen wurden kürzlich im Rahmen eines Fachforums mehrere Erfahrungsberichte von betroffenen Menschen wie Hans Biehler vorgestellt, die anhand selbstgestalteter Collagen einen Einblick in ihr soziales Umfeld gaben. Als eines der wesentlichen Probleme kristallisierte sich der Umstand heraus, dass behinderte Menschen zumeist in speziellen Förderschulen, Werkstätten und separaten Wohnhei- men untergebracht sind und oft nur mit einem sehr kleinen Personenkreis in Kontakt treten können. Eine „große Baustelle“ innerhalb der Teilhabeplanung sei es laut Peter Pabst deshalb, die „vorstrukturierten Sonderwege“ zu überwinden und ein „System für alle“ zu schaffen: „Menschen sollen nicht abgekapselt werden, sondern an ihren Wurzeln bleiben können“, hofft der Behindertenbeauftragte des Landkreis auf einen Ausbau ambulanter Hilfsangebote anstelle der Versorgung in stationären Zentraleinrichtungen. Mobilität und „Barrierefreiheit im weit verstandenen Sinn“ mit baulichen Vorkehrungen, aber auch leicht verständlicher Sprache im Alltag hält Papst als Voraussetzung für das gewünschte Miteinander von behinderten und nichtbehinderten Menschen. Öffnen müsse sich aber auch der erste Arbeitsmarkt. Nach bisherigen Erkenntnissen des ZPE sind die Einstellungsmöglichkeiten im Landkreis für Menschen mit geistigen, körperlichen oder Sinnesbehinderungen als „ungünstig“ einzustufen. Auch die Integrations- möglichkeit über so genannte Außenarbeitsplätze ist nach Meinung der Wissenschaftler insbesondere bei größeren Industriefirmen „deutlich ausbaufähig“. Darüber hinaus kritisiert die Studie, dass der ÖPNV im Landkreis vor allem in ländlichen Regionen „suboptimal“ gestaltet und für Menschen mit Behinderungen „nur eingeschränkt nutzbar“ ist; angemahnt wird der behindertengerechte Ausbau des Weilheimer Bahnhofs. Handlungsbedarf sieht das ZPE auch für die Regelschulen. Das Angebot der integrativen Beschulung sei bislang eher ein Thema der Grund- und Volksschulen, die Gestaltung der Übergänge an weiterführende Schulen sei hingegen „optimierungsbedürftig“. Alles in allem bezeichnet Papst den beabsichtigten Strukturwandel als „Riesen-Herausforderung“, wobei manche Veränderungen vermutlich „erst in Jahrzehnten“ ihre Wirkung entfalten würden. Der nächste Schritt im Rahmen der Teilhabeplanung ist für den 7. Dezember geplant. Dann möchte das ZPE bei einer öffentlichen Veranstaltung in der Weilheimer Stadthalle seinen Abschlussbericht vorlegen und erste Empfehlungen und Lösungsansätze präsentieren. Die spätere Umsetzung, räumte Sozialamtsleiter Rüdiger Kauf während des Fachforums ein, hängt auch von den Finanzen ab: „Die öffentliche Hand hat wieder mal kein Geld, da ist es schwierig, Maßnahmen umzusetzen. Das eine oder andere werden wir sicher machen können.“

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