Elternforum in Weilheim geht der Frage auf den Grund

Berufsfindung -  ein Wahnsinn?

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Feuer frei für Diskussionen: Das Podium mit v.li.: Peter Westebbe, Stefan Zirngibl, Thomas Schütz, Klaus Bauer, Dr. Sybille Rollinger, Sabine Salvamoser, Werner Dorra und Stephan Meuß. Nicht im Bild Monika Lex.

Weilheim – „Wir haben akut gerade einen Fall in der Familie“, erzählt Ursula Resch, eine Mutter, die das Elternforum in der Stadthalle besucht, zu dem Landkreis und Arbeitsagentur eingeladen hatten. Für einen Freund der Familie, der gerade seinen Qualifizierenden Hauptschulabschluss macht, will sich Resch Anregungen zur Berufsfindung holen. Und dazu steht ihr hier ein hochkarätiges Podium zur Verfügung sowie zahlreiche Ausbildungsbetriebe, die sich den Fragen der Eltern stellten.

Begrüßt wurden die Gäste durch die Schirmherrin, Landrätin Andrea Jochner-Weiß, die in ihren einführenden Worten auf den Fachkräftemangel hinwies und die Eltern aufforderte, die Zukunft ihrer Kinder aktiv mitzugestalten.

Danach hielt der Soziologe Peter Westebbe einen Impulsvortrag unter dem Titel „Wahnsinn! – Keine Ahnung – Seinen Beruf finden in Zeiten des Fachkräftemangels und Klimawandels“. Der Experte für digitale Medien in der Ausbildung berichtete von seinen Ergebnissen einer Befragung von Eltern und Personalverantwortlichen.

„Klimawandel, digitale Revolution und demographischer Wandel sind die drei wesentlichen Einflüsse, die heute eine Berufsfindung begleiten“, so Westebbe. „Der Klimawandel lasst für den Eisbären seine Lebensgrundlage regelrecht unter seinen Füßen wegschmelzen.“ Gleiches gelte für die Berufe und den digitalen Wandel. Das belegen auch neueste Studien, die den deutschen Schülern einen dringenden Aufholbedarf in Sachen neue Technologien attestieren.

Mit dieser provokanten These untermauerte Westebbe seine Ansicht, dass vielmehr erst verantwortungsbewusstes, eigenständiges und kreatives Handeln echte Kompetenz ausmachten. Diese sei aber nicht lehrbar, sondern müsse durch Vertiefung der Schlüsselkompetenzen erst ermöglicht werden.

Schlüsselkompetenzen sind laut Westebbe die Lern-, Sprach-, soziale-, Methoden- und Fachkompetenz. Erst dieser Reigen ermögliche den Erwerb echter Kompetenz, was aber in der dualen Ausbildung aufgrund schlechter Abstimmung von Theorie und Praxis nur bedingt stattfinde.

Laut Westebbe brauchen wir ein neues Denken: Die Frage sei nicht mehr, welchen Beruf ich erlernen möchte, sondern vielmehr zu welchem Beruf ich passe, wer ich bin, wofür ich brenne und was ich kann und können will. „Deshalb brauchen unsere Kinder den Mut, sich zu ihren Vorstellungen zu bekennen“, so der Referent, „auch wenn diese Bekenntnis auf Unverständnis trifft.“

Zudem sei die Einsicht wichtig, dass man nichts umsonst lernt und dass Eltern, Lehrer und Ausbilder eine Allianz zum Wohl der Kinder bilden.

In einer von Radio Oberland-Moderatorin Theresa Pritschow moderierten Podiumsdiskussion kamen dann viele verschiedene Aspekte der Berufswahl aus Sicht von Verantwortlichen in der Ausbildung zur Sprache. Dem Dialog stellten sich Kreishandwerksmeister Stefan Zirngibl, IHK-Vertreter Klaus Bauer, Thomas Schütz, Leiter des Staatlichen Beruflichen Schulzentrums Schongau, Diakon Stephan Meuß, Schulleiter der Rummelsberger Dienste für Menschen – Berufsfachschule für Altenpflege und Altenpflegehilfe, Monika Lex, Geschäftsführerin operativ der Agentur für Arbeit Weilheim, Dr. Sybille Rollinger vom gemeinsamen Elternbeirat im Landkreis, Sabine Salvamoser, Bereichsleiterin Personal bei K&L Ruppert, sowie Werner Dorra, Personalleiter der Hirschvogel Umformtechnik.

Im Anschluss daran hatten die Eltern Gelegenheit, sich individuelle Ratschläge an den Info-Punkten der Ausbildungsbetriebe zu holen.

von Bianca R. Heigl

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