Diskussion zur aktuellen Flüchtlingsthematik

"Es ist eine Extremsituation"

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Halbkreis beim Forum im Ballenhaus. Von links Geo Messmer („Taten statt Worte“), Hans Atzenbeck (Asyl-Helferkreis Schongau), Omar Maaz (Flüchtling aus Syrien), Moderator Stefan Götz, Rama Akhras (Flüchtling aus Syrien), Lena Odell (Gruppe „Hilfe für Flüchtlinge in München“), Alina Baumgärtner (Koordinatorin bei IHA.help) und Hans Schnabel, Schongau.

Schongau – Im Mittelpunkt stand, was Helfer und Betroffene zur Flüchtlingsthematik zu sagen haben – und nicht das, was Politiker oder Behördenvertreter dazu erklären: Dies ist das Resümee zu einem Forum im Schongauer Ballenhaus. Es handle sich um eine „Extremsituation“, in der jeder in der Gesellschaft gefordert sei, bekräftigte Lena Odell aus Murnau, Initiatorin der Gruppe „Hilfe für Flüchtlinge in München“. Sie gehörte zu den acht Männern und Frauen auf dem Podium, das der Schongauer Stadtrat Ralf Schnabel organisiert hatte.

Zirka 50 Leute kamen zu dem Forum ins Ballenhaus. Es mache sie wütend, dass so eine Veranstaltung auf die Beine gestellt werde und dann so wenige Leute da seien, verschaffte Besucherin Paula Walter ihrem Unmut Luft.

Stadtrat Ralf Schnabel wollte das anders interpretieren. Es sei doch schön, dass so nah an den Feiertagen immerhin 50 Leute gekommen seien. Wenn jeder im Saal wieder einen anderen im Engagement anstecke, „dann haben wir viel erreicht.“ 

Moderator Stefan Götz –er ist Managementtrainer und kommt aus Herrsching – warf die Frage in die Runde, ob bei den Worten der Kanzlerin „Wir schaffen das“ denn Wut aufkäme. Alina Baumgärtner aus München, Koordinatorin bei IHA.help, hatte diese Antwort parat: Wütend mache sie, wenn wegen des Flüchtlingszustroms in Europa „Stacheldrahtzäune aufgestellt werden“.

Ebenso auf dem Podium saß Geo Messmer; der junge Mann aus Grafrath hat schon sieben Hilfseinsätze auf der Balkanroute und in Italien absolviert. Der Angestellte einer Werbeabteilung ist Initiator von „Taten statt Worte“ und hat sich über Weihnachten ein weiteres Mal auf den Weg gemacht. Er habe selbst gesehen, wie Schlepper an der türkischen Küste mitunter drei Boote zu einem zusammengeleimt hätten, um außerhalb der bekannten Häfen möglichst viele Flüchtlinge über die Ägäis nach Griechenland zu bringen.

Die Sprache lernen

 Schon vor 18 Monaten in Deutschland angekommen war Omar Maaz. Er floh mit seiner Frau, den drei Kindern, mit seiner Mutter und seiner 16-jährigen Schwester, die ebenfalls beim Podium im Ballenhaus dabei war – 2014 vor dem Bürgerkrieg in der zweitgrößten syrischen Stadt Aleppe – und zwar über Ägypten und das Mittelmeer nach Sizilien, von wo es über Italien nach Deutschland weiterging. Einen Monat war die Familie in München, elf Monate in Ingenried; seit sechs Monaten wohnt sie mitten in Schongau. Das vierte Kind ist im Schongauer Krankenhaus auf die Welt gekommen.

Omar Maaz und seine Schwester Rama Akhras empfanden die Aufnahme als herzlich. Eine Herausforderung sei das Erlernen der deutschen Sprache. Der 36-Jährige sieht seine Zukunft und die seiner Familie in Deutschland. „Auch meine Kinder sollen mal hier arbeiten“, ergänzte er beim Forum. Omar Maaz absolviert zurzeit noch einen Sprachkurs im Berufsbildungszentrum in Weilheim und macht im Frühjahr 2016 ein berufliches Praktikum. Ramei Akhras (16) besucht die Mittelschule in Schongau.

 Familien die Ausnahme

Hans Atzenbeck vom Freundeskreis Asyl in Schongau schilderte, dass unter den Flüchtlingen Familien eher die Ausnahme seien, sondern in der Regel Einzelpersonen aufgenommen würden. Er zeigte sich davon überzeugt, dass das finanzielle Risiko bei einer Wohnungsvermietung an anerkannte Asylbewerber gering sei. Bei aller Anspannung mit zirka 300 Flüchtlingen in der Kleinstadt sei in Schongau die Welt „noch in Ordnung“, kommentierte Hans Atzenbeck, wenn er dem die dramatischen Situationen in den Heimatländern und auf der Flucht gegenüber stelle.

Reinhard Böttger vom Peitinger Helferkreis vermisste beim Podium die Aufforderung, dass die Politik ihrer Verantwortung nachkomme. „Das geht mir ab.“ Böttger ist bei der Partei Die Linke engagiert. Er kritisierte, dass Milliarden Euro für Bankenrettung und für die Rüstung ausgegeben werden, die in der Flüchtlingshilfe fehlen. Böttger: „Wir sind ein verdammt reiches Land, wir können es schaffen.“

Darauf entgegnete Lena Odell von der Gruppe „Hilfe für Flüchtlinge in München“ den Satz mit der „Extremsituation“. Da sei jeder gefordert. Und in der Politik gelte das nicht nur für die Verantwortlichen in Deutschland, sondern überall in Europa.

Johannes Jais

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