Betreibergesellschaft informiert Ratsgremien von Weilheim und Wielenbach

Neustart für Geothermie-Vorhaben

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Vereinfachtes Schaltschema eines Geothermiekraftwerks: Links in blau der Thermalwasserkreislauf mit Produktions- und Injektionsbohrungen. Die Wärme wird über den Wärmetauscher an ein Arbeitsmittel abgegeben. Der Kreislauf des Arbeitsmittels ist in rot dargestellt, der Generator zur Stromerzeugung in grün. Rechts sind die Luftkühler, mit denen das Arbeitsmittel wieder heruntergekühlt wird.

Weilheim/Wielenbach – Totgeglaubte leben länger: Dies trifft wohl auch auf das geplante Geothermieprojekt in der Lichtenau auf Wielenbacher Flur zu, das nach dem Rückzug des früheren Investors Ende 2014 gescheitert war. In der Zwischenzeit hat die Betreibergesellschaft „Erdwärme Oberland GmbH“ mit der italienischen Firma „ENEL Green Power“ einen neuen Partner ins Boot geholt.

„ENEL“ besitzt, wie den Stadt- und Gemeinderäten von Weilheim und Wielenbach in einer gemeinsamen Sitzung versichert wurde, die finanziellen Mittel und das technische Know-how, um das technologisch anspruchsvolle Projekt realisieren zu können. In der auch von vielen Besuchern aufmerksam verfolgten Sitzung informierten die am Projekt beteiligten Unternehmen und Behörden über das Vorhaben.

Peter Müller, Vorstand der Stadtwerke Weilheim, gab einen Überblick über den bisherigen Verlauf und die anstehenden Schritte. Nachdem die Genehmigung des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie für die Probebohrung vorliegt, soll nun der Bohrplatz in der Lichtenau vorbereitet werden. Als Vorteile für Weilheim nannte Müller die Nähe zur Kreisstadt, die eine Fernwärmeanbindung über eine 4,5 Kilometer lange Leitung ermögliche. Dies sei wesentlich kürzer als ein Anschluss von Dießen. Das Projekt wäre auch ein bedeutender Schritt hin zu einer autarken Energieversorgung in Weilheim, wie sie die Agenda fordert.

Die Planungen gehen von einer elektrischen Leistung von 26 MW aus. Dies entspricht zirka zwei Prozent der Leistung eines konventionellen Atomkraftwerkes, womit theoretisch der Strombedarf aller Haushalte im Landkreis abgedeckt werden könnte.

Dr. Markus Wiendieck, Geschäftsführer der „Erdwärme Oberland GmbH“, zeigte sich erleichtert, mit der italienischen „ENEL Green Power“ einen potenten Partner gefunden zu haben. Marcello Pasquali und Emanuele Brandolini, als Vertreter der „ENEL Green Power“ neben Wiendieck ebenfalls Mitglieder der Geschäftsführung, präsentierten das Unternehmen. Ihre Ausführungen wurden vom Italienischen ins Deutsche übersetzt.

Die Muttergesellschaft „ENEL“ ist der größte Energieversorger in Italien und befindet sich zu 30 Prozent im Besitz des italienischen Staates. Mit der Tochter „ENEL Green Power“ werden weltweit Projekte der regenerativen Energieversorgung, also Windkraft-, Solar-, Wasser- und Geothermieprojekte entwickelt und betrieben. Insgesamt wird damit eine jährliche Strommenge von 32 TWh produziert. Das oberbayerische Molassebecken im Voralpenland, betonte die Geschäftsleitung, biete mit seiner geologischen Beschaffenheit optimale Voraussetzungen zur Geothermienutzung und sei „Standort Nummer eins“ in Deutschland, weshalb bereits 20 Projekte in Betrieb seien.

Antonio Marabotti, der Projektmanager, präsentierte einige Eckdaten. Danach ist geplant, mit bis zu drei Förderbrunnen und ebenso vielen Rückführungen eine Wassermenge von 200 l/sec mit 141 Grad Celsius zu fördern. Die Brunnentiefe wurde mit 4 100 Metern angegeben. Durch eine Verrohrung der Wasserleitungen soll verhindert werden, dass das Tiefenwasser Kontakt mit den Grundwasser führenden Schichten bekommt. Das heiße Wasser gibt über einen Wärmetauscher seine Energie an ein organisches Medium (Isobutan) ab, das dadurch verdampft. Dieser Dampf wird in einer Turbine zur Stromerzeugung genutzt.

Claudia Laddaga, zuständig für „Nachhaltigkeit und Gemeindebeziehungen“, hob hervor, dass mit dem Projekt eine regionale Wertschöpfung und ein bedeutender Innovationsschub in der Region einhergehen würden. Allen Beteiligten sei bewusst, dass die Akzeptanz in der Bevölkerung nur durch eine maximale Transparenz und laufende Information erreicht werden könne.

Interaktive Website

Die Betreiberfirma hat eine interaktive Website eingerichtet. Unter www.erdwaerme-oberland.de soll laufend über das Projekt informiert werden, außerdem können die Bürger Fragen stellen. Eine zeitnahe Informationsveranstaltung soll folgen.

Aufsichtsbehörde für das Vorhaben ist das Bergamt Südbayern, das in der Sitzung durch Bergdirektor Peter Freiherr von Pastor vertreten war. Er führte aus, dass zunächst die Genehmigung für die Erkundungsbohrung vorliegt. Anhand damit gewonnener Daten könne das Projekt erst weiter geplant werden. Das Genehmigungsverfahren für das Projekt kann erst anschließend durchgeführt werden. Daher sei jetzt noch nicht klar, wie viele Bohrungen letztlich realisiert werden.

Zuspruch und Bedenken

Weilheims Energiereferent Karl-Heinz Grehl (Grüne) begrüßte das Vorhaben, da es die Klimaschutzziele „ein gewaltiges Stück voranbringt“. Damit könnten die Agenda-Ziele erreicht werden. Durch die Kooperation mit einem italienischen Investor sei es ein Projekt, das auf europäischer Ebene Bedeutung habe. „Es wird Zeit, dass es zu einer Probebohrung kommt“, drängte Grehl. Auch Klaus Gast (CSU) befürwortete das Projekt, verlangte aber Transparenz gegenüber der Bürgerschaft: „Reden Sie mit den Leuten und zeigen Sie, was Sie vorhaben.“ Dr. Claus Reindl (BfW) sieht darin „eine große Chance, die fossilen Energieträger zurückzudrängen“.

Wielenbachs zweiter Bürgermeister Lorenz Thumann äußerte Bedenken wegen möglicher seismischer Schäden durch die Bohrungen und späterer Lärmemissionen der Ventilatoren. Die Projektsprecher entgegneten, dass mit solchen Schäden nicht zu rechnen sei, die Bohrungen von einem seismischen Monitoring begleitet und Lärm-Grenzwerte eingehalten werden. Sollten beim Herrichten des Bohrplatzes dennoch Schäden auftreten, so seien diese laut Geschäftsleitung mit zehn Mio. Euro versichert. Gemeinderat Gerhard Weber (FW, Wielenbach), von Anfang an ein Kritiker des Vorhabens, gab sich resigniert: „Der Zug ist abgefahren, die Genehmigung liegt vor.“

Erhebliche Einwände gegen das Projekt brachten Romana Asam und Susann Enders (Freie Wähler) vor. Die beiden Stadträtinnen befürchten durch den Einsatz von Fracking-Technologie, die Nutzung von organischen Wärmeträgern und erhöhte Radonbelastungen durch die Bohrmaßnahmen eine Gefährdung von Mensch und Umwelt. Dem widersprach Grehl vehement. Auch Claudia Laddaga versicherte nochmals, dass kein Fracking eingesetzt würde.

Beide Ratsgremien stellten fest, dass sich am Projekt gegenüber der ursprünglichen Planung wenig geändert habe, die Genehmigung bereits vorliege und daher aktuell kein Entscheidungsbedarf bestehe.

Zeitplan

Das weitere Vorgehen: Vorbereitung des Bohrplatzes bis Mitte 2016, Beginn der Probebohrung im Sommer 2016, Bau der Anlage 2017 und 2018, Inbetriebnahme Ende 2018.

Von Maria Hofstetter

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