Christoph von Reitzenstein über seinen traumatischen Verlust als Kind und den Bau der Modellbahn

Eine Modellwelt zum Anfassen

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Die Modellbahn in Großweil vereint die Liebe zum Detail und die technische Seite einer Modellanlage auf gekonnte Weise. Christoph von Reitzenstein hofft, jemanden zu finden, der sein Werk weiter führt.

Großweil – Eine kleine aber feine Institution steht kurz vor dem Aus: die Großweiler Modellbahn. Wenn Christoph von Reitzenstein nicht doch noch einen Nachfolger findet, wird er die Modellbahn wohl auflösen müssen, bedauert der 81-Jährige.

Nicht nur für ihn wäre dieser Entschluss bitter, sondern auch für die Eisenbahn- und Modellbahnfans. Auf über 180 Meter Gleisen und 20 Meter Straße können in Großweil 18 Züge (Spurgröße H0) sowie Linienbusse und Feuerwehrautos selbst gesteuert werden. In dem 36 Quadratmeter großen Modellraum entfaltet sich eine ganze Landschaft mit vielen liebevoll gestalteten Details und clever durchdachter Technik. Die Großweiler Modellbahn, die Kinder wie Erwachsene begeistert und sogar schon von internationalen Gästen besucht wurde, könnte es bald nicht mehr geben.

Großweiler Miniaturbahn

Christoph von Reitzenstein erzählt, wie für ihn als Kind der Traum von der Modelleisenbahn zum Trauma wurde. Und, wie es zum Bau der einzigartigen Großweiler Modellbahn kam, und warum er heute einen Nachfolger sucht.

Ratibor in Oberschlesien im Januar 1945. Es ist Krieg. Die Familie von Reitzenstein bereitet sich auf ihre Flucht vor. Die Front ist nur noch 300 Kilometer entfernt und die Rote Armee rückt immer weiter vor. Noch schiebt die Familie ihre Flucht auf und wartet auf die deutsche Wunderwaffe, die den Krieg gewinnen soll. Der Jüngste von fünf Geschwistern ist der zehnjährige Christoph von Reitzenstein. Er spielt mit seiner neuen Modelleisenbahn, die er drei Wochen vor Weihnachten bekommen hat. Es ist eine Lok mit drei Wägen, die mit blinkenden Lichtern auf Schienen im Kreis fährt.

Dann überstürzen sich die Ereignisse, die Familie flieht mit dem Zug Richtung Westen. Die Mutter bestimmt: Die Eisenbahn bleibt da, was mit muss, sind die beiden Geigen von Christoph. Für den jungen von Reitzenstein ein Trauma. An Weihnachten noch hatte er vor Aufregung nicht schlafen können und die Bahn unter dem Bett aufgebaut. Jetzt war er auf der Flucht mit der Bahn, doch sein eigenes Modell war im verlassenen Zuhause geblieben.

Von Reitzenstein hält in seiner Erzählung kurz inne. Nein, die Modellbahn sei keine Leidenschaft, er leide ja nicht darunter. Um ihn herum rattern, von zwei Jungs gesteuert, ein ICE und ein Güterzug über die Gleise. Das typische Summen einer Modelleisenbahn bildet die Hintergrundmusik. Seit zehn Jahren hat von Reitzenstein an den Wochenenden und in den Ferien seine Modellbahn geöffnet. Er bietet den Besuchern in einer Wohnzimmeratmosphäre die Möglichkeit, selbst zum Lokführer oder Fahrdienstleiter zu werden. Nein, bekräftigt von Reitzenstein, eine Leidenschaft sei die Modellbahn nicht.

Vor 70 Jahren war das noch anders. Ihre Flucht führt die Familie zu Verwandten nach Westfalen. Deren Kinder haben eine Modellbahn, doch die ist überwiegend kaputt. Christoph von Reitzenstein spielt dennoch damit. Über ein paar Schienen schiebt er einen Kohlewagen mit ein paar Waggons daran – die Elektrik funktioniert schon nicht mehr. Der Traum von einer eigenen Bahn ist endgültig ausgeträumt, als die Familie in eine zu kleine und feuchte Wohnung zieht.

Eine Dampflok pfeift – für den 81-Jährigen ein Signal, dass ein neuer Besucher zur Tür hereingekommen ist. Ein kleiner Junge ist mit seinem Opa gekommen, um mit der Bahn zu spielen. Er zieht seine Schuhe und Jacke aus und will sofort durch den Vorraum zur Bahn. Seine Begeisterung verwandelt sich in jähe Enttäuschung, als er nicht zur Bahn darf, weil das Fernsehen noch seinen Bericht dreht. Tränen rollen über das Gesicht. Da hilft auch nicht das Versprechen des Opas, am nächsten Tag wiederzukommen oder der Vorschlag, er könnte ja zusehen. Schließlich lässt er sich zu Letzterem doch überreden.

Von der Eingangsseite ist der Raum mit der Modellbahn gut zu überblicken. Die Anlage ist nicht groß, bietet aber viele Möglichkeiten. Schienen und Straßen sind Teil einer kleinen Modellwelt mit Bergen, Tunneln, Brücken, Bahnhöfen, Städten, einer Burg und einem Rangierbahnhof, die auf mehreren Ebenen liegen. In einem Park jagt eine alte Miniaturfrau mit einem Regenschirm einen Miniaturdieb oder Flegel. Die Kirche ist von einer begrünten Mauer umgeben. Auf einer Anhöhe rotieren die Blätter eines Helikopters. „So hätte ich als Kind auch gerne gespielt“, sagt von Reitzenstein.

Zum Studium der Musik geht er nach München. Von Reitzenstein spielt Geige, Klavier und Posaune und arbeitet für die Oper in München. Mit seiner Frau und zwei Söhnen zieht er in ein großes Haus. Seine Söhne, sieben und neun Jahre, wünschen sich eine Modellbahn und Weihnachten 1970 wird ihr Wunsch Realität. Über der Doppelgarage ist genug Raum, eine Modellbahn aufzubauen. Dabei machte von Reitzenstein eine seltsame Entdeckung. Er dachte, er hätte mit der Modellbahn abgeschlossen. Nun stellt er fest, dass der Eisenbahnvirus, wie er es nennt, noch immer da ist.

Die Tür geht auf und von Reitzenstein unterbricht seine Erzählung. Ein weiterer Junge ist zum Spielen gekommen. Von Reitzenstein erklärt, wie der ICE zu steuern ist und, dass er bitte nur vorwärts fahren soll, da der Zug sonst entgleisen kann. Dann setzt er sich wieder in einen der zwei Sessel im Vorraum. Für die Kinder braucht er Geduld. Da kommt ihm seine Erfahrung als Musiker und als Assistent des Dirigenten an der Oper zugute, die er bei seiner Tätigkeit beweisen musste. Auch Genauigkeit war gefragt, wenn er die Noten eines Ballettes für das Orchester handschriftlich zusammenstellte. Und, wer nicht genau ist, der kann auch keine Modellbahn bauen, ist von Reitzenstein überzeugt. Er schweigt einen Moment. Dann beginnt er seine Erzählung wieder.

Mit dem Aufbau der Modellbahn hat er vor über zehn Jahren begonnen. Bei der Dekoration hat ihm seine Lebensgefährtin geholfen, die er nach dem Tod seiner Frau kennenlernte. Heute sucht er nach einem Nachfolger für die Modellbahn. Einfach schließen will er nicht. Er habe kein Problem, sich von der Bahn zu trennen, denn das habe er schon als Kind gelernt. Dennoch ist von Reitzenstein das Fortbestehen der Bahn wichtig. „Ich möchte die Bahn beibehalten, weil es sonst so etwas nicht gibt.“ Für ihn ist es ein Ort, an dem Familien zusammenfinden, wo Erwachsene und Kinder spielen und ihre Faszination für die Eisenbahn ausleben können. Ein Ort, zu dem Eltern mit Kindern in einer der Kliniken aus der Umgebung am Wochenende einen Ausflug unternehmen können; wo ältere Menschen – meist Männer – die gerne eine Bahn hätten, doch ihre vielleicht vor Jahren weggeben mussten, wieder damit spielen können.

Inzwischen sind alle Besucher gegangen, draußen ist es dunkel. Der kleine Vorraum liegt im Dämmerlicht der Straßenlaternen. Ohne die Geräusche der rollenden Räder der Eisenbahnen und dem Summen der Trafos ist es still. Auch wenn von Reitzenstein keine Leidenschaft für die Bahn empfindet, sie lässt ihn nicht los. Umso wichtiger ist es ihm, einen Nachfolger zu finden, der anderen weiterhin die Möglichkeit gibt, ihre Leidenschaft und Faszination für die Eisenbahn auszuleben.

von Melanie Wießmeyer

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