Hochwasser in Polling

Großes Aufräumen nach der Flut

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Die Flut hat das denkmalgeschützte Haus von Karin (li.) und Walter Habermann stark beschädigt. Davon überzeugten sich Landrätin Andrea Jochner-Weiß, Ministerin Ulrike Scharf, Bürgermeisterin Felicitas Betz und Ministerin Ilse Aigner (v. li.) bei einem Besuch am Montag. 

Polling – Im Feuerwehrhaus, das zur Einsatzzentrale umfunktioniert wird, führt am Sonntag Anton Kappendobler das Kommando. „Das Zusammenspiel der knapp 1 000 Rettungskräfte hat einwandfrei funktioniert“, stellt der Kreisbrandinspektor gegen 17.30 Uhr nach der Aufhebung des Katastrophenfalles erschöpft aber erleichtert fest.

Seit der Alarmierung der Rettungskräfte gegen 6.30 Uhr herrscht im Klosterort der Ausnahmezustand. Die große Solidarität der Bevölkerung, die am Sportplatz Berge von Sandsäcken gefüllt hat, trägt wesentlich dazu bei, dass noch größeres Unheil vom Ort abgewendet werden kann, führt Kappendobler im Gespräch mit dem Kreisboten aus.

Das Hochwasser trifft vor allem den Süden und Südwesten von Polling. Von den Abfüllanlagen in Altenstadt, Huglfing und Antdorf werden weitere Sandsäcke angeliefert und insgesamt 45 000 Stück davon verbaut. Auch die Asylbewerber im Ort packen beim Bekämpfen der Flut, die sich unaufhaltsam ihren Weg in die Gebäude und Gärten bahnt, fleißig mit an. Auf einigen Straßen steht knietief das Wasser. Die Wasserwacht hat zur Eigensicherung der Rettungskräfte eine Tauchergruppe geschickt und das BRK die Helfer verpflegt. Die von der Bergwacht zur Verfügung gestellten Drohnen liefern den Helfern aktuelle Videoclips und Fotos.

Der gesamte Rettungseinsatz ist organisatorisch in sechs Abschnitte gegliedert. Helmut Stork, Sachgebietsleiter für den Katastrophenschutz am Landratsamt, ist von Anfang an dabei. Er kennt die Problematik am Tiefenbach und an dem zwei Meter tiefer liegenden „Russengraben“, deren Kapazitäten einem lokalen Starkregen wie diesem nicht gewachsen sind. Wenn das teils unterirdisch verlaufende Rohrsystem das Wasser nicht mehr aufnehmen kann, staut es zurück in den Tiefenbach.

Brennpunkte sind in Polling die Huglfinger Straße, der Dunzinger Weg, die Probst-Gerhoh-, Hofmark- und Untermühlstraße sowie diverse Wirtschaftswege. In Etting sind vor allen die Bachstraße und der Mühlweg betroffen. Die Gemeindeverbindungsstraße zwischen Polling und Etting ist beschädigt, an der Gemarkungsgrenze zu Oberhausen geht eine Mure ab.

Auch Walter Hildebrandt, Geschäftsführer der Gemeinde, ist entsetzt. „So ein massives Hochwasser“ hat er in Polling noch nicht erlebt. Landrätin Andrea Jochner-Weiß hält sich in der Einsatzzentrale auf dem Laufenden und verfolgt das dramatische Szenario sichtlich angespannt.

Nicht alle Maßnahmen, die aus taktischer Sicht notwendig sind, werden von den auf Hilfe wartenden Bürgern verständnisvoll aufgenommen, erfährt Einsatzleiter Kappendobler: „Die Rettungskräfte haben das ganze Wochenende durchgearbeitet und können nicht zaubern.“ Ein vom Hochwasser Betroffener muss „von der Polizei belehrt“ werden. Und es gibt wieder ein paar sensationshungrige Gaffer, die die Arbeiten behindern. Um 17.16 Uhr wird der Katastrophenfall aufgehoben.

Am Montag kündigt sich im Rathaus ministerieller Besuch an. Bayerns Umwelt- und Wirtschaftsministerinnen Ulrike Scharf und Ilse Aigner wollen sich ein Bild vom Schadensereignis machen und zeigen sich vor Ort beeindruckt von der „riesen Kraftanstrengung“ (Scharf). Die mediale Aufmerksamkeit ist groß. Der Rundgang, an dem auch Umweltexperten, Vertreter von Wasserwirtschaftsamt, Landratsamt und Mitarbeiter der Kommune teilnehmen, wird von Fernsehteams begleitet.

An der Huglfinger Straße ist im Keller eines Privatanwesens ein Öltank umgekippt. Für das Abpumpen des Wasser-Öl-Gemisches musste ein Spezialsauggerät angefordert werden, wie am Montag beim Rundgang zu erfahren ist. Um die Wohnräume vor dem Heizölgeruch zu schützen, wird eine Geruchssperre angebracht. Das Haus ist vorübergehend nicht bewohnbar, berichtet ein Betroffener, der wie viele mit Aufräumarbeiten beschäftigt ist.

Bei der Pressekonferenz im Rathaus erklärt Bürgermeisterin Felicitas Betz, dass an einem Hochwasserschutzkonzept gearbeitet wird. Sie weist darauf hin, wie schwierig es ist, alle unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bringen. Die Gemeinde sei mit dieser Komplexität oft überfordert.

Jedes Hochwasser, so Umweltministerin Ulrike Scharf, wird von den Wissenschaftlern genau analysiert, um daraus Schlüsse für zukünftiges Handeln ziehen zu können. Die Ministerin geht davon aus, dass punktuelle Starkregenfälle aufgrund des Klimawandels weiter zunehmen werden und betont: „In den Köpfen der Bevölkerung muss ankommen, dass Prävention notwendig ist.“ In Zukunft, kündigt Scharf an, sollen beim Hochwasserschutz Gewässer dritter Ordnung, für die die Gemeinden zuständig sind, „stärker in den Fokus gerückt“ werden.

Die tatsächlichen Flutschäden auf Pollinger Flur und an der gemeindlichen Infrastruktur können erst dann konkret beziffert werden, wenn das Wasser wieder weitestgehend zurückgegangen ist. Derzeit kann laut Betz auch noch nicht beurteilt werden, inwieweit die von der Flut Betroffenen ausreichend gegen Elementarschaden versichert sind.

Maria Hofstetter

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