Pollinger informieren sich in Bürgerversammlung über geplante Abwehrmaßnahmen

Hochwasserschutz hat Priorität

+
Die Verkrautung, wie sie hier in Polling im Tiefenbach deutlich zu sehen ist, spielte in der Diskussion um den Hochwasserschutz eine wichtige Rolle.

Polling – Die dramatischen Überflutungen am 5., 6. sowie nochmals am 9. Juni stecken den Pollingern noch tief in den Knochen. Kein Wunder, dass die Tiefenbachhalle gut gefüllt war, als die Gemeinde die Öffentlichkeit über den Stand der Hochwasserbekämpfung informierte.

Laut Bürgermeisterin Felicitas Betz handelte es sich um ein „noch nie dagewesenes Ereignis“, bei dem der Starkregen in den bereits vollgesogenen Böden nicht mehr versickern konnte. Ähnliche Starkregenfälle können künftig häufiger auftreten. „Wir müssen jetzt unsere Hausaufgaben machen“, steht für Betz außer Frage. Beeindruckt zeigte sie sich von der Hilfsbereitschaft und Solidarität, die die Gemeinde bei der Bekämpfung des Hochwassers erfahren hat. Neben Feuerwehr, Technischem Hilfswerk, Rotem Kreuz, Wasserwacht, Bergwacht und Katastrophenschutz hatten viele Freiwillige aus der Bevölkerung und Asylbewerber mit angepackt, um die Schäden zu begrenzen. Firmen stellten ihre Lkw und Mitarbeiter zur Verfügung, Essen für die Einsatzkräfte wurde gespendet, und die Fachbehörden des Landratsamtes leisteten ebenfalls Außerordentliches.

Schnellen Maßnahmen, wie der Räumung des Tiefenbachs ohne sorgfältige Planung, erteilte Betz bei aller Dringlichkeit eine Absage. Ohne Bewertung durch die Fachbehörden könnten Fehler passieren, die andernorts noch mehr Schäden verursachen; und gesetzliche Vorgaben müssten berücksichtigt werden. In der Vergangenheit seien Baumaßnahmen zur Hochwasserabwehr häufig an Einzelinteressen gescheitert. „Schuldzuweisungen bringen nichts, jetzt hat der Schutz der Gemeinde Priorität, Partikularinteressen müssen dahinter eingereiht werden“, zog sie ihr Resümee, bevor die Fachreferenten das Wort hatten.

Beim Rückblick auf die Ursachen des Juni-Hochwassers und dem Aufzeigen geplanter Schritte für eine wirkungsvolle Flutabwehr wurde schnell klar: Selbst bei zügiger Planung und reibungsloser Zusammenarbeit aller Beteiligten ist Geduld gefordert, bevor in Polling die Baumaschinen anrücken können.

Georg Kokai, Geschäftsführer des gleichnamigen Ingenieurbüros aus Polling, hatte von der Gemeinde den Auftrag erhalten, das Hochwasserereignis zu dokumentieren, in einem Gutachten die Zu- und Abflusssituation im Gemeindegebiet zu ermitteln und daraus Abwehrmaßnahmen abzuleiten. Nach seinen Recherchen wurde das Hochwasser durch einen Starkregen mit einer Niederschlagsmenge von 60 mm innerhalb von neun Stunden hervorgerufen. Dies würde statistisch etwa alle fünf Jahre auftreten und wäre daher nicht außergewöhnlich. Durch die Regenfälle der vorangegangenen Tage seien die Böden jedoch bereits vorgesättigt gewesen und hätten die Wassermassen nicht mehr aufnehmen können.

Das Hochwasser habe im Gemeindegebiet circa 50 Anwesen getroffen. Im Rahmen des Katastropheneinsatzes seien 45 000 Sandsäcke verbaut worden, um die Schäden einzudämmen. Trotzdem liege der finanzielle Schaden bei sieben Mio. Euro.

Als Sofortmaßnahmen nannte Kokai ein Bündel von Aktivitäten, die teilweise bereits umgesetzt werden, wie eine Optimierung der Einsatzplanung, die Vorwarnung der Feuerwehr und die Instal-

lation von zwei Pegeln auf Gemeindeflur mit SMS-Meldung. Der Abfluss des Russengrabens müsse optimiert und die weitere Entkrautung und Räumung des Tiefenbachs vorangebracht werden.

Für längerfristige Maßnahmen sei eine integrale Hochwasserplanung zu erstellen. Hierzu gehörten die Ermittlung der hydraulischen Leistung der Gewässer und eine Ausweisung von Rückhalteflächen. Die Gemeinde könne hier mit Zuschüssen des Freistaates rechnen, der laut Kokai 75 Prozent der Planungs- und 65 Prozent der Baukosten finanziert.

Bernhard Müller vom Wasserwirtschaftsamt Weilheim machte deutlich, dass für Wasserbaumaßnahmen eine sorgfältige Planung unabdingbar ist. Diese beginne mit einem Antrag der Gemeinde an das Wasserwirtschaftsamt zur Entwicklung eines Konzeptes. Dem folge die Entwurfs- und Genehmigungsplanung, bei der die Träger öffentlicher Belange gehört werden. Anschließend erfolge der Antrag auf Planfeststellung, die in die öffentliche Auslegung der Pläne münde. Im Rahmen eines Erörterungstermines würden dann die öffentlichen Einwände behandelt werden, bevor ein Genehmigungsbescheid erteilt wird.

Erst dann könne mit der Ausführungsplanung und dem Grundstückserwerb begonnen werden. Vom Antrag zur Konzepterstellung bis zum Abschluss der Baumaßnahmen müsse mit einem Zeitaufwand von vier bis fünf Jahren gerechnet werden.

Helmut Stork, im Landratsamt für den Katastrophenschutz verantwortlich, erläuterte, welche Folgen die Ausrufung des Katastrophenalarms hatte. Diese sei notwendig, wenn Leben oder Gesundheit einer Vielzahl von Menschen, die natürlichen Lebensgrundlagen oder bedeutende Sachwerte in Gefahr sind und eine koordinierende Leitung erforderlich ist. Im Falle Polling habe das Landratsamt die Einsatzleitung übernommen.

Während der Hochwasserereignisse sind laut Stork im gesamten Landkreis 110 000 Sandsäcke verbaut worden. Bisher wurden an betroffene Bürger in den Gemeinden Peißenberg, Polling und Huglfing insgesamt 686 000 Euro an Hilfsmitteln ausbezahlt, 130 500 Euro davon in Polling. Anträge können weiterhin gestellt werden.

In der Diskussion nahm die Räumung des Tiefenbachs breiten Raum ein, die vielen Bürgern zu schleppend vorangeht. Vor allem das für die Arbeiten verfügbare Zeitfenster wurde kritisiert. Man könne doch in diesem Fall auf die Rücksichtnahme des „kriechenden Bachselleries“ verzichten, meinte ein Bürger in einer nicht ganz ernst gemeinten Wortmeldung. Für Bürgermeisterin Betz und die später hinzugekommene Landrätin Andrea Jochner-Weiß ist jedoch die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben nicht verhandelbar.

von emh

Meistgelesene Artikel

Hoher Peißenberg ist Gipfel der Klimaforschung

Hohenpeißenberg– Mit einem Mausklick startete Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt vom Hohen Peißenberg aus den Dauerbetrieb der Messstation …
Hoher Peißenberg ist Gipfel der Klimaforschung

Auf frischer Tat ertappt

Schongau/Peiting – Waren da die gleichen Täter am Werk? Am Sonntagabend ist es der Polizei gelungen, einen Einbrecher in Schongau zu verhaften. Seine …
Auf frischer Tat ertappt

Tablets für die fünf Besten

Weilheim – Wie lassen sich gute Leistungen in der Ausbildung noch weiter verbessern, das Interesse am Beruf steigern und letztlich das Prüfungsniveau …
Tablets für die fünf Besten

Kommentare