"Ich bin fresch geworden" – Die koreanische Künstlerin Kim Young-Hee

„Ich habe Zeit – 15 Stunden am Tag.“ Für Kim Young-Hee scheint dies Erklärung genug zu sein für ihre Talente, für ihr künstlerisches Schaffen, das vom Umfang her wohl wirklich einen 15-Stunden-Tag benötigt. Zuhause ist die Koreanerin in Penzing, wo die gelernte Bildhauerin in einem alten Bauernhaus lebt und arbeitet. Ihr Haupt-Material ist das Papier, in erster Linie Maulbeerpapier, das sie gestaltet, formt und bemalt.

Vor 15 Jahren hat Kim Young-Hee außerdem das Schreiben angefangen. Ihr erster autobiografischer Roman wurde in Korea zum Bestseller. Jetzt sitzt sie an Buch Nr. 10. Sie schreibt nur in ihrer Muttersprache und hat bis heute über zwei Millionen Exemplare verkauft – in Korea. Inzwischen hat sie es sogar geschafft, dass einer ihrer Romane in die Literaturliste für das Gymnasium aufgenommen wurde. Aber auch hier, wie in allem, was sie kreiert, ist das Traditionelle die Basis. Ihre poetische Sprache, die sie sich „im Wandel des modernen Koreas bewahrt hat“ und die sie ihrer Erziehung und adligen Herkunft verdankt, wird von der Jugend schon fast nicht mehr verstanden. In Deutschland kennt man vor allem ihre Skulpturen aus Papier. Anfangs klein, wuchsen sie im Laufe ihres Schaffens zu menschlicher Größe heran. Was sie jedoch gänzlich aus dem Rahmen hebt in der Kunstszene, ist die Art der „Konservierung“ ihrer Arbeiten. Die meisten Kreationen von Kim Young-Hee bleiben am Ende nur als streng limitierte C-Prints (Farbdrucke) erhalten. Das Original wird recycelt. Fotografien, die als Hintergrund dienten, werden übermalt. Das Maulbeerpapier, „ihr“ allgegenwärtiges Grundmaterial, wird zerstört, verändert oder umgeformt. Die Pappmachéfiguren mit vorwiegend weiblichem Aussehen, Protagonisten vieler ihrer Werke, verschwinden ebenfalls wieder im Wassereimer oder erhalten ein neues Outfit. Kim Young-Hee lebt seit 1981 in Deutschland. Und da alles, was sie erschuf einen direkten Bezug hat zu ihrem Leben, sieht sie die Kunst als ihr Schicksal an, von dem sie geleitet wird. War ihr zunächst von den Eltern untersagt worden, als Künstlerin zu arbeiten, so schränkte sie später die eigene Familie mit drei Kindern ein. Erst nachdem ihr erster Mann unerwartet gestorben war, begann sie zielstrebig ihren Traum zu verwirklichen und ausschließlich für die Kunst zu leben. Ihren deutschen, zweiten Mann lernte sie im Goethe-Institut in Korea kennen. Mit ihm ging sie nach Deutschland. Aber inzwischen war man schon auf Kim Young-Hee aufmerksam geworden. Sie war schon längst in eigenen und in Gruppenausstellungen vertreten. Von diesem Leben als Künstlerin konnten sie nun auch zwei weitere Kinder sowie Haushalt und Familie nicht mehr abhalten. Ihre Werke spiegeln zum einen ihren ganz persönlichen Kampf um Autonomie wider. Mehr denn je will sie ihren Wünschen und Träumen Raum geben. Andererseits steht immer das Reale im Mittelpunkt und die Auseinandersetzung damit. Nicht zuletzt sind ihre Arbeiten auch eine Verbindung zwischen ihren asiatischen Wurzeln und den modernen westlichen Einflüssen, die gerade Korea zu überschwemmen drohen. Inzwischen hat vor allem die Hyundai Gallery in Seoul sie immer wieder im Programm. „Ich bin fresch geworden“, charakterisiert sie ihre Entwicklung, „ich habe Mut“. Und es macht sie stolz, wenn Menschen, denen ihre Arbeiten gefallen, lange darauf sparen, um sie erwerben zu können. Obwohl sie das Marketing sehr stark trennt und kaum Einfluss nimmt auf die Preise ihrer Kunstwerke. „Ich bin nicht neidisch, ich bin Buddhistin. Jeder hat sein eigenes Leben.“ Darum erfüllt sie sich jetzt den nächsten Traum und schreibt an einer Love-Story zwischen einer älteren Frau und einem halb so alten Mann. Aber auch hier greift Autobiografisches ein. Sie hat das in Teilen nicht nur selbst erlebt, sie beschreibt auch, wie Asiatinnen in Europa gesehen werden und wie sich ihnen „der Westen“ darbietet. Vielleicht ist die Zeit dann auch reif für eine deutsche Übersetzung… Die Arbeiten von Kim Young-Hee sind in der Galerie Terminus in München zu sehen. Weitere Information unter www.kim-younghee.com.

Meistgelesene Artikel

Großes Lob für "Schutzengel"

Peißenberg – Ein bisschen umkam Georg Off ja schon das „schlechte Gewissen“, als er bei der Ehrungsfeier für die knapp 90 aktiven Schülerlotsen im …
Großes Lob für "Schutzengel"

Hospiz im Pfaffenwinkel auf erstem Platz

Polling – Für Montag, 13. Februar, steht bei Renate Dodell ein Treffen mit Hermann Gröhe in Berlin im Terminkalender. Die Vorsitzende des …
Hospiz im Pfaffenwinkel auf erstem Platz

Weniger Müll produzieren

Weilheim – Wer kennt das nicht: Sich morgens noch schnell im Lieblingscafé einen Coffee-to-go holen und dann ab in die Arbeit. Den Pappbecher kann …
Weniger Müll produzieren

Kommentare