Interview mit Schongaus neuer evangelischer Pfarrerin

"Die Kirchengemeinde war im Schockzustand"

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Pfarrerin der evangelischen Gemeinde in Schongau: Lydie Nicoly Menezes.

Schongau – Als neue Pfarrerin der evangelischen Gemeinde Schongau sieht sich Lydie Nicoly Menezes auf einem Schiff, das zu neuen Ufern aufbrechen möchte. Wie es ihr beim Eingewöhnen in den ersten Wochen ergangen ist, was der Unterschied zu den bisherigen beruflichen Aufgaben in der Kirche ist und was sie der Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler sagen möchte, wenn sie zum Jubiläum 100 Jahre Dreifaltigkeitskirche am Sonntag, 16. Oktober, nach Schongau kommt und um 10 Uhr den Gottesdienst feiert, das schildert die Seelsorgerin im Interview mit dem Kreisboten.

Früher drei Jahre im Ökumenereferat der Landeskirche in München, zuletzt sieben Jahre persönliche Referentin beim Oberkirchenrat in Augsburg, jetzt Pfarrerin für die evangelische Gemeinde in Schongau: Was macht den Unterschied aus?

Nicoly Menezes: „Alle drei Ebenen, sei es bei der Landeskirche in München, auf regionaler Ebene im Kirchenkreis Augsburg und Schwaben oder bei der Gemeindearbeit in Schongau, ergänzen sich. Die Erfahrungen aus der Landeskirche, wo ich auch in der Asylhärtefall-Kommission zu tun hatte, und aus dem Kirchenkreis bringe ich in die jetzige Arbeit ein. Es ist reizvoll, dass sich das gegenseitig befruchtet. Umgekehrt kann es genauso passieren, dass eine Pfarrerin/ein Pfarrer nach mehreren Jahren Berufserfahrung in der Gemeinde landeskirchliche Aufgaben übernehmen möchte. Natürlich haben die Aufgaben in der Gemeindearbeit jedoch einen anderen Schwerpunkt. Als Gemeindepfarrerin halte ich vor allem Gottesdienste, Taufen, Trauungen, Beerdigungen, gebe Religions- und Konfirmandenunterricht, führe seelsorgerliche Gespräche, begleite viele Gruppen und leite verschiedene Sitzungen. Zudem bin ich in Schongau auf der ersten Pfarrstelle für die Geschäftsführung verantwortlich.“

Dekan Piper hat bei Ihrer Einführung gesagt: „Uns allen wünsche ich einen guten Neustart“. Wer oder was gehört da alles dazu?

Nicoly Menezes:„Sehr viel. Die neue Kirchengemeinde mit dem neuen Kirchenvorstand. Die neuen Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen, ob hauptamtlich oder ehrenamtlich. Der neue Dekan. Die neue Regionalbischöfin. Die neue Ökumene vor Ort. Die neue Schule. Der neue Bürgermeister. Das neue Vereinsleben. Neue Vernetzungen. Dazu gehören auch verschiedene neue Herausforderungen. Für mich ist wichtig, beim Neustart offen, ja neugierig zu sein.“

Wenn die Regionalbischöfin Breit-Kessler nach Schongau kommt: Was möchten Sie ihr sagen, was liegt Ihnen bei diesem Besuch auf dem Herzen?

Nicoly Menezes: „Erstens möchte ich Dankschön sagen dafür, dass sie mir die neue Stelle in Schongau anvertraut hat. Zweitens auch, dass ich den Kollegen Pfarrer Hartmuth Stamm, der Ende August plötzlich verstarb, sehr vermisse. Er hinterlässt eine große Lücke, sowohl menschlich als auch fachlich. Wir brauchen deshalb sobald wie möglich wieder Unterstützung. Drittens werde ich ihr sagen, dass ich Schongau bisher als starke, engagierte und lebendige Kirchengemeinde kennengelernt habe, die aus ihrem Glauben heraus auch gerne feiert. Das wird die Regionalbischöfin bei ihrem Besuch am Sonntag auch so erleben.“

Wie waren denn die ersten sechs Wochen im neuen Amt als Gemeindepfarrerin?

Nicoly Menezes: „Die Kirchengemeinde war mit dem plötzlichen Tod von Pfarrer Hartmuth Stamm unter Trauer, ja im Schockzustand. Das ging auch mir so. Der große Verlust brachte viele Turbulenzen mit sich. Trotzdem: Es ist eine eigene Erfahrung, wie viele Menschen in solch einer außergewöhnlichen Situation mit anpacken. Gut getan hat auch die Unterstützung von Seiten des Kirchenvorstandes, der Pfarramtssekretärin, der Mesnerinnen, des Ruhestandpfarrers und -diakons, der Lektorin, des Dekans, sowie das Aushelfen der Nachbarn aus der Peitinger Gemeinde. Allgemein kann ich von einer freundlichen Aufnahme sprechen. Der Bürgermeister kam vorbei. Mit Pfarrer Marxer aus Schongau und mit Pfarrer Klein aus Altenstadt habe ich auch schon mehrmals Kontakt gehabt. In der Ökumene wurde unter Pfarrer Stamm viel gesät, was wir jetzt allmählich ernten können.“

Die evangelische Gemeinde Schongau hat schwierige Jahre hinter sich; es gab auch Streit: Wie kann eine Gemeinde das hinter sich lassen?

Nicoly Menezes: „Mein Eindruck ist, dass die Gemeinde das hinter sich lassen will. Der Kirchenvorstand hat es in einem Bild treffend ausgedrückt. Die Kirchengemeinde versteht sich als ein Schiff, das zu neuen Ufern aufbrechen möchte. Das Schiff will auch diejenigen aufnehmen, die längere Zeit auf die Mitfahrt verzichtet haben. Und die Gemeinde hat sich jemanden gewünscht, der sie auf dieser Fahrt begleitet.“

Kurz bevor Sie Ihre neue Aufgabe angetreten haben, ist Pfarrer Hartmuth Stamm verstorben. Wann wird die zweite Pfarrerstelle wieder besetzt?

Nicoly Menezes: „Die Hoffnung ist, dass dies ab März 2017 möglich ist. Eine Vakanz von sechs Monaten ist üblich.“

Wie sind Sie mit der Familie privat in Schongau angekommen?

Nicoly Menezes: „Zwei unserer Kinder gehen hier zur Schule, eines ist im Kindergarten. Wir sind gut aufgenommen worden. Schongau ist unseren ersten Eindrücken nach eine schöne, alte Stadt mit engagierten Menschen und mit einer reizvollen landschaftlichen Umgebung. Wir sind bisher leider nur noch nicht groß dazu gekommen, dass wir die schöne Stadt mit ihrer Umgebung näher erkunden. Ein Vorteil für mich ist, da zu wohnen, wo ich arbeite. Dafür pendelt nun mein Mann zur Arbeit.“

Interview: Johannes Jais

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