Standortförderung, Kultur und Tourismus: Amtsleiterin Jutta Liebmann im Interview

"Fußgängerzone ist kein Allheilmittel"

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„Weilheim ist eine sehr herzliche Stadt.“ In Jutta Liebmanns Wirkungsbereich sind acht MitarbeiterInnen beschäftigt. 

Weilheim – Jutta Liebmann leitet seit 1. April 2016 das neu geschaffene Amt für Standortförderung, Kultur und Tourismus in Weilheim. Die 39-jährige Diplom-Geographin, eine gebürtige Augsburgerin, war zuvor sieben Jahre Citymanagerin in Garmisch-Partenkirchen. Im Gespräch mit Kreisboten-Redakteurin Maria Hofstetter erklärt sie ihre Arbeitsschwerpunkte für 2017.

Seit neun Monaten sind Sie hier als neue Amtsleiterin tätig und haben Ihren Arbeitsort auch privat zu Ihrem Lebensmittelpunkt gemacht. Fühlen Sie sich schon heimisch in Weilheim?

Liebmann: „Ja sehr! Weilheim hat mir schon gut gefallen, bevor ich mich auf diese Stelle beworben habe. Weilheim hat eine hübsche Innenstadt, man ist sofort in der Natur, das spricht für Lebensqualität.“

Können Sie unseren Lesern die Aufgabenschwerpunkte Ihrer Position beschreiben?

Liebmann  (überlegt kurz): „Ich habe Leitungsfunktion für die Bereiche Wirtschaft, Kultur, Tourismus und bin da Ansprechpartnerin für alle Belange. Eine Kernaufgabe ist die Wirtschaftsförderung, um die ich mich persönlich kümmere. Auch das früher beim Ordnungsamt angesiedelte Veranstaltungsbüro fällt in meinen Verantwortungsbereich. Während dessen Mitarbeiter für die laufenden Veranstaltungen zuständig sind, läuft das Entwickeln neuer Ideen und Veranstaltungsformate primär über mich.“

Früher war der Standortförderer beim Standortförderungsverein angesiedelt mit Fokus Wirtschaft. Wie gestaltet sich Ihre Zusammenarbeit mit diesem Verein und mit anderen Verbänden?

Liebmann: „Mit dem Standortförderungsverein arbeite ich sehr intensiv zusammen, es gibt definitiv gemeinsame Schnittstellen. Zum Beispiel haben wir einen Projektfonds für die Städtebauförderung angeschoben, um gezielt gemeinsame Vorhaben umsetzen zu können. Wir tauschen uns regelmäßig aus.

Im Wechsel mit der Oberlandausstellung könnte ich mir einen gemeinsamen Tag der offenen Tür in allen Weilheimer Betrieben vorstellen. Diese Idee muss noch konkretisiert werden. Mit dem Tourismusverband zusammen prüfen wir, ob eine bundesweite Ausschreibung als Modellregion für Naturtourismus interessant für uns ist. Bei der Einführung der Königscard ist Weilheim mit dabei. Über die Energiewende Oberland haben wir uns für ein Digitales Gründerzentrum beworben.“

Sprachrohr der Wirtschaft sein und darauf achten, dass Tourismus und Kultur nicht auf der Strecke bleiben. Birgt Ihr Amt, das drei Bereiche bündelt, nicht auch Konfliktpotenzial?

Liebmann: „Das sehe ich nicht so, die Bereiche greifen sehr stark ineinander. Der Tourismus ist ein Wirtschaftsfaktor und wird gespeist mit kulturellen Angeboten. Die Wirtschaft wiederum profitiert von diesem Standortvorteil, wenn sie Mitarbeiter sucht.“

Kaum angekommen, war Ihr Organisationstalent bei den Aktionswochen zum 40-jährigen Bestehen der Fußgängerzone gefragt. Wie hat die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten geklappt und was hätte besser laufen können?

Liebmann: „Es war ein unglaublich tolles Miteinander. Netzwerke wurden geknüpft, alle haben ihre Hilfe angeboten. Eine Besonderheit war, vieles, das schon Bestand hat in Weilheim, unter einem Dach zu vermarkten. Es hat durch die Bank super funktioniert.“

Hat der Wirtschaftsstandort Weilheim auch nachhaltig davon profitiert?

Liebmann: „Ich denke schon. Wenn man das große Spektrum an Veranstaltungen unter einem Dach bündelt, kann man die Reichweite deutlich erhöhen. Weilheim hat überregional viel Aufmerksamkeit bekommen.“

Für den Einzelhandel in der Innenstadt wird es immer schwieriger, sich gegenüber der Konkurrenz in den Gewerbegebieten und im Onlinehandel zu behaupten. Wie kann die City attraktiver gestaltet werden, ohne ihren individuellen Charme einzubüßen?

Liebmann: „Wir müssen vor allem den Tagestourismus erhöhen und dafür sorgen, dass uns die Gäste im Fünfseenland und in Richtung Murnau wahrnehmen. Das heißt Kooperationen suchen, Netzwerke knüpfen und überlegen, welche touristischen Leistungen wir anbieten können: Zum Beispiel ein Stadtspiel für Kinder oder vielleicht einen Kletterwald.

Die Geschäfte in der Innenstadt müssen ihr komplettes Leistungsspektrum nach außen tragen und gemeinschaftlich Werbung machen, auch im Internet. Der Einkauf beginnt oft zu Hause am PC.“

Eine Erweiterung der Fußgängerzone ist nach wie vor heftig umstritten. Sehen Sie darin eine Möglichkeit, die Innenstadt aufzuwerten?

Liebmann: „Es muss untersucht werden, welche Auswirkungen das auf die Betriebe hat. Eine Fußgängerzone ist kein Allheilmittel. Das Thema ist mit Bedacht zu behandeln, denn eine funktionierende Innenstadt ist immer ein Spagat zwischen Erreichbarkeit und Aufenthaltsqualität.“

Für das produzierende Gewerbe wird es immer schwieriger, Fachkräfte zu finden, weil bezahlbarer Wohnraum fehlt. Wie kann dieser Standortnachteil zeitnah behoben werden?

Liebmann: „Die Stadt hat viele Unternehmungen getätigt, um den Druck aus der Wohnungssituation zu nehmen. Wohnen im Umland wird auch künftig notwendig sein. Weilheim ist ein idealer Ausgangspunkt für Münchenpendler. Für Auszubildende könnte – in privatwirtschaftlicher Leistung – (für die Anfangszeit) als Unterkunft eine Art Boardinghouse Abhilfe schaffen, in dem sie sich temporär in ein möbliertes Appartement einmieten.“

Das Ansiedeln neuer Betriebe ist eine Kernaufgabe der Standortförderin. Konnten Sie schon persönlich aktiv werden – und wenn ja, mit welchem Ergebnis?

Liebmann: „Pro Woche gehen bei mir etwa zwei Anfragen nach Gewerbeflächen ein, aus unterschiedlichsten Branchen. Es sind sehr spannende, international tätige Firmen dabei, die von mir intensiv betreut werden.“

Ein Unternehmer bekundet Interesse, sich in Weilheim anzusiedeln: Mit welchen Argumenten wollen Sie ihn für den Standort gewinnen?

Liebmann: „Wir konnten schon öfter unseren Imagefilm zeigen. Weilheim wird darin so überzeugend erklärt, dass er positiv eingestellt wird. Dann liefere ich ihm wichtige Strukturdaten über Verkehrsanbindung, Kinderbetreuung, Schulen, Weiterbildungsmöglichkeiten und Informationen zur Personalbeschaffung oder zu Netzwerkmöglichkeiten...“

Ihr vorheriger Arbeitsort Garmisch-Partenkirchen war, im Gegensatz zur Schul- und Behördenstadt Weilheim, überwiegend vom Tourismus geprägt. Wo sehen Sie hier Chancen, diesen Wirtschaftszweig voranzubringen?

Liebmann: „Weilheim hat eine attraktive Innenstadt, den Dietlhofer See, den Stadtwald, die Au, einen Indoorspielplatz und eine Kletterhalle... Aber wir müssen auch neue Ideen und Produkte entwickeln. Ich hoffe, dass wir auch hier Mittel aus dem Projektfonds nutzen können, beispielsweise für ein Leitsystem. Die Stadt hat hierzu bei der Regierung von Oberbayern im Bereich der Städtebauförderung einen Antrag gestellt. Im Frühjahr 2017 werden wir Bescheid bekommen, ob und in welcher Höhe es Fördermittel gibt. Die Stadt muss dazu einen finanziellen Anteil leisten.“

Weilheim hat zu wenig Beherbergungskapazitäten. Ist das Ihrer Meinung nach ein schwerwiegendes Manko?

Liebmann:  „Ich arbeite mit dem, was ich habe. Am Dietmayr-Anger entsteht etwas Neues, für Schloss Hirschberg gibt es Pläne für ein Gesundheitshotel, auch für die Erweiterung der Wohnmobilstellflächen gibt es immer wieder Überlegungen – und Weilheim hat viele privat vermietete Ferienwohnungen. Von der Einführung der Königscard versprechen wir uns positive Effekte. Wichtig ist, dass wir den Tages- und Fahrradtouristen ein attraktives Angebot bieten können.“

Das kulturelle Angebot ist ein wichtiger Standortfaktor. Ist Weilheim, gemessen an seiner Einwohnerzahl und Wirtschaftskraft, auf diesem Feld gut aufgestellt?

Liebmann: „Weilheim bietet das ganze Jahr über eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft, sei es in den Bereichen Musik, des Theaters oder der Kunst. Da ist für jeden etwas dabei. Als 23 000 Einwohner-Stadt haben wir sogar ein eigenes Stadttheater.“

Was steht für 2017 auf Ihrer Prioritätenliste ganz oben?

Liebmann: „Das Marketing für die Innenstadt und den Tourismusstandort Weilheim. Eine weitere Idee ist die konzeptionelle Ausarbeitung eines Homeofficeplatzes und Co-Working-Angebots in Bahnhofsnähe insbesondere für Pendler, um den Firmen und ihren Mitarbeitern flexible Lösungen anbieten zu können. Für die Umsetzung brauchen wir Kooperationspartner. Auch die Innenstadt kann davon profitieren, weil sich dieser Personenkreis dort über Mittag aufhält. Zur Erstellung einer Bedarfsanalyse plane ich, zusammen mit einem Lehrstuhl, eine Abschlussarbeit zu vergeben.“

Ihr Amt umfasst auch die Betreuung der Städtepartnerschaft. Waren Sie schon in Narbonne, haben Sie dorthin Kontakte geknüpft?

Liebmann: „Die Städtepartnerschaft ist wichtig für Weilheim. Für mich gab es bisher wenig Berührungspunkte. In erster Linie sind Sabine Fenner-Wegener und Uta Orawetz als Referentin die Ansprechpartner. Im kulturellen Bereich sind mehr Vernetzungen angedacht. Interessant finde ich auch einen Austausch im Handwerk.“

Neben Stadtbaumeisterin Andrea Roppelt und Karin Groß, die das Hauptamt führt, sind Sie die dritte Amtsleiterin im Bunde. Ganz schön viel Frauenpower im Rathaus... wie kommt das bei den männlichen Kollegen an?

Liebmann: „Wir arbeiten im Haus sehr freundschaftlich zusammen. Vielleicht macht es gerade diese Mischung aus. Ein gstandener Mann kommt auch mit starken Frauen zurecht (lacht).“

Unabhängig von Ihrer beruflichen Herausforderung: Was schätzen Sie besonders an Weilheim?

Liebmann: „Ich mag es, dass alles da ist, was man zum Leben braucht. Die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Menschen hier ist für mich nicht selbstverständlich. Ich fühle mich pudelwohl in Weilheim. Und wenn ich mal ‚Berge-Sehnsucht‘ spüre, mache ich eine Gögerlrunde und es passt wieder.“

Vielen Dank für das Gespräch.

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