Ein Klima des Aufbruchs schaffen – Gutachten zeigt Leitlinien für künftige Energieversorgung im Landkreis auf

Bis 2020 mindestens 40 Prozent der klimaschädlichen Emissionen gegenüber dem Jahr 1990 einsparen. Das hat sich der Landkreis vorgenommen. Dr. Werner Zittel von der „Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH“ hält das Ziel dieser „sportlichen Aufgabe“ für erreichbar. Allerdings nur dann, wenn der Energieverbrauch in den Altbauten deutlich reduziert wird. Zittel, der für den Landkreis ein Klimaschutzkonzept erstellt hat, hält auch Änderungen im Mobilitätsverhalten für unverzichtbar. So gelte es den öffentlichen Personennahver- kehr attraktiver zu gestalten und besser zu vernetzen.

Landrat Dr. Friedrich Zeller versteht das nun vorliegende Gutachten als „Aufruf zum Handeln“. Jeder Einzelne sei zum aktiven Mitmachen aufgefordert, um in den nächsten zehn Jahren mit den Energie- und Klimaschutzmaßnahmen im Landkreis ans Ziel zu kommen. „Ein Klima des Wandels für den Klimawandel schaffen“ lautet Zellers Vision. Hoher Sanierungsbedarf in Altbauten Vor allem bei Wohngebäuden, die vor 1990 errichtet wurden – laut Zittel trifft dies auf 70 Prozent der Gebäude im Landkreis zu – besteht dringender Handlungsbedarf. „Die jährliche Sanierungsrate muss von derzeit ein auf mindestens acht Prozent gesteigert werden“, forderte Zittel, als er kürzlich im Weilheimer Landratsamt den Mitgliedern von Energie- und Umweltausschuss sowie Klimarat das Gutachten präsentierte. Landratsamt und Kommunen sollten mit ihren Gebäuden beim Sanieren eine „Vorbildfunktion“ übernehmen. "Energieschlucker" Papierfabrik Der industrielle und gewerbliche Energieverbrauch dominiert im Landkreis bei Weitem: So benötigt die Schongauer Papierfabrik „UPM Kymmene“ mit rund 73 Prozent den Löwenanteil, zweitgrößter Energieabnehmer ist mit etwa sieben Prozent die Firma „Roche Diagnostics“ in Penzberg. Zittel bescheinigte beiden Betrieben ein beispielhaftes Energiemanagement: „Sie nehmen ihre Energieverbrauchskontrollen sehr ernst.“ Verhältnismäßig hoch ist der Energiebedarf in Bäckereien, Metzgereien und in der Kfz-Zulieferindustrie. Im öffentlichen Bereich wird in den Schulen und Krankenhäusern die meiste Energie verbraucht. Schädliche Treibhausgase Als Verursacher von Treibhausgas-Emissionen steht die Industrie (Papierfabrik) an erster Stelle, gefolgt von privaten Haushalten und der Landwirtschaft. In dem Klimagutachten wird seit 1990 eine insgesamt leichte Reduzierung festgestellt. Der Emissionsanstieg in Privathaushalten und im Verkehr wurde durch eine knapp 15-prozentige Verringerung in der Landwirtschaft „mehr als ausgeglichen“, erklärte Gutachter Zittel und führte dies auf den Rückgang der Milchviehbetriebe zurück. Im Verdauungstrakt der Rinder entsteht Methan, das sich zusammen mit Emissionen aus Tierexkrementen und organischen Düngern schädlich auf das Klima auswirkt. Potenziale nutzen Noch viel auszuschöpfen gibt es im Bereich der regenerativen Stromerzeugung. So heißt es in der Studie, dass ihr Potenzial doppelt so groß ist wie der heutige Stromverbrauch im Landkreis ohne die Schongauer Papierfabrik. Gutachter Zittel hält bis 2020 eine Vollversorgung des Landkreises mit Solarstrom (ausgenommen „Kymmene“) für realistisch, wenn etwa 80 Prozent der geeigneten Dachflächen dafür genutzt werden. Deutlich geringer werden wegen des hohen Bedarfs die Möglichkeiten zur regenerativen Wärmeerzeugung eingeschätzt. Deshalb sei wichtig, in den Gebäuden den Wärmebedarf zu reduzieren. Die Nutzung von Holz und fester Biomasse wird bereits großteils ausgeschöpft, ebenso die Wasserkraftnutzung zur Stromerzeugung. In der Biogaserzeugung sind noch Kapazitäten frei. Bei erfolgreicher Durchführung des Bernrieder Geothermieprojektes, rechnete Zittel vor, könnten zehn Prozent des gesamten Stromverbrauches geothermisch bereitgestellt werden. Der Energieverbrauch im Verkehr stieg im Landkreis bis 2006 an und stagniert seither. Am stärksten zugenommen hat der Schwerlastverkehr. Energiemanager Zur erfolgreichen Umsetzung des dreistufigen Klimaschutzkonzeptes hält Zittel das Einstellen eines Energiemanagers für nötig. Und mit einer Energieagentur, zum Beispiel am Weilheimer Bahnhof, könnte für alle Akteure aus Kommunen, Wirtschaft und Gesellschaft eine zentrale Koordinierungsstelle geschaffen werden. Klimagutachten Das Klimaschutzgutachten, mit dessen Erstellung der Landkreis das Beratungsunternehmen „Ludwig-Bölkow-Systemtechnik“ beauftragt hatte, liefert die Basis für das Erreichen der Klima- und Energieziele. Unter der Federführung von Zittel wurde im vergangenen Jahr landkreisweit eine Fragebogenaktion zum Energieverbrauch durchgeführt. Bei einer Rücklaufquote von zehn bis 20 Prozent mussten laut Zittel viele Daten hochgerechnet werden. Über den Energieverbrauch im Jahr 1990 liegen kaum verwertbare Aussagen vor. An der Erstellung des 300 Seiten umfassenden Gutachtens haben Klimabeirat, Landratsamt, Agendagruppen und ein aus Mitgliedern von Kreistag und Klimabeirat zusammengesetzter Steuerkreis mitgewirkt. Die rund 60000 Euro teure, vom Bundesumweltministerium mit 80 Prozent bezuschusste Studie wird am 23. April in einer Sondersitzung des Kreistages vorgestellt. Eine Kurzfassung des Klimaschutzgutachtens ist auf der Homepage des Landratsamtes unter www.weilheim-schongau.de, Wirtschaftsförderung, eingestellt.

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