Studie fordert Klinikschließungen

"Das würde Menschenleben gefährden"

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Dr. Wilhelm Fischer, Krankenhaus GmbH-Geschäftsführer Thomas Lippmann und Dr. Armin Kirschner (stehend v. .li.) auf der Intensivstation der Schongauer Klinik.

Schongau – Es wäre eine radikale Reform, die wohl auch gravierende Auswirkungen auf den Landkreis hätte: Forscher der Nationalen Akademie für Wissenschaften plädieren in einem Diskussionspapier dafür, drei Viertel der deutschen Krankenhäuser zu schließen. Im Interview erklären Krankenhaus GmbH-Geschäftsführer Thomas Lippmann, Dr. Wilhelm Fischer (Ärztlicher Direktor) und Dr. Armin Kirschner (Chefarzt Anästhesie/Intensivmedizin), warum sie den Ansatz für falsch halten, was Krankenhäuser auf dem Land Großkliniken voraus haben und weshalb Statistiken nicht immer die ganze Wahrheit erzählen.

330 Großkliniken statt aktuell 1600 Krankenhäuser: Herr Lippmann, was halten Sie von der Forderung, die Wissenschaftler jetzt in einer Studie formuliert haben?

Lippmann: „Übersetzt hieße das, dass es in ländlichen Regionen im schlechtesten Fall nur noch ein Krankenhaus für bis zu vier Landkreise geben würde. Das nimmt meine Antwort eigentlich schon vorweg. Eine derartige Situation würde Menschenleben gefährden. In Ballungsräumen mag die Frage legitim sein, ob man im Umkreis von fünf Kilometern 15 Kliniken braucht, die alle das gleiche anbieten. Auf dem Land sind die Wege viel weiter. Würde etwa der Standort Schongau wegfallen, würde das für über 30 000 Menschen bedeuten, dass sie länger als 30 Minuten fahren müssten bis zum nächsten Krankenhaus.“

Dr. Kirschner: „Ich bin seit 30 Jahren Notarzt und kann nur bestätigen: Sich nur noch auf Großkliniken zu beschränken, wäre in der Tat der völlig falsche Ansatz. In Notfällen zählt für Patienten jede Minute. Da gilt es, so wenig Zeit wie möglich zu verlieren. Oft hört man dann, ist doch kein Problem, wofür gibt es Hubschrauber. Leider fliegt der weder bei Nebel noch im Schneetreiben und auch nachts ist nicht immer an einen Einsatz zu denken.“

In Dänemark scheint das zu funktionieren. Der Vorschlag der Autoren bezieht sich auf die dortige Strukturreform, wo viele kleinere ältere Krankenhäuser durch wenige neue ersetzt wurden.

Lippmann: „Mit entsprechenden Auswirkungen. Ein Beispiel: Während Mütter, die bei uns im Landkreis ein Kind erwarten, bis zuletzt zuhause im gewohnten Umfeld bleiben können, müssen sie in Dänemark sich ab einer gewissen Woche in der Klinik einfinden und dort bis zur Geburt warten, da der Weg ansonsten zu weit wäre.“

In der Studie kritisieren die Autoren auch, dass es vor allem in kleineren Kliniken an der Ausstattung und der Erfahrung des medizinischen Personals mangele. Eine Folge sei, dass Herzinfarktpatienten in deutschen Krankenhäusern doppelt so häufig sterben wie in Australien und Schweden.

Lippmann:  „Ich schließe nicht aus, dass es kleinere Kliniken gibt, auf die das zutrifft. Aber auch hier darf man nicht pauschalisieren. Gerade in Großkliniken haben Patienten oft wenig Kontakt mit dem Top-Personal. Meist erledigen Assistenzärzte die Arbeit. Bei uns dagegen kennt jeder den Chefarzt. Und auch kleine Krankenhäuser können sich moderne Geräte anschaffen und gutes Personal holen. Natürlich gilt es zu wissen, wo die Grenze ist, ab der der Patient woanders besser versorgt werden kann. Mehr Zentren bedeuten auch mehr Fließband-Medizin. Da ist die Frage, wollen wir das in Deutschland?

Dr. Kirschner: „Weil in diesem Zusammenhang auf die Sterberate bei Herzinfarkt verwiesen wird: Die vermeintlich guten Zahlen einiger anderer Länder rühren auch daher, dass dort viele Patienten die Klinik gar nicht erreichen, sondern auf dem langen Weg dorthin sterben. Diese Fälle tauchen also in der offiziellen Statistik der Kliniken nicht auf.“

Laut den Wissenschaftlern gibt es in Deutschland bereits eine Überkapazität an Krankenhaus-Betten. Jetzt haben Sie, Herr Lippmann, als Ziel ausgegeben, die Krankenhäuser in Weilheim und Schongau auf je mehr als 200 Betten aufzustocken. Wie passt das zusammen?

Lippmann: „Viel entscheidender als die Zahl der Betten ist, wie viele Patienten sich für unsere Dienste entscheiden. Wir wollen, dass die Bürger uns als Gesundheitsversorger Nummer eins wahrnehmen. Dafür muss das Angebot stimmen und für dieses wiederum braucht es eine gewisse Betriebsgröße. Sonst lassen sich defizitäre Bereiche wie Notaufnahme und Geburtshilfe gar nicht darstellen.“

Dr. Fischer: „Dass sich die Investitionen lohnen, zeigt sich beispielsweise an den Intensivstationen, die wir ausgebaut haben. Sie sind fast immer voll belegt, was beweist, dass die zusätzliche Kapazität im Landkreis gebraucht wird.“

Statt Schließungen fordern erste Krankenhaus-Vertreter in Reaktion auf die Studie mehr Geld für die Kliniken. Würden Sie das auch unterschreiben?

Lippmann: „Ich würde nicht sagen, dass es an finanziellen Mitteln bundesweit hapert. Es bräuchte vielmehr bessere Strukturen, um das vorhandene Geld fairer zu verteilen. Gerade Kliniken in ländlichen Regionen, die dort die Notfallversorgung der Bevölkerung aufrechterhalten, müssten besser gestellt werden als Krankenhäuser in Großstädten, um auch in Zukunft überleben zu können. Ansonsten geht es uns hier in Bayern so wie in manch anderen Bundesländern. Dort sind in der Vergangenheit viele Kliniken geschlossen worden mit der Folge, dass sich die Versorgung auf dem Land verschlechtert hat.“

Ab dem kommenden Jahr soll erstmals die Qualität der Behandlung in den Krankenhäuser erfasst werden. Patienten dürften sich dann Kliniken vermehrt nach deren Behandlungserfolgen aussuchen. Ist das für Sie ein Grund zur Sorge?

Lippmann: „Grundsätzlich ist das der richtige Weg. Qualität ist ein wichtiges Kriterium für den Patienten. Die Frage ist nur: Wie wird Qualität definiert? Geht es nur nach der Anzahl der Fälle, ist das für kleine Kliniken sicher ein Problem. Wer weniger als 200 Betten hat, wird dann Schwierigkeiten bekommen, im System zu bestehen. Jetzt könnte man sagen, dass es doch kein Problem ist, wenn Kliniken einfach ihr medizinisches Spektrum verringern, in dem sie auf bestimmte Bereiche verzichten. Aber je weniger ein Krankenhaus anbietet, umso weniger attraktiv ist es für Ärzte und Patienten. Damit beginnt die Abwärtsspirale, an deren Ende dann die Schließung steht. Das kann nicht das Ziel sein.“

Interview: Christoph Peters

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