Stadtrat kassiert Bauausschuss-Beschluss

Tierbilder jetzt doch im Original

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Schongau – Sie setzten sich seit Wochen verbissen für den Erhalt der Kunstwerke an der Staufer-Grundschule ein, die der verstorbene Münchner Künstler Cobi Reiser einst in den 1950er Jahren geschaffen hatte und denen mit dem bevorstehenden Abriss der Schule die Zerstörung drohte. Am Dienstag konnten die sieben Grundschüler, begleitet von ihrer Lehrerin Irmgard Schreiber-Buhl und Schulleiterin Ursula Heitmeier, als Zuschauer der Stadtratssitzung erleben, dass ihr Einsatz nicht umsonst gewesen war. Das Gremium einigte sich nach einer teils hitzig geführten Debatte auf einen Kompromiss. So stellt die Stadt mit 40 000 Euro einen Teil der nötigen Summe für den Erhalt der Tierbilder im Original bereit. Wie viele der acht Motive letztendlich gerettet werden können, hängt nun vom Erfolg der angekündigten Spendenaktion ab.

Die Liste jener, die sich für einen Erhalt der Kunstwerke im Original an der Grundschule einsetzen, war jüngst immer länger und länger geworden. So wandten sich nach den Grundschülern auch der Historische Verein sowie eine stolze Anzahl an Ehrenringträgern mit Petitionen an die Stadt. Zuletzt erhob der gebürtige Schongauer Kabarettist Helmut Schleich seine Stimme (der Kreisbote berichtete). „An dem Thema kommt man derzeit kaum vorbei“, stellte denn auch Bürgermeister Falk Sluyterman fest, der die Angelegenheit deshalb am Dienstag erneut auf die Tagesordnung gehoben hatte. Er räumte noch einmal ein, dass der Bauausschuss bei seiner Entscheidung, die Kunstwerke nicht im Original, sondern in anderer Form, etwa als Fotografie, zu erhalten, die historische Bedeutung möglicherweise nicht erkannt habe.

Dass der Weg, die Bilder als Neuinterpretation in den Neubau zu integrieren kein „Akt der Barbarei“, sondern durchaus ein legitimes Vorgehen im Rahmen von Kunst am Bau sei, versuchte anschließend Bauamtsmitarbeiter Sebastian Dietrich darzulegen. Er betonte, dass es sich bei den Bildern laut Landesamt für Denkmalschutz nicht um erhaltenswerte Kunstwerke handle, deshalb gebe es für eine Rettung auch keine Förderung. Es gebe allerdings private Stiftungen, die möglicherweise ein derartiges Vorhaben unterstützen würden.

Dietrich hatte schon in der Bauausschusssitzung angedeutet, dass ein Erhalt im Original nicht günstig werden dürfte. Um belastbare Zahlen präsentieren zu können, war der Bauamtsmitarbeiter auf die Suche nach einem vergleichbaren Projekt gegangen und fündig geworden. Die Arbeitsschritte, um die fragilen Bilder aus der Wand zu schneiden, seien sehr aufwendig, sagte Dietrich. So müsse das alte Mauerwerk vorsichtig abgetragen, eine neue Trägerschicht aufgebracht werden, ehe es herausgeschnitten werden könne. Anschließend müsse das Kunstwerk geschützt werden, um es einzulagern, ehe es mit spezieller Befestigungstechnik versehen schließlich im Neubau aufgehängt werden könne. Auf rund 8500 Euro schätzte er den Aufwand für die Rettung einer einzelnen Tierfamilie, das macht in der Summe rund 70 000 Euro. Hinzu kämen noch einmal 50 000 Euro für den Märchengiebel und 56 000 Euro für das Wanduhrbild an der Turnhalle.

Flammender Appell

Die Zahlen sorgten für Kopfschütteln bei Kreisheimatpfleger Helmut Schmidbauer. „Manchmal habe ich den Eindruck, wir vergleichen den Kundendienst eines Rolls Royce mit dem eines VW.“ Mit dieser Spitze in Richtung Stadt stieg Schmidbauer in seinen Vortrag ein, mit dem er den Stadträten erklären sollte, weshalb aus seiner Sicht nur ein Erhalt der Kunstwerke im Original erstrebenswert sei. In seinem flammenden Plädoyer hob er den finanziellen Wert von Cobi Reisers Bildern hervor, er lobte den „unverwechselbaren Stil“ des verstorbenen Münchner Künstlers, der Techniken nutzte, mit denen heute kaum noch einer arbeite. „Derartige Bilder wird die Stadt nie mehr erhalten“, gab er zu bedenken. Mit dem Abriss würde ein „Stück Schongauer Identität“ verschwinden. Das Argument, dass den Kunstwerken ohne ihren ursprünglichen Kontext die Bedeutung fehlen würde, ließ der Kreisheimatpfleger nicht gelten. „Kunstwerke kann man wunderbar verpflanzen“, sagte er und nannte Beispiele im Rathaussaal und der Stadtpfarrkirche. Auch zur Finanzierung hatte Schmidbauer eine klare Meinung. Er verwies auf Kunst am Bau, für die bis zu zwei Prozent der Bausumme vorzusehen sei. Außerdem hatte er selbst ein Angebot bei einem örtlichen Unternehmen eingeholt, das alle Bilder für gerade einmal 49 000 Euro sichern würde und damit weit unter der Summe, die das Bauamt aufgerufen hatte. „Auch die Bürgerschaft ist aufgerufen, die Rettung finanziell zu unterstützen“, betonte er. Dafür brauche es aber einen „klaren Beschluss und den politischen Willen zur Rettung“.

Auch wenn Schmidbauer in manchen Punkten korrigiert wurde – sein genanntes Angebot war deshalb so günstig, weil Arbeitsschritte fehlten wie auch die Mehrwertsteuer; Kunst am Bau ist keine Gesetzesvorschrift, sondern freiwillig – so hatten seine Worte durchaus Eindruck hinterlassen. In der folgenden Diskussion zeichnete sich recht bald ab, dass ein Großteil der Stadträte bereit war, Geld für die Rettung der Originale bereitzustellen, allerdings nur bis zu einem gewissen Betrag. Der Rest müsste über Spenden generiert werden. „Dann sehen wir auch, wie die Unterstützung der Bevölkerung in dieser Sache ist“, sagte Martin Schwarz (SPD). Sollten auf diese Weise mehr als 20 000 Euro zusammenkommen, würde die Bürgerstiftung 2000 Euro bereitstellen, merkte Sluyterman an.

Wichtig war dem Gremium, dass durch die Deckelung des städtischen Anteils Spielraum für zeitgenössische Kunst bleibt. „Wir wollen nicht nur Geld für Betonsägen ausgeben“, sagte CSU-Fraktionschef Michael Eberle. Als „Kunstbanause“ outete sich Markus Wühr (CSU). Ihm seien die Bilder als Kind nie aufgefallen, gab er zu und schlug vor, die Bilder von einem Künstler kopieren zu lassen. „Das kostet 1000 Euro pro Bild und sieht genauso aus.“ Doch dem Vorschlag wollte keiner folgen, genauso wenig wie der Idee von Gregor Schuppe (ALS) die geretteten Kunstwerke lieber im Stadtmuseum aufzubewahren oder zu verkaufen.

Die Zeit drängt

Letztendlich stimmte das Gremium mit 19:4 Stimmen dafür, 40 000 Euro für die Rettung der Tierfamilien bereitzustellen. Als „heißes Ringen um einen guten Weg“, bezeichnete Bürgermeister Falk Sluyterman die Entscheidung. Vier der acht Motive können so sicher erhalten werden, der Rest hängt von Spenden ab. „Sollte so viel Geld zusammenkommen, dass es auch reicht, um den Märchengiebel und das Wanduhrbild zu retten, werden wir das selbstverständlich tun“, versicherte das Stadtoberhaupt. Die Mittel müssen jetzt zügig gesammelt werden, denn schon im August rollen die Bagger und beginnen mit dem Abriss der Grundschule. Dann gibt es keinen Weg mehr zurück.

Christoph Peters

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