Nach 50 Jahren

Fall geklärt: Das geschah mit den Aral-Bällen

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Hans-Joachim Schlehufer demonstriert, wie schwierig es war, die erbeuteten Bälle in den VW Käfer zu bugsieren.

Hohenpeißenberg – War der Ball im Wembley-Stadion 1966 hinter der Torlinie oder nicht? Auch 50 Jahre nach dem legendären Finale der Fußballweltmeisterschaft zwischen England und Deutschland scheiden sich bei der Frage die Geister. Geklärt ist dafür jetzt ein anderes großes Rätsel aus dieser Zeit. Auch hier spielen Bälle die Hauptrolle.

Der Slogan passte. Mit „Aral immer am Ball“ rührte der weltbekannte Mineralölkonzern 1966 bundesweit kräftig die Werbetrommel für seine Tankstellen. Als Blickfang für die Aktion zur Fußball-WM in England dienten weiß-blaue Fußbälle in Übergröße. Auch an vier Tankstellen rund um den Starnberger Seen hingen diese weithin sichtbar an Masten. Doch eines Morgens waren diese Bälle verschwunden. Weg. Einfach so. Was mit ihnen geschah? 50 Jahre lang konnte darüber nur gerätselt werden. Doch jetzt, als alle Welt wieder von Wembley spricht, von diesem Tor, das vielleicht doch keines war, da hat es Hans-Joachim Schlehufer nicht mehr ausgehalten. Sein dunkles Geheimnis, das er so lange mit sich herumgetragen hat, muss endlich gelüftet werden.

1966 absolviert der damals 21-Jährige ein Jahr lang die Russisch-Dolmetscher-Ausbildung an der Fernmeldeschule des Heeres in Feldafing am Starnberger See. Es ist die Zeit des Kalten Krieges. Jeden Tag pauken er und seine Kameraden von morgens bis abends die fremde Sprache, um später für die Nato die Kommunikation des Feindes übersetzen zu können. Nur das Wochenende haben Schlehufer und seine Mitschüler zur freien Verfügung. „Da haben wir dann so einige verrückte Sachen gemacht“, erinnert sich der heute 71-jährige schmunzelnd, der seit zwei Jahren in Hohenpeißenberg lebt. Womit wir bei den besagten Aral-Bällen wären. „Wir haben sie gestohlen“, gibt Schlehufer freimütig zu und meint mit wir sich und drei weitere Kameraden.

Vier in einer Nacht

Den waschechten Diebstahl führen sie in nur einer Nacht durch. Vier Tankstellen am Starnberger See. Für jeden ein Ball. Ihr Transportfahrzeug: ein VW Käfer. Platz für eine Leiter gibt es nicht. Um zu dem in einem Netz baumelnden Ball hinauf zu gelangen, bilden Schlehufers Mittäter eine Räuberleiter, die dieser als Leichtester erklimmt, um dann mit einem Messer das Netz zu zerschneiden. Mit dem befreiten Ball geht es zurück zum Auto, doch dort wartet das nächste Problem: Das Beutestück ist mit einem Durchmesser von 75 Zentimeter zu groß, um durch die Tür auf die Rückbank zu passen. Mit vereinten Kräften pressen die vier die Luft aus dem Ball, die nur langsam mit einem lauten Pfeifen entweicht. „Die Furcht, dass wir in flagranti erwischt werden, war natürlich groß“, so Schlehufer. Als der überdimensionale Fußball schließlich, immer noch beachtlich gefüllt, durch die Tür passte, steuern die jungen Männer schnell die nächste Tankstelle an, bis sie schließlich alle vier Bälle stibitzt haben.

Tat ist verjährt

Fünf Jahrzehnte sind seitdem ins Land gezogen, die Tat ist strafrechtlich längst verjährt. Doch wenn Schlehufer gelegentlich als Kunde an den blauen Tankstellen stoppt, dann hat er schon oft stille Abbitte für diese „Jugendsünde“ geleistet. Erinnert wird er zudem täglich an diese Nacht vor 50 Jahren, denn nur sein Exemplar hat all die Jahre überdauert. Der weiß-blaue Ball hängt noch heute prall unter der Zimmerdecke seiner Wohnung in Hohenpeißenberg. Dass die Aral diesen jetzt, nachdem das Rätsel um seinen Verbleib gelöst ist, zurückfordern könnte, damit rechnet der 71-Jährige nicht. „Er hat ja nur noch einen ideellen Wert.“

Christoph Peters

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