"Das Netz": 20 Jahre Beistand und Schutz für Opfer von sexuellem Missbrauch in Weilheim

"Du bist nicht allein"

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Brigitta Christ (2. v.li.) feierte mit dem ehemaligen und jetzigen Vorstand und Mitarbeitern das 20-jährige Bestehen von Das Netz. Darunter waren Dr. Karl Breu, Landrat Dr. Friedrich Zeller und Katharina Spöttl. (li.).

Weilheim – „Im Landkreis Weilheim-Schongau gab es letztes Jahr 65 Fälle von gemeldeten Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. 22 Fälle waren sexueller Missbrauch an Kindern. 17 Mal wurde die Verbreitung von pornografischen Bildern gemeldet.“ Mit diesen Zahlen schockierte Katharina Spöttl, Beauftragte für Frauen und Kinder des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, viele der Besucher, die zur 20-jährigen Jubiläumsfeier von Das Netz am vergangenen Mittwoch in das Pfarrheim Miteinander gekommen waren. 

Erste Vorsitzende Brigitta Christ berichtete, dass sie um die 130 Anfragen im Jahr hat. „Es melden sich aber nicht nur Betroffene, sondern auch Eltern, Lehrer und Geschwister bei mir.“  Ihr Ziel, das sich Christ vor 20 Jahren gesetzt hatte, ist erreicht. „Die Vernetzung unter den Kollegen klappt einfach so wunderbar. Egal aus welchem Bereich die Hilfe kommt, Hand in Hand sind wir da“, sagte sie. 

Am 27. Oktober 1992 gründete sich der Verein Das Netz in den Räumen des Klosters Polling. Der Grund waren mehrere Zeitungsberichte, die das Thema sexueller Missbrauch thematisierten. Auf die Initiative der ehemaligen Leiter Udo ter Haseborg (Jugendamt), Hermann Seel (Erzieh­ungsberatungsstelle) und Gottfried Koppold (Geschäftsführer Kinderhilfe Weilheim-Schongau) trafen sich 1991 Fachleute aus den unterschiedlichsten Bereichen zu einem „Runden Tisch“. Darunter war auch  Brigitta Christ (Diplom Sozialpädagogin). Bei dem Treffen sollten die Beratungs- und Interventionssituationen und Verfahrensabläufe vor Ort geklärt werden. Anliegen des Vereins waren Kompetenzen zu bündeln, Ressourcen zu vernetzen, Kontinuität und Qualität der Zusammenarbeit zu gewährleisten. Der Verein erwartete sich größere Akzeptanz im öffentlichen Bereich, finanzielle Unabhängigkeit durch Einnahmen von Mitgliederbeiträgen, Spenden und Bußgeldern sowie Verbindlichkeit für die Teilnehmer und Mitglieder am Thema dran zu bleiben. 

Kurz nach der Gründungsversammlung hatte der Verein schon 29 Mitglieder – 20 Jahre später sind es 51. Die Mitarbeiter des Netzes kommen aus vielen verschiedenen Bereichen: Gesundheitsamt, Amt für Jugend und Familie, Hort, Kindergärten und Kitas, Frauenhaus  Murnau (mit angeschlossener Beratungsstelle), Beratungsstelle Bite bei Essstörungen, um nur einige zu nennen. Fachkräfte, wie Sozialpädagogen, Psychologen, Ärzte, Polizisten und Erzieher sind auch vor Ort, um den Opfern zu helfen.

Wie finanziert sich der Verein Das Netz? Nun, der größte Teil der Einnahmen sind die Bußgelder (81 Prozent), dann kommen die Mitgliedsbeiträge (10 Prozent), Spenden (8 Prozent) und ein Prozent sind Zinsen. Somit schwankt der Etat von Jahr zu Jahr. Die größte finanzielle Unterstützung gibt es für die vielen Therapien und verschiedenen Projekte. Eines davon ist das Fotoprojekt mit der Frauengruppe von Brigitta Christ und Monika Immler (Vorstand). Sie und sechs Frauen, die Opfer von sexueller Misshandlung sind, treffen sich einmal im Monat. „Diese Treffen spenden den Frauen Kraft“, erklärte Immler. „Wie will ich mich zeigen?“ war das Motto und die Frauen wurden von einer professionellen Fotografin in Szene gesetzt. Mit einer Kunsttherapeutin arbeiten die Frauen an Bildern. Mit der Zeichnung verarbeiten sie Gefühle, die sie momentan in sich tragen. Das Thema wird vorher abgesprochen.   „Wie viel Nähe hältst du aus?“ nannte Christ als Beispiel. Frauen malen ihre Gefühle. Danach gibt es mehrere Gespräche, und die Malerei setzt sich fort. Nach einigen Sitzungen entsteht ein „Gefühlswerk“ und die Frauen sehen, wie sich ihr Zustand verändert. „Ein spannendes Projekt“, sagte Christ.  

In den letzten 20 Jahren organisierte der Vorstand 170 Veranstaltungen. Dazu zählen Schulungen, Seminare und Vorträge. „Hut ab“, sagte Ulrike Leimig, seit April 2011 Mitglied des Vorstands.  

Der Verein hat verschiedene Aufgabenbereiche. Die Informationsstelle bei sexuellem Missbrauch am Gesundheitsamt Weilheim gehört auch dazu. Opfer werden beraten und in Konflikt- und Übergangsphasen begleitet. Das gilt, wenn zum Beispiel das Opfer auf einen Therapieplatz wartet. Die Prävention ist auch ein ganz wichtiges Thema. Das Netz organisiert präventive Gruppenarbeiten für Kinder und Jugendliche. Workshops und Gesprächskreise gibt es für Eltern. Im Landkreis sind auch weitere Organisationen, wie der Weiße Ring, der Schulpsychologische Dienst und das Frauenhaus in Murnau für Beratungen offen. 

Stadtrat Dr. Ulf-Heinrich Knabe, Referent für Soziales, kam ebenfalls zur Feier. Er wünscht dem Verein alles Gute und er hofft „dass er eines Tages nicht mehr nötig sein wird“. 

Das Fazit nach 20 Jahren: „Wir haben viel erreicht, die Vernetzung verbessert, den Opferschutz etabliert und über den Tellerrand gesehen. Also das Netz zur Hilfe geknüpft“, sagte Christ. Stolz auf seine Arbeit kann der Verein mit Sicherheit sein. Infos gibt es unter www.dasnetzev.de.                                                                                                                                                                               Von Alma Jazbec

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