Mobilität: Fluch und Segen zugleich? – Drei Weilheimer Pendler erzählen ihre Geschichte

Nomaden zwischen Zuhause und Job

+
Pendeln mit dem Zug – für viele Weilheimer Alltag.

Weilheim/Landkreis – Morgens um halb 8 füllt sich der Bahnsteig 1 am Weilheimer Bahnhof, denn der Zug von Innsbruck nach München kommt um 7.49 Uhr, hoffen die zahlreichen Pendler.

Die einen gähnen noch, die anderen trinken ihren Coffee-to-go, den sie sich noch schnell bei der Bäckerei geholt haben, viele sind mit den Kopfhörern im Ohr noch in ihrer eigenen Welt. Alle warten auf den Zug, der sie nach München zu ihrer Arbeitsstelle bringt. 4628 Pendler leben in Weilheim. 1198 von ihnen fahren in die Landeshauptstadt, und das jeden Tag.

Sebastian Mager ist 27 Jahre alt und arbeitet als Bankkaufmann bei einer Privatbank in München. Seit seinem 17. Lebensjahr pendelt er. Mit seiner Ausbildung fing es damals an. „Das war eine Umstellung. Während der Berufsschule musste ich jeden Tag um 5.45 Uhr aufstehen, da diese in München war. Da bin ich manchmal auf dem Zahnfleisch dahergekommen“, sagte er lachend. 

Heute stört ihn die Pendelei überhaupt gar nicht mehr, ganz im Gegenteil: „Ich liebe den Kontrast, meine Arbeit nicht vor Ort anzutreffen. Sobald ich in den Zug steige, ist für mich die Arbeit erledigt. Ich nehme sie nicht mit nach Hause. Außerdem lebe ich sehr gerne in Weilheim. Hier sind meine Freunde und Familie. Ich bin kein Stadtmensch, ich bin auf dem Land aufgewachsen“, sagte der passionierte Musiker, der zweimal die Woche mit seiner Band „Sober“ probt. Das Einzige, was ihn wirklich nervt, ist die Umsteigerei, bis er in seine Filiale nach Sendling kommt. 

Für seinen Traumjob als Inhaber eines Gitarrenladens würde er auch pendeln, aber mehr als zwei Stunden sind nicht drin. Sein Arbeitsmodell Gleitzeit erlaubt es dem gebürtigen Frankfurter (am Main) seine Zeit so einzuteilen, wie es für ihn am besten passt. „Da bekomme ich die Pendlerei und den Beruf ganz gut unter einen Hut. Wäre ich Schichtarbeiter, würde das Pendeln bei mir mehr Stress ausüben“, erklärte der begeisterte Schwimmer.


Pendleranalyse vom Amt fürJugend und Familie


Claudia Sam-Doess und ihr Kollege Jürgen Wachtler vom Amt für Jugend und Familie erstellten eine Sozialraumanalyse für den Landkreis, darunter war auch ein Bericht über Pendler. Für die Analyse wurden sozialversicherungspflichtige Beschäftigte aus dem Landkreis, ausgenommen Schüler, Stundenten, Beamte, Selbstständige und geringfügig Beschäftigte, im Jahr 2011 befragt. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wertete die Daten aus. Sam-Doess konnte aber nicht sagen, ob die Befragten mit dem Auto oder dem Zug pendelten. „Das wäre auch ein interessanter Faktor“, sagte sie.


Pendler richten ihren Alltagnach den Abfahrtszeitendes Zuges


Immer wieder ist Sonja Weber gestresst und genervt, vor allem wenn sie nach der Arbeit noch den nächsten Zug nach Weilheim erwischen will. Die 22-Jährige pendelt seit acht Monaten in die Landeshauptstadt, da sie als Modeberaterin in einem großen Laden in der Sendlinger Straße arbeitet. „Ich würde gerne nach München ziehen, aber eine Wohnung alleine ist einfach zu teuer. Da bleibt nicht viel zum Leben. Und für eine Wohngemeinschaft müssen es die richtigen Leute sein. In München ist es aber auch krass, da kommen für ein Zimmer 50 Interessenten zum Besichtigungstermin, da muss man sich erst durchboxen.“ 

Ganz so schnell möchte die junge Modeberaterin Weilheim nicht aufgeben, denn ihre Familie und Freunde leben in der Gegend. Die Pendlerei sieht Sonja Weber für sich als Fluch und Segen zugleich. „Es nervt zwar, aber die Jobchancen erhöhen sich für mich wahnsinnig.“ Ein Jahr möchte sie noch pendeln, dann muss eine Entscheidung her: Neuer Job oder Umzug. Die 21-Jährige ist schwer der Meinung, dass viele Pendler ihren Alltag nach den Zugfahrzeiten richten. „Ich sehe es ja an mir. Wenn ich weiss, ich komme morgen erst gegen 21 Uhr nach Hause, dann muss ich früher aufstehen, weil ich noch einkaufen muss oder einen Arzttermin habe. Da ist gute Organisation gefragt, dann klappt das schon.“

Sehr gut organisiert ist Wissenschaftsjournalist Helmut Hornung. Seit 23 Jahren pendelt der gebürtige Weilheimer nach München. Angefangen hat es mit seinem Germanistik-und Anglizistikstudium an der LMU in München. „Ich könnte ein dickes Buch schreiben, über das, was ich im Laufe meiner Pendlerzeit erlebt habe“, sagte er. Helmut Hornung sagt, dass er pendeln wolle. Seine Familie lebt in Weilheim und er selbst ist in der Kreisstadt geboren. Das in den Zug setzen und losfahren ist für ihn sehr gut investierte Zeit. „Ich bin Berufsleser und nutze diese zweimal 40 Minuten ausschließlich zum Lesen. Bevor ich in die Arbeit komme, habe ich schon mindestens zwei Zeitungen durchgelesen“, erklärte der zweifache Vater.

Der Wissenschaftsjournalist am Max-Planck-Institut sieht die Freiheit hinzureisen wohin man kann, eher gespalten. „Für die Berufswahl empfinde ich es als Segen, aber für die Umwelt ist es ein Fluch - Zug und Auto schaden der Umwelt und die hohe Mobilität belastet diese sehr.“ Nach den Zugfahrzeiten richtet sich der Buchautor schon lange nicht mehr. „Ich habe feste Zeiten, die ich befolge. Mein Rhythmus ist immer gleich, so bin ich im Alltag nicht gestresst.“ Auf eine Frage, nämlich wenn sie einen Wunsch frei hätten, gaben alle dieselbe Antwort: „Dass der Zug pünktlich kommt.“

Von Alma Jazbec

Meistgelesene Artikel

Es war einmal...

Region – Geschichten dienen als kulturelles Gedächtnis der Gesellschaft und sie regen die Fantasie an. Eine Form des Geschichtenerzählens ist das …
Es war einmal...

KönigsCard ab Mai

Landkreis – Die Gäste im Blauen Land, im Werdenfelser Land und im Allgäu nutzen sie bereits: Die KönigsCard, die ihnen im Urlaub zahlreiche …
KönigsCard ab Mai

Starker Start ins neue Jahr

Weilheim – Immer öfter kämpfen kleinere Geburtshilfeabteilungen ums Überleben – in der Weilheimer Frauenklinik scheint das nicht der Fall zu sein.
Starker Start ins neue Jahr

Kommentare