"Ich liebe es, wenn alte Sachen weiterleben"

Repair Café

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Gemeinsam reparieren macht doppelt Spaß.

Murnau – Schrauben, nähen, löten oder schleifen. Im Repair Café in der Westtorhalle lernt selbst der Laie, wie er mitgebrachte Gegenstände wieder reparieren kann.

Wer kennt das nicht? Der Laptop hat den Geist aufgegeben, das Stuhlbein wackelt oder an der Kaffeemaschine leuchten alle Lämpchen. Oft wirft man die Dinge auf den Sperrmüll – das muss nicht sein. In einem Repair Café kommen Profis und Laien zusammen, um scheinbar hoffnungslos kaputte Gegenstände zu richten. In geselliger Runde wird fleißig gewerkelt.

Repair Café Galerie

Unter fachkundiger Anleitung können die Teilnehmer unterschiedlichste Gegenstände reparieren, von Elektronik bis Fahrräder. Die Fachkräfte sind alle ehrenamtlich tätig. Heinfried Barton, Geschäftsführer der Vhs Murnau, hat diese Idee zum Leben erweckt. Vor vier Jahren erfuhr er das erste Mal von Repair Cafés in Holland. Nun findet diese Veranstaltung bereits zum dritten Mal statt. Beim Organisieren helfen Vhs, Verein Westtorhalle und Kreativwirtschaft zusammen. 

Das System ist einfach: Jeder repariert seinen Gegenstand unter der Anleitung verschiedenster Professionen: Ob Metallbauer, Elektroingenieur, Schreiner oder Schneiderin. Sie bringen ihre Werkzeuge mit. 

Ein Rentnerehepaar kommt mit einer Waage an. Anscheinend war nur die Batterie verkehrt eingelegt. Ein kleines Problem für die „Profis“. Barton berichtet, dass bisher etwa zwei Drittel der mitgebrachten Gegenstände repariert werden konnten. Bei einigen Fälle können immerhin die Defekte entdeckt werden. An diesem Tag waren es rund 90 Teile, die zur Reparatur gebracht wurden. „Hier wird alles auseinandergenommen“, berichtet eine Teilnehmerin. Denn wann kommt man schon auf die Idee, einen Anrufbeantworter aufzuschrauben, um sein Innenleben zu betrachten? 

Metallbauer Stefan Kupfer verschweißt einen Paravent neu: „Es macht Spaß, etwas zu reparieren.“ Margit Huber ist das erste Mal hier. Die Bremsen des alten Kinderrollers sind defekt und sie erklärt: „Bevor ich den wegschmeiße, möchte ich ihn reparieren und dann weitergeben.“ Das Repair Café regt an, ein Gespür zu entwickeln, ab wann man einen Gegenstand wegwirft oder wann man ihn noch richten kann.

„Der Akku hat eine zu geringe Spannung“, fachsimpelt Rentner Joachim Woesler aus Oberhausen. Manche Firmen ent- wickeln Elektrogeräte so, dass der Laie nicht einmal mehr die Schrauben aufbekommt, wie beim iPhone. Am Tisch daneben sind die Laptop- und Computerspezialisten Daniel Roth und Alexander Weisener im Einsatz. An diesem Tag sind viele Drucker dabei, bei denen der Einzug nicht richtig funktioniert. Dieses Problem lässt sich leicht lösen – mit Schmirgelpapier und Reiniger. Oft hilft auch erst mal ein Blick in die Gebrauchsanweisung, etwa im Falle einer defekten Kaffeemaschine. Robert Lange aus Murnau, der diese mitgebracht hat, hofft, dass sich die Idee des Repair Cafés weiter in der Region durchsetzt, da sie einen ermutigt, Sachen in die Hand zu nehmen und daran herumzuschrauben. Das sei ein guter Gegenpol zur Wegwerfgesellschaft. Am Ende ist es nur ein kleines Zahnrädchen, das er neu kaufen muss, damit seine Kaffeemaschine wieder funktioniert.

Antje Reuter ist begeistert: Das erste Mal in ihrem Leben lötet sie an einem Handmixer. Fernsehelektronikmeister Heinz Löbel demonstriert, wie es geht. Der Krankenpfleger und Hobby-Schlosser Stefan Richter erklärt: „Das Repair Café ist eine lustige Sache. Es gibt einen schönen Austausch. Jeder lernt von jedem. Ich liebe es, wenn alte Sachen weiterleben.

“Die Schneiderin Sabine Fabisch ist gerade dabei, einer Teilnehmerin zu helfen, ihre Jeans zu flicken: „Oft kann man sich von Lieblingsteilen nicht trennen. Unter Anleitung kann ich jemandem beibringen, wie er etwas flicken kann. Damit nimmt derjenige mehr als nur eine gestopfte Hose mit nach Hause.“ Es ist eine Art Hilfsnetzwerk, bei dem Jung und Alt zusammenkommen und jeder sein Wissen einbringt. Alle können voneinander lernen. So auch Schreinerlehrling Julian Stöhrer. In seiner Firma hat er noch nie einen Stuhl repariert. Aber hier konnte er es das erste Mal ausprobieren. Das nächste Repair Café wird in jedem Falle wieder in einem halben Jahr stattfinden. Infos gibt es auch unter www.repaircafe.de.


von Mirjam Mögele

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