Raphael Fellmer im Interview

"Ängste hat man auch mit Geld"

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Rafael Fellmer lebt mit seiner kleinen Familie in Berlin. Er denkt aber an das Auswandern - wohin ist noch nicht klar. Wie er aber leben möchte, das weiß er ganz genau.

Raphael Fellmer "rettet" Obst und Gemüse und lebt in einer Welt frei vom Kapitalismus: Ist das möglich?

Weilheim/Berlin – Raphael Fellmer ist 30 Jahre alt und lebt in Berlin, er hat in Den Haag European Studies studiert. Er und ein paar Freunde wollten zu zwei Hochzeiten nach Mexiko. Aber auf keinen Fall mit dem Flugzeug - sondern trampen. Nach einer elfmonatigen Reise veränderte sich das Leben von Raphael - denn er hatte seine Berufung gefunden: Raphael lebt ohne Geld. Am Donnerstag, 23. Januar, ist er um 19.30 Uhr im Weilheimer Stadttheater und redet darüber. Alma Jazbec sprach vorher mit ihm über sein spannendes Leben ohne den Kapitalismus, die „Kultur des Teilens“ und seine Idee von einem Öko-Dorf.

Wie sieht ein Tag von Raphael Fellmer (R.F.) aus?

R.F.: „Den Morgen beginne ich mit meiner Tochter Alma und meiner Frau Nieves. Wir frühstücken zusammen und ich mache leckere grüne Smoothies aus gerettetem Gemüse und Obst. Danach setze ich mich an den Computer. Den Großteil der Korrespondenz erledige ich per E-Mail. Zwei- bis Dreimal die Woche gehe ich zum Bio-Supermarkt, um das Gemüse und Obst zu retten, sonst wandert es in die Tonne. Das bekomme ich geschenkt. Wenn wir etwas zu viel haben, dann verschenke ich das an meine Freunde , Obdachlose oder ich gebe es an foodsharing.de weiter. Momentan arbeite ich auch an einer Verbesserung meines Buches, da müssen noch mehr Quellenangaben rein.“ 

Was hast du vor deiner Mexikoreise gemacht?

R.F.: „Ich studierte European Studies/Politikwissenschaften an der Universität in Den Haag. Seit meinem zwölften Lebensjahr habe ich Geld verdient und in verschiedenen Positionen gearbeitet. Ich trug aber auch vorher schon gebrauchte Kleider und habe mein Geld nie unnützlich ausgegeben. Ich habe den Sinn dafür nie verstanden.“ 

Wie und wo lebst du denn mit deiner kleinen Familie?

R.F.: „Momentan leben wir in einem 160 Quadratmeter großen Haus mit einem weiteren Paar, das drei Kinder hat. Sie hatten noch Untermieter gesucht. Dann erfuhren sie von uns und sie boten uns an in ihr Haus zu ziehen.“

In einem Interview sagtest du einmal: Geld bedeute dir viel, aber auch nichts. Wie passt das zusammen?

R.F.: „Geld bedeutet mir nichts, für mich ist es eine Illusion, nur weil wir Menschen daran glauben, damit alles kaufen zu können. Aber in der Realität hat es für mich keine Bedeutung. Ich habe zwar indirekt mit Geld zu tun - aber ich empfinde, dass Geld überbewertet wird und wir uns schon langsam davon befreien könnten, denn es wird immer obsoleter.“ 

Wie meinst du das genau?

R.F.: „Nun, viele glauben, dass Geld der Schlüssel zum Glück ist. Geld ist der Mittelpunkt im Leben - ohne dieses würde nichts funktionieren und unbewusst unterwerfen wir uns dem Geld. Es sei das Medium für das Ziel glücklich zu sein.“Viele bringen das Wort „Luxus“ mit Geld in Verbindung. Was ist denn Luxus für dich?R.F.: „Luxus heißt mich, dass ich mich mit dem Leben beschäftigen kann. Luxus ist, dass wir Menschen in Frieden zusammen leben können und unsere Talente in unserer Umgebung einbringen können. Die Gesundheit ist ebenfalls Luxus.“ 

Erkläre mir doch bitte den Ausdruck „Kultur des Teilens“. 

R.F.: „Es gibt ja den Ausdruck ,sharing economy’ - aber ich mag den Ausdruck economy nicht so sehr. Wir leben in einem materiellen Egoismus - würden alle Menschen auf der Welt so viele Ressourcen wie wir Europäer verbrauchen, bräuchten wir drei bis vier weitere Planeten - die gibt es aber nicht. Da kommt das Teilen ins Spiel. Wir befinden uns im Kulturwandel auf verschiedenen Ebenen: Das beginnt, wenn wir zur Welt kommen und die Augen öffnen. Wir teilen das Wasser, die Luft, unsere Erde - also sollten wir Dinge, die wir haben, auch mit unseren Mitmenschen teilen. Die Couch, Tisch, Sofa und vieles mehr. Wir haben die Fähigkeit, Dinge zu besitzen, also könnten wir sie weitergeben und zu empfangen. Somit schaffen wir auch Verbundenheit. Der Kapitalismus hat das Interesse, uns abhängig zu machen. Ich nenne dir ein Beispiel: Eine Gitarrenlehrerin teilt ihr Können mit ihren Schülern. Umso mehr von diesen Schülern ihr Wissen dann weitergeben, multipliziert sich das menschliche Verhalten und umso mehr leben wir in Hülle und Fülle. Das funktioniert mit vielerlei Dingen.“ 

Du hast das Projekt foodsharing.de auf die Beine gestellt. Erzähl’ ein bisschen was darüber. 

R.F.: „lebensmittelretten.de ist eine Internet-Plattform, die Privatpersonen, Händlern und Produzenten die Möglichkeit gibt, überschüssige Lebensmittel kostenlos anzubieten oder abzuholen. Über diese Seite kann man sich auch zum gemeinsamen Kochen verabreden, um überschüssige Lebensmittel mit Anderen zu teilen, statt sie wegzuwerfen. Wir kooperieren auch mit vielen Supermärkten, die lieber das Essen teilen, als es wegzuwerfen. Momentan haben wir somit um die 100 Tonnen an Lebensmittel gerettet.“ (Mehr Infos darüber gibt es auf www.foodsharing.de. Anmerkung der Redaktion.)

Hast du denn keine Existenzängste? 

R.F.: „Nein, also Ängste hatte ich schon länger keine mehr. Man hat ja auch mit Geld Ängste: Was passiert, wenn meine Bank pleite ist? Ist unser Wirtschaftsmodell noch tragfähig? Was passiert, wenn mein Gehalt gekürzt wird? Das sind Fragen, die auch Angst machen.“ 

Wie sieht die Zukunft von Familie Fellmer aus? 

R.F.: „Wir planen gerade ein Öko-Dorf, das sich Eotopia nennt. Wir haben schon sehr viele Interessierte, die auch in diesem Dorf leben möchten. Dort sind wir auf dem Land, leben von der Natur und beschäftigen uns mit der Landwirtschaft.“

Das geht in Deutschland?

R.F.: „Nein, dann würden wir in den Süden Europas ziehen. Südfrankreich oder Italien. Dieses Jahr gehen wir auf die Suche nach einen passenden Ort für unser Dorf.“Und wie möchtet ihr das bezahlen?R.F.: „Gar nicht. Wir hoffen, dass uns diese Fläche geschenkt wird und wir aus lokalen Rohstoffen unsere Häuser dann dort bauen können.“Dein Buch heißt „Glücklich ohne Geld – wie ich ohne einen Cent besser und ökologischer lebe“. 

Man kann doch auch trotz Geld ökologisch leben, oder?

R.F.: Aber natürlich geht das. Man hat das Geld, aber man benutzt nicht alles - also auf zu viel Konsum verzichten. Zum Beispiel gebrauchte Möbel und Klamotten kaufen, sich biologisch, pflanzlich und saisonal ernähren oder die Raumtemperatur um ein paar Grad senken - somit hinterlassen wir einen kleineren ökologischen Fußabdruck auf dieser Erde.“

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