Serie (1): Leben in der Schongauer Altstadt

Wohnen, das die Spontanität beflügelt

+
Oase an der Stadtmauer. Fritz Weinberger im Garten. Durch die rote Tür geht’s in den Innenhof. Hinten das Frauentor mit der Weinstube.

Schongau – Die Schongauer Altstadt mit ihrer mittelalterlichen Stadtmauer ist ohne Zweifel ein Kleinod. Doch wie lebt es sich hinter den Fassaden der teils Jahrhunderte alten Häuser? In unserer Serie wollen wir genau das ergründen. Zum Auftakt war unser Mitarbeiter Johannes Jais bei Fritz Weinberger zu Gast.

Wenn Fritz Weinberger und seine Frau Sabine abends Lust auf Pizza oder auf Flammkuchen haben, dann bringt der Italiener an der Christophstraße oder die Gastronomen von der Weinstube im Frauentor das ins Haus oder gleich bis in den Garten. Aber nicht im Karton wie der Lieferservice. Sondern wie im Lokal auf dem Teller. Die kurzen Wege machen’s möglich. Das ist nur einer von vielen Vorteilen, den der 62-Jährige an der Wohnlage zu schätzen weiß: Er hat ein Altstadthaus direkt an der Stadtmauer.

„Keine Traumvilla auf den Bahamas“ wolle er gegen sein Domizil eintauschen, bekennt der 62-jährige Architekt. Diese Lage in einer kleinen Altstadt beflügle spontane Entscheidungen, wie sie andernorts nicht denkbar seien. „Ich plane nicht“, gesteht Fritz Weinberger und meint damit so manches im privaten Tageslauf. Wenn er am Samstag frische Semmeln zum Frühstück wolle, gehe er wenige hundert Meter zum Bäcker. Wenn er noch was für die Post habe, trage er es – manchmal sogar in Hausschuhen – zu Schreibwaren Einzinger. Wenn er Bargeld benötige, dann brauche er drei Minuten zur Filiale oder zum Bankautomaten. Wenn er abends Lust auf Ausgehen habe, dann falle die Entscheidung von einer Minute auf die andere.

Im Jahr 1985 erworben

Er bezeichnet sich als „Schongauer Kindl“, der Fritz Weinberger. Mit acht Jahren kam er in die Lechstadt. Mit der ersten Frau und den zwei Kindern hat er zunächst am Gartenweg und in einem Reihenhaus an der Haldenberger Straße gewohnt. 1985 kaufte er von der Familie Brumeisel das heruntergekommene Altstadthaus an der Christophstraße – vor allem wegen seiner Lage an der Stadtmauer. Es war die Zeit, als auch die Stadtmauer saniert und die Weinstube im Frauentor eröffnet wurde. Wo Weinberger wohnt, war früher das Torwärterhäuschen beim Frauentor, zu dem wohl auch eine kleine Werkstatt (Waffenschmiede) gehörte. Dendrochronologische Untersuchungen an Balken im ersten Stock und im Dachgeschoss lassen auf die Bauzeit um 1490 schließen.

Mit Frau, zwei Kindern und Schäferhund war Weinberger in die Altstadt gezogen. Voraus ging ein Jahr intensive Bauzeit. Handwerker aller Gewerke waren auf der Baustelle, wo unter anderem alle Böden erneuert werden mussten. Bei der Entscheidung waren für ihn wie für viele private Investoren zwei Kriterien maßgebend: die Zuschüsse aus der Städtebauförderung und eine Sonderabschreibung über zehn Jahre. Das Planungsbüro grenzt direkt an das Wohnhaus. Die zweite Immobilie hatte der Architekt 1988 erworben. Und 2010 kam das dritte Haus hinzu, wo früher die Familie Bauer wohnte. Das Haus wird nun mit für das Planungsbüro genutzt, das neun Mitarbeiter beschäftigt. Gesellschafter sind Fritz Weinberger, Gabriele Anderl und Matthias Schamper.

Viel Licht unterm Dach: Eine Wendeltreppe führt im Altstadthaus an der gelb getünchten Wand hinauf zur Empore mit einem Schlafabteil im vierten Stockwerk.

Das Haus an der Stadtmauer hat – von außen kann man sich’s kaum vorstellen – 160 Quadratmeter Wohnfläche. Unten befinden sich zwei kleine Kartoffelkeller; dort ist Platz für die Anschlüsse zur Fernheizung. Im Erdgeschoss sind Küche, Essen und Wohnzimmer mit Fenstern in der Stadtmauer, die dort 1,40 Meter breit ist. Im ersten Stock ist das Schlafzimmer, aber auch das Büro von Ehefrau Sabine, die von Beruf Sozialarbeiterin in Herzogsägmühle ist. Im nächsten Stockwerk sind die Zimmer für die Kinder; eine schöne Wendeltreppe führt dann noch hinauf zur Empore unters Dach. Es ist genug Platz da, wenn mal die Kinder (der Sohn von Sabine oder die zwei Töchter von Fritz) kommen und übernachten. Oben schweift der Blick über die Stadtmauer hinweg zu den Bergen.

Vom Wohnzimmer geht’s durch eine große Tür hinaus auf den Innenhof am Wohnhaus und am Büro. Dort lässt es sich in der Sonne gut aushalten. Blickfang ist die Sommerküche, wo schon mal gemeinsam gebrutzelt und mit Gästen gefeiert wird. Sie ist eine neue Errungenschaft (seit 2013) in Weinbergers Garten, der zu den Nachbarn an der südlichen Christophstraße hin offen ist und nicht durch einen Zaun abgegrenzt wird.

Auch ein Weinkeller gehört dazu

Die Sommerküche mit alten Balken aus dem 19. Jahrhundert ist so groß wie ein Schupfen. Das Besondere daran ist, dass eine enge Stiege ins Dunkle hinunter führt. Hütet der Hausherr ein Geheimnis? Nein. Es geht in den Weinkeller. Der Eigentümer sagt in Anspielung auf seinen Namen mit einem leichten Grinsen: „Weinberger ohne Weinkeller – geht gar nicht.“

Eine hölzerne Tür in der Stadtmauer ist zu öffnen, dann erblickt man den Garten. Wie so mancher Anwohner ist auch Weinberger stolzer Besitzer zumindest eines kleinen Abschnitts der Stadtmauer. Bei ihm sind es 18 Meter. Zwölf Meter am südlichen Grundstück gehören freilich der Stadt Schongau. Im Garten westlich der Stadtmauer lässt sich die Abendsonne genießen. Dort ist es – eingerahmt von Linden, Kastanien und Buchen – sehr angenehm.

Die knapp 1200 Bewohner in der Altstadt seien „der einzige Garant“ dafür, dass die Läden nicht verschwinden. Darum müsse das Wohnen innerhalb der Mauern auch politisch ein Anliegen sein, bekundet Weinberger, der von 1984 bis 2002 dem Schongauer Stadtrat angehörte.

Den Ruf in die Altstadt habe er schon als Bub mit 15 Jahren verspürt. Daraus sei eine richtige „Sehnsucht“ geworden. Die Sehnsucht wurde schon vor vielen Jahren erfüllt. Aber noch heute schwärmt Fritz Weinberger – am Tisch vor der Sommerküche sitzend und den Espresso schlürfend: „Die Schongauer Altstadt ist außergewöhnlich schön.

Meistgelesene Artikel

Ohne Umsteigen von Schongau nach München

Schongau – Mit dem Zug von Schongau nach München ohne umzusteigen: Bislang ist das für Fahrgäste der Pfaffenwinkelbahn nur ein Wunschtraum. Ginge es …
Ohne Umsteigen von Schongau nach München

Auf frischer Tat ertappt

Schongau/Peiting – Waren da die gleichen Täter am Werk? Am Sonntagabend ist es der Polizei gelungen, einen Einbrecher in Schongau zu verhaften. Seine …
Auf frischer Tat ertappt

Hoher Peißenberg ist Gipfel der Klimaforschung

Hohenpeißenberg– Mit einem Mausklick startete Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt vom Hohen Peißenberg aus den Dauerbetrieb der Messstation …
Hoher Peißenberg ist Gipfel der Klimaforschung

Kommentare