Serie (10): Leben in der Schongauer Altstadt

"Kenn‘ jeden Stein im Haus"

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Auf der Treppe, die zur Galerie führt: Margit Dini im geräumigen Wohnzimmer.

Schongau – Die Schongauer Altstadt mit ihrer mittelalterlichen Stadtmauer ist ohne Zweifel ein Kleinod. Doch wie lebt es sich hinter den Fassaden der teils Jahrhunderte alten Häuser? In unserer Serie wollen wir genau das ergründen. Diesmal hat unser Mitarbeiter Johannes Jais Margit Dini besucht.

„I kenn‘ jeden Stein in dem Haus. Das kann man doch nicht aufgeben.“ Margit Dini wohnt seit mehr als 50 Jahren an der unteren Amtsgerichtsstraße. In einem Gebäude mit zwei Hausnummern: Amtsgerichtsstraße 15 und Amtsgerichtsstraße 17. Die nördliche Hälfte an diesem jahrhundertealten giebelgeteilten Doppelhaus, wie es in dem Buch Schongauer Häusergeschichte fachlich beschrieben wird, haben Hans und Margit Dini in den neunziger Jahren dazu gekauft. Es erfolgte ein großer Durchbruch. Davon zeugt das Wohnzimmer mit der Galerie.

„Mein Mann war verliebt in dieses Haus“, sagt Margit Dini nachdenklich. Im Jahr 2000 war es endlich fertig, nachdem auch der Anschluss an die Fernwärme vorgenommen worden war. Der Ehegatte hatte so viel selber gemacht. Doch es waren ihm nur noch fünf Jahre in dem größeren Heim vergönnt. 2005 verstarb Hans Dini.

Mit der Mutter und der Oma war die kleine Margit nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Sudetenland nach Birkland geflohen. Dorthin hatte es auch den gelernten Molkereifachmann Hans Dini, der aus Franken stammt, verschlagen, In der Ortschaft arbeitete er zunächst als Käser. Später ging er zur Firma Gnettner nach Schongau.

1962 heirateten Hans und Margit Dini. Ihr schmuckes kleines Heim war innerhalb der Stadtmauern das Haus an der Amtsgerichtstraße 15. Es war sehr beengt, erinnert sich Margit Dini. Drei Generationen lebten in dem schmalen Eigenheim.

Heutzutage hat die Seniorin Platz genug in dem großen Altstadt-Haus. Sie lebt allein darinnen. Die zwei Töchter Sylvia und Marion sind in Hohenfurch und Schwabbruck zu Hause. Auch die vier Enkel wohnen im Bereich Schongau. Tochter Sylvia, die im Schongauer Bauamt arbeitet, schaut regelmäßig bei der Mutter an der Amtsgerichtsstraße vorbei, an manchen Tagen sogar mehrmals. „Gott sei Dank“ habe sie ihre Kinder und Enkel alle in Reichweite, freut sich Margit Dini.

Früher Ziegenhaltung

Als sie mit ihrem Mann, mit ihrer Mutter und zunächst mit der Großmutter an der Wende von den fünfziger zu den sechziger Jahren das Haus an der Amtsgerichtsstraße 15 einzog, waren die Decken noch sehr niedrig. Der frühere Besitzer hat im Gebäude sogar noch Ziegen gehalten. Nach und nach wurde umgebaut. Erhalten blieb das Dachgebälk aus dem 16. Jahrhundert.

Die andere Seite des Doppelhauses mit dem geteilten Giebel konnte die Familie Dini in den neunziger Jahren vom ehemaligen Besitzer namens Hafenmeier erwerben. Wiederum waren unzählige Tage, Wochen, ja Monate harter Arbeit angesagt. Ein breiter und ein schmaler Durchbruch wurden unten geschaffen, eine Treppe wurde eingezogen, die Decke rausgenommen und der Raum zur Galerie geweitet.

Das mit zahlreichen Pflanzen dekorierte Wohnzimmer ist der Lieblingsplatz von Margit Dini. Bei angenehmen Temperaturen hält sie sich gern im kleinen Garten auf der Westseite auf. In der Nische zwischen Außenmauer und dem Gartenhäuschen mit der grünen Tür ist es windstill. Das Pflaster am Boden ist kleingliedrig. Ein Steinbrunnen sorgt für eine angenehme Atmosphäre. Bei der Gartenarbeit helfen meist Töchter oder einer der vier Enkel.

Die Seniorin ist eine gesellige Frau. Einmal im Monat geht sie zum MSC-Stammtisch. Sie genießt auch die Zusammenkünfte mit anderen Frauen beim Cappuccino in verschiedenen Lokalen der Altstadt – durchaus mehrmals pro Woche. Öfters geht sie am Sonnengraben und rund um die Stadtmauer spazieren. Meistens ist sie zu Fuß unterwegs. Ein Auto hat sie nicht und braucht sie nicht – auch dank ihrer Töchter, die einige Einkäufe erledigen bzw. sie dazu mitnehmen.

Margret Dini ist kein typischer Urlaubsfan. Wenn ihr danach ist, meldet sie sich eher zu Tagesausflügen an, die Vereine oder Busunternehmen anbieten. Doch am liebsten hält sich die bescheidene Frau in den eigenen vier Wänden auf. Da, wo sie wegen der vielen Baumaßnahmen jeden Stein kennt. Und da, wo ihr verstorbener Mann so viel mit eigener Hände Arbeit hergerichtet hat. Wie sagt sie in der Erinnerung: „Mein Mann war verliebt in dieses Haus.“ Sie ist es auch.

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