Serie (10): Leben in der Schongauer Altstadt

Wohnen in der alten Käsküche

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Fünf Stufen – bestens geeignet für die kurze Pause vor der Haustür und fürs Pressefoto: Marlies Hausruckinger mit ihrer Tochter Laura und Thomas Schirdewahn, der unterm Dach die „Rentnerwohnung“ hat.

Schongau – Die Schongauer Altstadt mit ihrer mittelalterlichen Stadtmauer ist ohne Zweifel ein Kleinod. Doch wie lebt es sich hinter den Fassaden der teils Jahrhunderte alten Häuser? In unserer Serie wollen wir genau das ergründen. Diesmal hat unser Mitarbeiter Johannes Jais die Familie Hausruckinger besucht.

Den Kauf der alten Käsküche an der Ecke Liedlstraße/Wasserstraße: Den hatte Marlies Hausruckinger mit dem letzten Vorsitzenden der längst aufgelösten Molkereigenossenschaft, Josef Ressle (+), noch per Handschlag vereinbart. Daran erinnert sich die 49-jährige Frau noch genau. Früher hatten ihre Eltern Roman und Anna Hausruckinger dort zur Miete gewohnt. Marlies, sie war das jüngste von vier Geschwistern, wurde in diesem Haus entbunden.

Schon mit 18 Jahren war Marlies ausgezogen. Sie wohnte drei Jahre in Burggen. Der Vater starb 1997. Zwei Jahre später kaufte die jüngste Tochter das Haus von der ehemaligen Molkereigenossenschaft.

In einem Katasterplan von 1816 ist das Grundstück noch grüne Wiese. Die Käsküche wurde Ende des 19. Jahrhunderts errichtet. Die Adresse war damals Wasserstraße; der Zugang zur Molkerei war auf der Nordseite des Gebäudes.

Der Zugang zum Haus mit der grün-weißen Fassade ist heute auf der Ostseite – also an der Liedlstraße. Liebevoll hat Marlies Hausruckinger den schmalen Gang von der Straße zur Tür dekoriert. Blumen, Pflanzen und Deko auf den wenigen Quadratmetern sorgen für Wohlfühlatmosphäre. Fünf Stufen – der Estrich ist glatt gewetzt – führen hinauf zur Haustür. An dieser kleinen Treppe genießt Marlies Hausruckinger gern bei einer Tasse Kaffee in der Hand die Morgensonne. Es sei aber auch schon vorgekommen, dass in dem schmalen Winkel vor dem Haus zehn Leute beim Grillen dicht beieinander saßen.

Marlies Hausruckinger hat vier Kinder. Manuela (32) wohnt in Peiting, Vincent (26) in Schongau. Julia (22) ist im August nach Altenstadt gezogen. Noch bei der Mutter wohnt die jüngste Tochter Laura, sie ist 20 Jahre.

Unterm Dach

Der Mann im Haus ist Thomas Schirdewahn. Er bekundet, er habe die „Rentnerwohnung oben“. Der 61-Jährige, der in Leipzig geboren ist, war mehrere Jahre der Partner von Marlies Hausruckinger. Trotzdem beide nicht mehr befreundet sind, verstehen sie sich, kommen miteinander gut klar, machen einiges gemeinsam.

Marlies Hausruckinger hat viele Jahre in der Gastronomie gearbeitet. Im Herbst 2016 hat sie eine Ausbildung an der Heimerer-Altenpflegeschule begonnen. Zu Fuß sind es nur wenige hundert Meter von der Wohnung an der Liedlstaße bis zum Unterricht an der oberen Karmeliterstraße.

Das Haus ist alt. Man merkt es auf Schritt und Tritt. Geheizt wird mit Öl und Gas. In der Küche, wo auch der Wellensittich mitschnabeln darf, ist ein PVC-Boden verlegt. In anderen Zimmern (Wohnen und Schlafen) sind noch die alten Holzböden drinnen. Überm Kinderzimmer auf der Ostseite ist ein leichtes Gewölbe.

„I möcht‘ nie in einem Neubau wohnen“, sagt Marlies Hausruckinger mit überzeugtem Ton. Dieses alte Haus habe Geschichte, habe ein Gesicht. Gewiss müsse, wer darin wohnt, mit Kompromissen leben, Die Decken seien schief. Das Heizen sei aufwändig. Und was auch nicht jedermanns Sache sei: Der Garten ist klein. Er hat allenfalls Zimmergröße.

Aber Marlies Hausruckinger zählt auch die Vorteile auf. Es seien nur wenige Meter zum Geschehen im Herzen der Altstadt. Zwar brauche man das Auto zum Einkaufen. Aber die Frau von der Liedlstraße 16 findet „unseren Gemüseladen“ gut. Womit sie das Geschäft an der Weinstraße meint. Zum Entspannen geht sie gerne spazieren. Mal um die Stadtmauer. Mal eine weitere Strecke am Hohen Graben hinauf bis zum Helgoland.

An der Schongauer Altstadt will Marlies Hausruckinger nicht viel herummeckern. Die Fußgängerzone gefällt ihr. Einen Wunsch hat die Eigentümerin der alten Käsküche aber doch. „Ich würde mich freuen, wenn einer den Mut aufbringt, in der Schongauer Altstadt einen Lebensmittelmarkt zu eröffnen.“ Wenn es auch einige Leute gibt, die dazu sagen, der Kas‘ sei `‚gessen, das komme nie wieder.

Johannes Jais

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