Serie (2): Leben in der Schongauer Altstadt

Auch schräg lässt sich‘s gut wohnen

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Im Innenhof: Erwin Effner vor seinem Altstadt-Haus an der Kanzleistraße. Hinten der Wohnbereich.

Schongau – Die Schongauer Altstadt mit ihrer mittelalterlichen Stadtmauer ist ohne Zweifel ein Kleinod. Doch wie lebt es sich hinter den Fassaden der teils Jahrhunderte alten Häuser? In unserer Serie wollen wir genau das ergründen. Diesmal war unser Mitarbeiter Johannes Jais bei Erwin Effner zu Besuch.

Beruflich achtet Erwin Effner als Betriebswirt, Steuerberater und Buchprüfer darauf, dass beim Zahlenwerk der Mandanten alles im Lot ist. Ganz anders in seinem privaten Domizil. Das ist leicht schräg. Das schmucke Haus an der Kanzleistraße hat in allen Stockwerken von Nord nach Süd ein Gefälle. Es ist nun 30 Jahre her, dass er mit seiner Frau Waltraud dort einzog. Die beiden Töchter Maylies und Ann-Sophie sind hier aufgewachsen; sie sind inzwischen außer Haus und wohnen in Weilheim bzw. in München.

Wer auf der schmalen Kanzleistraße kurz stehen bleibt und aufschaut, erkennt den architektonischen Reiz des weiß-grau getünchten Hauses. Giebelseite und Traufseite dieses Einzeldenkmals wechseln harmonisch ab. Wie so viele Häuser in der Schongauer Altstadt hat auch dieses Gebäude eine lange Geschichte; sie reicht in den Anfang des 16. Jahrhunderts zurück.

Tiefbrunnen gefunden

Im Keller befand sich ein Tiefbrunnen. Der wurde beim Umbau Mitte der achtziger Jahre entdeckt und 1986 von Wilfried Tietze ausgegraben. Der Grabungstechniker galt als die Schongauer Wühlmaus schlechthin. Der Brunnen reichte 13 Meter und 40 Zentimeter reichte er in die Tiefe. Zahlreiche Gefäße wurden dabei ans Tageslicht befördert. Die wertvollen Stücke davon kamen in das Stadtmuseum, wo sie in einer eignen Vitrine zu besichtigen sind.

Der Tiefbrunnen hat man auf sechs Meter Tiefe wieder eingefüllt – schon aus Gründen der statischen Sicherheit. Neben einer transparenten Scheibe, durch die sich noch gut in den Brunnen blicken lässt, aber auch in anderen Winkeln des Untergeschosses befinden sich der Weinkeller und das Whisky-Regal im Hause Effner.

Erwin Effner (69) stammt aus Hohenfurch; seine Frau, die Lehrerin an einer Grundschule ist, aus Peiting. Sie wohnen seit 1975 in Schongau. Erst über der Ranzpassage an der Münzstraße und acht Jahre lang in einem Reiheneckhaus mit 650 Quadratmeter großem Garten an der Beethovenstraße im Stadtteil Schongau-West.

Doch trotz der schönen Wohnlage: Die Effners zog es in die Altstadt, deren Charme unvergleichlich sei. Sie erwarben 1984 das Haus an der Kanzleistraße 1 von einem Wohnbauträger. Vor der Sanierung wohnten dort drei Parteien, unten war ein Bücherladen. Den aufwändigen Umbau hatte Architekt Hans Heldwein geplant und überwacht. Im Frühjahr 1986 wurde mit der Sanierung begonnen. Im Dezember konnte die Familie Effner einziehen.

Wer von der Kanzleistraße aus das Haus betritt, kann das Gefälle zum Wohnbereich und zur Terrasse hin nachfühlen. 40 Zentimeter macht es aus. Blickfang ist ein Schongau-Bild von Johann Keller, das von 1989 stammt. Eine Auflage des Denkmalamtes bei der Sanierung in den 80-er Jahren war, die Fliesen am Boden handgezwickt einzusetzen. Die Bänke im Essbereich – eine Schreinerarbeit von Willi Eglhofer aus Altenstadt – verbreiten eine heimelige Atmosphäre.

Eine kleine Oase ist der 42 Quadratmeter große Innenhof samt Magnolie. Er schließt im Westen an die offene Küche mit dem Wohnbereich an und ist durch zwei große Türen zu erreichen. Seit 1990 haben die Effners auch einen Garten am Sonnengraben, den sie mit den Kindern intensiv nutzten.

Sieben Zimmer

Dem zierlichen Haus sieht man es von außen nicht an, dass sich im ersten Stock fünf Zimmer befinden. Und im Dachgeschoss kommen zwei weitere hinzu. „Es ist schon ein komfortables Haus“, wie Erwin Effner zu schätzen weiß. Die Frau hat ihr Arbeitszimmer im ersten Stockwerk, wo nebenan auch die gute Stube ist. Er hat ein Büro unter dem Dach, ein Stockwerk darüber – ein besonderes Ambiente unter altem Gebälk. Im Westflügel mit der Traufseite zur Kanzleistraße befindet sich ein knapp 30 Quadratmeter Raum, das ebenfalls als Büro eingerichtet ist.

Effners „Schongauer Anliegen“ ist, dass innerhalb der Mauern nicht jedes Haus bei der Sanierung in einen Museum umgewandelt wird, sondern immer zu bedenken sei, dass da Leute drinnen wohnen sollen. Seine Vision: Dass aus der vergleichsweise engen Altstadt ein besonderes, unverwechselbares Wohnquartier wird, vielleicht mit einem kleinen Park beim Landratsamt am Schlossplatz.

Zwei Dinge sieht er als Nachteil: Erstens, dass wegen einer Bar gegenüber bis zwei Uhr nachts Lärm aufkommt, wenn Leute zum Rauchen nach draußen gehen. Eine Eisdiele oder ein Café, das gegen 22 Uhr schließt, wären für alle Bewohner der Kanzleistraße besser. Zweitens: Dass bei der Tiefgarage an der Amtsgerichtsstraße bei der Sanierung das untere Deck weggefallen ist. Das sei aber kein Grund, sich nicht wohlzufühlen in der Altstadt, die auf einem Hügel steht und innerhalb der Mauern auch ein leichtes Gefälle aufweist – wie Effners Haus.

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