Serie (5): Leben in der Altstadt – Bei Martins ist der Waschkeller oben

Im dritten Stock ein Platz an der Sonne

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Elisabeth und Max Martin auf der Dachterrasse. Hinten das Heilig-Geist-Spital und der Turm der früheren Klosterkirche.

Schongau – Die Schongauer Altstadt mit ihrer mittelalterlichen Stadtmauer ist ohne Zweifel ein Kleinod. Doch wie lebt es sich hinter den Fassaden der teils Jahrhunderte alten Häuser? In unserer Serie wollen wir genau das ergründen. Diesmal hat unser Mitarbeiter Johannes Jais Elisabeth und Max Martin einen Besuch abgestattet.

Elisabeth und Max Martin sind häufig beim Golfen auf der Gsteig. Mitunter dreimal die Woche. Wenn sie aber in ihrem Haus an der Ecke Weinstraße/Amtsgerichtstraße den Platz an der Sonne genießen möchten, dann geht’s nach oben: auf die Dachterrasse im dritten Stock. Dort hat das Ehepaar einen Blick über viele Altstadtdächer hinweg – nach Westen bis zum Rathaus, nach Süden bis zum Heiliggeist-Spital mit dem schlanken Turm der ehemaligen Klosterkirche und nach Osten zum Wehrgang an der Stadtmauer. Was bei anderen Familien unten ist, hat bei den Martins oben seinen Platz. Das gilt nicht nur für die Terrasse. Sondern auch für den kleinen Waschbereich. Der ist, weil es keinen Keller gibt, auch unterm Dachspitz – gleich neben dem Ausgang zur Terrasse.

In dem Eckhaus mit seiner wechselvollen Geschichte und mit der roten Fassade gibt es keine Lagermöglichkeiten im Keller. Im Erdgeschoss befindet sich die Modepassage – inklusive des Brautstudios im ersten Stock. Bis 2010 war Elisabeth Martin selbst im Geschäft. Der Ausstieg war geplant, er kam nicht unvorbereitet, erklärt die Schongauerin. Seitdem wird die Modepassage von Johanna Beier geführt.

Wohnung der „Mutti“

Im ersten Stock befindet sich auch die Wohnung von Marianne König. Sie ist die Mutter von Elisabeth Martin und inzwischen 89 Jahre. Über Jahrzehnte war sie das prägende Gesicht in der Eisenwarenhandlung im gleichen Haus. Max Martin und seine Frau haben ihre Wohnung, die 100 Quadratmeter groß ist, im zweiten Stock. Herzstück ist der große Wohnbereich mit Ausrichtung nach Süden und Osten. Auch das dritte Stockwerk mit dem Wasch- und Abstellbereich sowie mit der Dachterrasse gehört zur Wohnung.

Wie bei so vielen Altstadthäusern war die Sanierung des Gebäudes aufwändig. Ein Jahr dauerte der Umbau, der Anfang des neuen Jahrhunderts in Angriff genommen wurde. Die „Mutti lebte vorübergehend in einer Wohnung am Sonnengraben“, erinnert sich Elisabeth Martin. Sie selbst war mit ihrem Mann damals noch in Peiting zu Hause. Er ist in der Marktgemeinde aufgewachsen. Für ihn war der Umzug nach Schongau eine große Veränderung.

Max Martin (64) war Rechtspfleger, seine Frau Elisabeth ist eine gelernte Industriekauffrau. Zwei Jahre wohnten sie in München; sie hatten früh geheiratet. „Weil der Vermieter, der aus Kaufbeuren war, es damals so wollte“, fügt Max Martin mit einem Schmunzeln hinzu. 1976 zog das junge Paar nach Peiting in eine Mietwohnung an der Schützenstraße. Nächste Station war eine Eigentumswohnung an der Pater-Schelle-Straße, ehe die Familie von 1984 bis 2001 in einer Doppelhaushälfte ihr Domizil hatte.

Zeitweise ein Gasthaus

Das Haus in der östlichen Altstadt – direkt gegenüber dem früheren Amtsgericht, wo jetzt das Forstamt untergebracht ist – hat eine Geschichte mit vielen Besitzern. Zeitweise befand sich dort eine Gastwirtschaft. 1912 wurde das Wohnhaus abgebrochen und neu errichtet. Hans König erwarb in den zwanziger Jahren die Immobilie. Er eröffnete eine Eisenwarenhandlung.

Wer die knarzende Stiege nach oben geht, sieht an der Wand im dunklen Treppenhaus ein Jugendstilgemälde. Es wurde beim großen Umbau Anfang des 21. Jahrhunderts erhalten. Das war den Eigentümern genauso ein Anliegen wie dem Architekten Fritz Weinberger.

Schnell in die Arbeit

Viele Jahre arbeitete Max Martin, der von 1986 bis 2001 dem Peitinger Gemeinderat angehörte, von 2012 bis 2014 für zwei Jahre Nachrücker im Schongauer Stadtrat war und seit 2002 dem Weilheim-Schongauer Kreistag angehört, im Amtsgericht in der Schongauer Altstadt. Nach dem Umzug von Peiting nach Schongau musste er nur über die Straße gehen, um zu seinem Büro zu gelangen. Bis zum Ruhestand musste der Rechtspfleger freilich nach der Auflösung der Zweigstelle in Schongau noch neun Jahre nach Weilheim ans Amtsgericht pendeln. „Es war eine große Umstellung“, resümiert der 64-Jährige. Nicht nur für ihn. Sondern für viele vor allem deswegen, weil es für Bürger im westlichen Landkreis keine Anlaufstelle vor allem in Betreuungs- und Nachlasssachen mehr gab.

Max und Elisabeth Martin haben eine Tochter; sie heißt Silke, betreibt in Peiting mit einer Geschäftspartnerin das Reisebüro „Glück auf Reisen“ und wohnt mit der Familie in Schwabbruck. Enkeltochter Laura (12) kommt regelmäßig zu den Großeltern nach Schongau ins Haus an die Amtsgerichtstraße.

Kurze Wege zum Einkaufen

Bis vor Kurzem konnten die Martins im Laden der Herzogsägmühle gleich im Haus nebenan einkaufen. Nun ist das Geschäft an der westlichen Weinstraße; aber zu Fuß immer noch gut zu erreichen. Dass Bäcker und Metzger bequem zu erreichen sind, sei ein Vorteil der Wohnlage. Gut findet das Ehepaar die Fußgängerzone. Auch wenn sie mehr Verkehr auf der Weinstraße und Karmeliterstraße zur Folge habe. Der Lärm sei schon eine Beeinträchtigung, findet Max Martin. Doch es gibt nur wenige Familien innerhalb der Mauern, wo sich oben in der Wohnung so ein Ausblick auf Stadthäuser genießen lässt. Zugegeben: Allzu oft halten sich die Martins nicht auf der Dachterrasse auf. Aber wer hat denn bei sich zu Hause den Platz an der Sonne im dritten Stock!

von Johannes Jais

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