Serie (7): Leben in der Schongauer Altstadt

Ein Haus, das schon zweimal im Weg stand

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An der prachtvollen Tür zwischen Flur und Empfangszimmer mit weißem Kachelofen und Stuck an der Decke: Pfarrer Norbert Marxer im Obergeschoss des Pfarrhofs Mariä Himmelfahrt.

Schongau – Die Schongauer Altstadt mit ihrer mittelalterlichen Stadtmauer ist ohne Zweifel ein Kleinod. Doch wie lebt es sich hinter den Fassaden der teils Jahrhunderte alten Häuser? In unserer Serie wollen wir genau das ergründen. Diesmal hat unser Mitarbeiter Johannes Jais Stadtpfarrer Norbert Marxer aufgesucht.

In der bald 300-jährigen Geschichte ist der Pfarrhof von Mariä Himmelfahrt, inzwischen ein Einzeldenkmal in der Schongauer Altstadt, zweimal anderen Bauprojekten im Weg gestanden. Das erste Mal war dies Mitte des 18. Jahrhunderts der Fall, als Dominikus Zimmermann, der berühmte Erbauer der Wieskirche, das Kirchenschiff der ausgewogenen Proportionen wegen um ein viertes Joch verlängern wollte.

Das zweite Mal war das historische Gebäude Ende der 1980iger Jahre dem damaligen Stadtpfarrer Josef Fickler und Herren der Bischöflichen Finanzkammer im Weg – das ist im übertragenen Sinn gemeint. Sie wollten das marode Haus abreißen und mitten in der Altstadt einen neuen, größeren Pfarrhof errichten. Der damalige Bürgermeister Luitpold Braun und die Stadträte waren massiv dagegen. Und konnten sich letztlich durchsetzen Abbrechen durfte man den Pfarrhof nicht, wohl aber einen Anbau im Westen zum großen Pfarrgarten hin erstellen.

Dass man in diesem alten Haus Geschichte förmlich atmen könne: Das weiß vor allem Pfarrer Norbert Marxer zu schätzen. Seit Herbst 2013 hat der Seelsorger, der erst ein Jahr die Pfarrei Mariä Himmelfahrt führte und seit Herbst 2014 leitender Priester der Pfarreiengemeinschaft Schongau mit ihren 6500 Katholiken ist (inklusive Verklärung Christi) da sein Zuhause.

Unten sind die Büros

Im Erdgeschoss befinden sich das Pfarrbüro mit den Arbeitsplätzen für die Sekretärinnen, das Amtszimmer des Stadtpfarrers sowie im Anbau ein Besprechungsraum. Dort findet an manchen Sonntagen auch die Kinderkirche statt, dort trifft sich auch der Bibelgesprächskreis. Das Büro des Diakons Hans Steinhilber ist auf der Nordseite. Weiter hinten ist noch ein Zimmer für den Kirchenpfleger. Der Pfarrhof ist so nah wie kaum ein anderer an der Kirche. Bis zum Südportal sind es gerade mal zehn Meter.

Die Wohnung des Seelsorgers ist im ersten Stock. Dorthin führt eine hölzerne Treppe mitten im Haus. An deren Ende ist eine moderne Glastür. Doch wer dann oben um die Ecke auf den Flur einbiegt, spürt den Hauch der Geschichte schon im Hausgang, mehr noch im Empfangszimmer. An der Decke weißer Stuck des Wessobrunner Meisters Franz Schmuzer, die grauen Türen mit Zierwerk – übrigens vergleichbar mit den Türen in der Musikschule am Marienplatz. Im Hausgang hängt ein großes Gemälde. Es zeigt die heilige Sippe.

Wie ein Kontrast dazu das Bild im hellen Empfangszimmer. An der weißen Wand kann man über der Anrichte ein modernes Kunstwerk betrachten; es zeigt die Genesis. Mitten im Raum der lange Esstisch. Wer dort Platz nimmt, sieht rechts den hohen Kachelofen, der sich mit seinen hellen Fliesen farblich kaum von der Wand absetzt. Blickfang ist freilich die Tür zum Flur. Das grau gestrichene Holz wird durch die dunklen Beschläge, mehr noch durch die roten Einfassungen für die pastellfarbenen Applikationen aufgewertet.

Doch trotz der Atmosphäre des Empfangs- und Esszimmers, wo gern Besuch empfangen wird: Am häufigsten hält sich Pfarrer Marxer in der Wohnküche nebenan auf. Ebenso wie Pfarrhausfrau Dr. Barbara Voigtmann. Sie ist von Beruf Internistin und trägt zusammen mit einem Kollegen die ärztliche Verantwortung für die Dialysepraxen in Kaufering am Bahnhof und in Schongau am Krankenhaus. Voigtmann, die aus dem Berliner Raum stammt, kocht im Pfarrhof, so es die Arbeit zulässt. Zusätzlich ist eine Zugehfrau angestellt, die vor allem putzt und wäscht.

Pfarrer Marxer hatte Barbara Voigtmann, die in Kinsau eine Wohnung hat, zu seiner Zeit als Seelsorger in Kaufering kennengelernt. Wenn der Priester sie als Pfarrhausfrau bezeichnet, dann meint er damit vor allem, dass sie sich um eine Atmosphäre des „Wohlfühlens“ in der Pfarrerswohnung bemüht und sich der Gemeinde zugehörig fühlt. Ein Beispiel dafür ist, dass sich Voigtmann, sie hat evangelische Wurzeln, auch beim ökumenischen Bibelgesprächskreis einbringt. Im Pfarrhof hat sie sich auch ein Musizierzimmer eingerichtet. Die Pfarrhausfrau singt im Kirchenchor, spielt Gitarre und gestaltet zu bestimmten Anlässen Gottesdienste und Andachten mit.

Im Pfarrhof gibt’s oben auch ein Wohnzimmer. Es befindet sich über dem Besprechungsraum im Anbau. Dorthin kann sich Pfarrer Marxer zurückziehen, lesen, Musik hören. Den Atem der Geschichte, den spürt er freilich nicht in diesem erst knapp 30 Jahre alten Gebäudetrakt. Doch wenn ihm danach ist, braucht er nur in den Hausgang zu gehen, der allein schon ein Spiegelbild ist für die bald 300-jährige Historie dieses Einzeldenkmals in der Schongauer Altstadt.

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