"Ich sage gar nichts mehr!"

Afghanistan-Experte Reinhard Erös: Vortrag endet mit Eklat

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Stein des Anstoßes: Ein Flüchtling wollte eine Frage stellen.

Schongau – Ein unschönes Ende hat der vom SPD-Ortsverein veranstaltete Vortrag „Warum fliehen Menschen? Afghanistan 2016“ mit Reinhard Erös im Ballenhaus gefunden. Der Grund: Ein Flüchtling aus Afghanistan wollte eine Frage stellen.

Dass Reinhard Erös unglaubliches in Afghanistan geleistet hat, ist unbestritten. Der Gründer der Kinderhilfe Afghanistan, die Frauen und Kinder mit schulischen und medizinischen Projekten unterstützt, wurde für sein Engagement unter anderem 2006 mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet. Er gilt als profunder Kenner Afghanistans, ist seit den 1980er Jahren regelmäßig vor Ort. Seine Initiative betreibt 30 Schulen und eine Universität in dem kriegsgebeutelten Land, in denen rund 60000 Kinder unterrichtet werden.

Gleich zu Beginn der Veranstaltung gab es eine kleine Missstimmung. Reinhard Erös war nicht mit dem bereitgestellten Projektor zufrieden. Seine Frau Anette, die ihn begleitete, und ein Techniker beeilten sich, das Gerät auszutauschen, während Erös ins Publikum tönte: „Ich liebe Perfektion. Auch ohne Eintritt sollen Sie eine gute Show erleben! Wenn einer meiner Unteroffiziere das so vorbereitet hätte, hätte der ein Problem gehabt, die nächsten acht Wochen!“

Seine Zeit bei der Bundeswehr fand ein Ende, als Verteidigungsminister Peter Struck die Devise ausgab, dass „Deutschland auch am Hindukusch verteidigt“ werde. „Das ist unsinnig“, befand Erös, beendete 2002 seine Laufbahn und widmete sich fortan nur noch seinen Hilfsprojekten. Auch Entwicklungshilfe sieht er kritisch: „Finanzielle Entwicklungshilfe hat die Länder abhängig gemacht und Korruption produziert.“

Speziell in Afghanistan sei nur ein kleiner Teil der investierten Gelder wirklich bei der Bevölkerung angekommen. Obwohl etwa 70 Prozent des Staatshaushalts mit Geldern aus dem Westen finanziert werden, sind 41 Prozent der Bevölkerung chronisch unterernährt, haben keinen Zugang zu Krankenhäusern und kilometerweite Wege, um Trinkwasser zu beschaffen. Täglich sterben zehn Zivilpersonen durch militärische Einsätze. „Das hat nicht der liebe Gott versemmelt, sondern die Politik ist beschissen“, fand Erös deutliche Worte.

Seit dem Jihad gegen die UdSSR, der das Land mit rund 30 Millionen Einwohnern seit 1979 in Kriegszustand versetzte, sind Menschen dort auf der Flucht. Heute leben 3,5 Millionen als Flüchtlinge im angrenzenden Pakistan. Die müssen allerdings bis Jahresende das Land verlassen, obwohl viele von ihnen schon seit Jahrzehnten integriert sind.

In den 1980er Jahren kamen etwa 120 000 Afghanen nach Deutschland. Diese waren laut Erös gebildet, viele hatten „super Berufe“ und sprachen fließend Deutsch. Diese wären „innerhalb von drei Tagen“ integriert gewesen, obwohl sie Moslems geblieben seien. Ihre Kinder machten zu 70 Prozent Abitur die Anzahl der Hartz IV-Empfänger aus dieser Gruppe liege unter deutschem Niveau. Damals sei ungefähr die Hälfe der afghanischen Bevölkerung geflüchtet, die Männer hätten ihre Familien in Sicherheit gebracht und wären zurückgekehrt um gegen die Sowjets zu kämpfen. „Heute ist das anders“, so Erös.

Die Familien schicken den kräftigsten Sohn auf die Flucht. Ziel ist es, in Deutschland Fuß zu fassen und Geld zu verdienen und damit die Familie zu unterstützen. Laut Erös „eine hundertprozentige Entwicklungshilfe“. Das Geld komme genau dort an, wo es gebraucht werde. Allerdings haben Afghanen in Deutschland kein Bleiberecht. In der Regel müssen sie nach fünf Jahren zurück. Etwa zwei Prozent der Flüchtlinge haben Abitur, rund 40 Prozent eine mit Grund- oder Hauptschule vergleichbare Schulbildung, etwa 55 Prozent seien faktisch Analphabeten. „Hier kriegen sie Deutsch beigebracht und werden nach fünf Jahren zurückgeschickt. Wichtiger wäre es, ihnen in ihrer Muttersprache lesen und schreiben beizubringen, um ihre Chancen im eigenen Land zu erhöhen“, so Erös. Bildung ist der Schlüssel zu einem höheren Lebensstandard, weswegen er sich auch in diesem Bereich vor Ort engagiert.

Dass er auch an die Flüchtlinge in Deutschland hohe Ansprüche stellt, wurde dann in der Fragerunde klar. Auf die Frage eines afghanischen Flüchtlings, ob er eine Frage auf Dari stellen dürfe, antwortete Erös, der sich nach eigenen Angaben mit Afghanen in der Landessprache unterhalten kann: „Er ist nach Deutschland gekommen, um hier zu leben und zu arbeiten. Dann soll er hier auch Deutsch sprechen.“ Als der Flüchtling die Frage auf Deutsch stellen wollte und sich noch einmal zu der neben ihm sitzenden Asylhelferin beugte, herrschte Erös die Frau an: „Was machen Sie da? Dieser Mann ist erwachsen, hat vielleicht Frau und Kinder. Er soll selbst sprechen! Das ist Mutterverhalten!“

Schmollender Experte

Auf die Bitte eines Besuchers, den jungen Mann doch seine Frage stellen zu lassen, reagierte er plötzlich ungehalten: „Das ist eine Beleidigung! Ich sage gar nichts mehr!“ Eilte auf die Bühne und packte seine Sachen zusammen. „Sorgen Sie dafür, dass er sich entschuldigt! Dann können wir weitermachen“, fuhr er SPD-Vorsitzenden Daniel Blum an, während der Besucher den Saal verließ. Dieser war völlig vor den Kopf gestoßen. Schließlich hatte keiner der Besucher eine beleidigende Äußerung mitbekommen. Blum versuchte einzulenken – wenig Erfolg. Der große Mann schmollte und die Besucher verließen kopfschüttelnd den Saal. fro

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