"Glückliche Tage": Gelungener Auftakt für neue Produktionsreihe im Stadttheater

Zwischen Leben und Tod

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Winnie ist nicht im Sandhaufen vergraben, wie in Samuel Becketts Originalfassung, sondern in Fesseln gelegt. Ihre Monologe prasseln auf Willie nieder.

Weilheim – Auf der Bühne ist es dunkel. Stockdunkel. Da jagt ein schriller Klingelton den 45 Zuschauern auf den vier Stuhlreihen einen Schauer über den Rücken. Er weckt Winnie, die vornüber gebeugt, mit dickem Seil gefesselt, auf dem Tisch sitzt und ins Publikum ruft: „Wieder ein himmlischer Tag!“

Doch „himmlisch“ ist es um das seltsame Paar Winnie (Yvonne Brosch) und Willie längst nicht mehr bestellt. Wie in seinen anderen Stücken auch macht der Dramatiker Samuel Beckett in dieser absurden Tragikomödie die schmerzlichen Grenzsituationen zwischen Leben und Tod, das hilflose Warten und enttäuschte Illusionen zum Kern seiner Handlung.

Das Stück lebt von Winnies Monologen. Wie sie, mit dem Alter hadernd, krampfhaft versucht, durch wiederholtes Zähne putzen, intensives Nägel feilen und Schminken ihrem körperlichen Verfall entgegenzusteuern. Die Utensilien dazu holt sie aus einem schwarzen Sack. Wie sie vor dem Spiegel Grimassen schneidet und sich an glückliche Erinnerungen klammert, die nur noch lückenhaft vorhanden sind: „Wenn die Worte fehlen, was soll man anfangen, bis sie wiederkommen?“ Winnie lässt das Publikum die Gefangenheit in ihrem Kosmos hautnah spüren und auch, wie zuwider ihr das Alleinsein ist. Sie braucht Willie (Herbert Eggendorfer), um ihr „Glück“ mit ihm zu teilen.

Regisseurin Miriam Gniwotta reduziert Willie auf ein am Boden herumkriechendes Individuum, das von Winnie die meiste Zeit in einen Karton verbannt wird. Während der ganzen Handlung, die durch eine halbstündige Pause unterbrochen wird, sind von ihm nur einige krächzende Laute und Gesten zu vernehmen.

Winnies Fragen an ihn – „war ich je liebenswert?“ – bleiben meist unbeantwortet, so dass sie vermutet, er sei vielleicht schon gestorben. Erst in den Schlussminuten kommt Willie auf allen Vieren aus seinem „Loch“ hervorgekrochen, legt mit Fliege und Zylinder seine Abendgarderobe an und versucht, von Winnie angefeuert, mit einem letzten Aufflackern von Begehrlichkeiten, zu ihr hochzuklettern. Doch er rutscht ab, bleibt erschöpft zu ihren Füßen liegen. Einmal noch hebt er seinen Kopf zu Winnie. Das alte Paar starrt sich schweigend an. Die von Winnie im ersten Akt ins Spiel gebrachte Pistole bleibt, anders als erwartet, ungenutzt liegen. Respekt verlangt in „Glückliche Tage“ neben der schauspielerischen auch die physische Leistung der beiden Protagonisten. Sie mussten den überwiegenden Teil der Zeit in weitgehend statischen Positionen verharren. Ungewohnt und spannend für die Zuschauer war es, das Schauspiel ganz nah und direkt von der Bühne des Stadttheaters aus zu verfolgen.

Die zweite Produktion folgte am Samstag mit „Der Abgrund ist gleich nebenan“ von Christina Calvo, inszeniert von Noelle Cartier van Dissel und gespielt von Christa Pillmann und Heiko Dietz.

Weilheims Festspielkoordinator Andreas Arneth zeigte sich mit dem Auftakt zufrieden, obwohl am Samstag viele Stühle leer geblieben waren. Er möchte den Spielplan jeweils zum Saisonende im Juni um das „Theater im Off“ erweitern. „Man muss es ausprobieren. Der Aufwand ist gering, und das Risiko nicht so groß“, sprach er sich gegenüber dem Kreisboten für eine Fortsetzung aus. Bei seinen weiteren Planungen denkt Arneth auch an Kooperationen mit der Schauspielschule sowie mit Weilheimer Gruppen. Damit soll der Kreis des Theaterpublikums erweitert werden.

Als eine der ältesten Kulturtechniken müsse sich das Theater im Wettbewerb mit der wachsenden Medienvielfalt behaupten, so Arneth. Deshalb gelte es, neue Experimente zu wagen.

Von Maria Hofstetter

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