Informationskampagne mit Ex-Ministerin zu Gast in Josef-Zerhoch-Mittelschule

"Vorbildlich" im Umgang mit ADHS

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Spielerische Konzentrationsübungen stehen unter anderem in den ADHS-Kinderkursen auf dem Programm, die von Dr. Kirsten Goth (stehend) und Erzieherin Christina Späthling (sitzend, 1.v.li.) geleitet werden. Die Hospitanten machten bei ihrem Besuch eifrig mit: V.li. Martin Güll, Andrea Jochner-Weiß, Klaus Wenzel, Kathrin Sonnenholzner MdL SPD, Kerstin Celina MdL Grüne, Kathi Petersen MdL SPD, Günther Felbinger MdL Freie Wähler und Renate Schmidt.

Peißenberg – „Man muss mit der Lupe suchen, um so eine Schule zu finden.“ Renate Schmidt sparte nicht mit Lob, als sie kürzlich in der Josef-Zerhoch-Mittelschule zu Gast war. Die frühere Bundesfamilienministerin engagiert sich inzwischen als Schirmherrin für die Informationskampagne „ADHS und Zukunftsträume“, die sich für Chancengleichheit von Kindern und Jugendlichen einsetzt, bei denen eine „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“ diagnostiziert wurde.

Schmidts Besuch in Peißenberg bot sich geradezu an: Dort hat man vor vier Jahren ein großteils über Sponsoren und Eigenmittel finanziertes Projekt gestartet, das betroffene Schüler der fünften und sechsten Klassen sowie deren Eltern therapeutisch und pädagogisch unterstützt (wir berichteten). „Hier an dieser Schule wird vorbildlich mit ADHS umgegangen“, kam Schmidt (SPD) aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Die Ministerin a.D. war nicht allein gekommen. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hatte unter anderem Landrätin Andrea Jochner-We+iß und mehrere Landtagsabgeordnete eingeladen, um einen Praxiseinblick zu geben und Lobbyarbeit zu betreiben.

Die Zerhoch-Mittelschule ist in punkto Betreuung von ADHS-Kindern ein Einzelfall. Während in anderen Bundesländern die Erkrankung ähnlich wie Lese- und Rechtschreibschwäche als Teilleistungsstörung anerkannt ist, fehlen im bayerischen Schulsystem adäquate Förderprogramme, geschweige denn werden sie vom Staat finanziert. Die Konsequenz: Eine ADHS, deren Hauptsymptome Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität sind, wirkt sich häufig auf den Schulerfolg aus. Auch Lehrer stoßen oft an ihre Grenzen.

BLLV-Präsident Klaus Wenzel übte scharfe Kritik an der Bayerischen Schulpolitik. Selbige würde sich nur darauf konzentrieren, „was messbar ist“, und die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen vernachlässigen. 20 bis 25 Prozent der Schüler seien therapiebedürftig, eine zweite Fachkraft in den Klassen – „zumindest phasenweise“ – sei dringend erforderlich: „Lehrer in der heutigen Zeit mit den Problemen allein zu lassen, das halte ich für unverantwortlich“, betonte Wenzel. Unter anderem müsse ADHS in die Lehrerausbildung integriert werden und ein breites Betreuungsnetz mit psychologischem Fachpersonal aufgebaut werden.

Wenzels Appell stieß bei den fünf anwesenden Landtagsabgeordneten auf offene Ohren, vor allem, nachdem sie in einem ADHS-Gruppenkurs hospitiert hatten. Andrea Jochner-Weiß (CSU) nutzte die Gelegenheit, Werbung für die spezifische ADHS-Betreuung zu machen: „Wenn Sie begeistert sind, dann sorgen Sie dafür, dass wir die Therapiestunden finanziert bekommen“, so die Landrätin an die Adresse der Abgeordneten. Dumm nur, dass sich von ihrer eigenen Partei kein Mandatsträger blicken ließ. „Es ist beschämend, dass niemand von der Mehrheitsfraktion da ist“, kritisierte der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Martin Güll die CSU-Kollegen: „Wir werden Anträge stellen, aber ich weiß jetzt schon, was passiert: Ablehnung.“

Am Peißenberger Betreuungsprojekt haben bislang 24 Schüler teilgenommen. Die Kinderkurse werden teils über die Krankenkassen finanziert. Unterm Strich muss die Schule aber rund 4500 Euro pro Jahr selbst finanzieren oder über Sponsoren abdecken. Rektor Hans Socher ist von dem Projekt dennoch restlos überzeugt: „Die Kinder werden selbstbewusster. Es ist einfach eine Riesenhilfe.“

Im Wortlaut

„Die Diagnosen sind vorhanden. Wenn daran aber nicht gearbeitet wird, dann braucht man erst gar nicht zu diagnostizieren.“ Benedikt Konrad, Lehrer an der Zerhoch-Mittelschule

„Das sind Kinder mit hervorragenden Talenten.“ Renate Schmidt über ADHS-Betroffene

„Das Argument, dass es zuviel kostet, ist beschämend.“ Klaus Wenzel über die fehlenden ADHS-Förderprogramme

„Allein mit Knopfdruck kann man sie nicht ändern.“ Elternbeiratsvorsitzende Sabine Ingelsberger über ADHS-Kinder

„Therapie ist wichtiger als Unterricht.“ Hans Socher über separate ADHS-Kurse in der Schulzeit

von Bernhard Jepsen

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