Unterwegs zu den Paralympics

Ding Ling. Immer wieder Ding Ling. Wolfgang Sacher weiß gar nicht mehr, wie oft er in den vergangenen Wochen auf Google Earth nach Ding Ling gereist ist, wie oft er den Stausee herangezoomt hat, die kleine Straße verfolgt hat, die sich erst am Nordufer dahinzieht und dann in einer großen Schleife durch eine wellige Landschaft und ein paar versprengte Dörfer auf die andere Seite des Sees führt.

Und schließlich ist da die große Staumauer, die Zielgerade mit einer 90-Grad-Kurve und einer Spitzkehre, die einen wie ihn, der nur noch über einen Arm verfügt, vor eine besondere Herausforderung stellt. Exakt 12,8 Kilometer ist der Kurs von Ding Ling lang. Und am 12. September, dem Tag des Einzelzeitfahrens bei den Paralympics wird Sacher wissen, ob es ihm etwas genützt hat, auf Google Earth die Strecke vor dem Flug ins Reich der Mitte in- und auswendig gelernt zu haben. Bisweilen passiert es Sacher, dass er nachts aus dem Schlaf gerissen wird, weil er geträumt hat, dass er beim Bahnrennen aus der Startmaschine kippt und auf den Boden plumpst, ohne nur einmal in die Pedale getreten zu haben. Am Freitag startet in München die Maschine nach Peking. Für einen Moment wird Sacher die Flugangst einholen auf dem Weg zu seinem größten Abenteuer, der Teilnahme an der Olympiade der Behinderten, die einen Monat nach den Sommerspielen der Gesunden in Chinas Hauptstadt eröffnet wird. Am 6. September werden die Paralympics im Olympiastadion eröffnet, ein Augenblick, auf den sich Sacher mindestens so freut wie auf seine Rennen. Auch wenn die deutsche Mannschaft in mausgrauen Anzügen am Einmarsch der Nationen teilnimmt, die einen eher an den klassischen chinesischen Mao-Schnitt erinnern als an ein Fest der Jugend und über die Sacher sagt: „Was anderes hätte man sich schon einfallen lassen können.“ Wenigstens mit den Aufwärmwesten ist er zufrieden, „weil da nicht mehr Germany, sondern Deutschland über den chinesischen Schriftzeichen aufgedruckt ist“. „Mit viel Glück geht vielleicht was“ Spätestens zwei Tage nach der Eröffnungszeremonie werden Kleiderfragen für Sacher nebensächlich sein. Dann steht mit dem 4000 Meter Verfolgungsrennen auf der Bahn die erste Prüfung auf dem Programm. Eigentlich würde Sacher als Dritter der Weltrangliste hier zu den Favoriten zählen, doch davon will er nichts wissen. Zum ersten ist der australische Weltrekordinhaber Michael Gallagher um 13 Sekunden schneller als Sacher, zum zweiten zählt er seinen österreichischen Freund Wolfgang Eibeck zu den Mitfavoriten und zum dritten treten die Briten mit einer Mannschaft an, „die unter Profibedingungen trainiert“. Dennoch sieht sich Sacher nicht ganz chancenlos. „Mit viel Glück geht vielleicht was.“ So wie bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2007, als der Penzberger es „ums Arschlecken“ ins kleine Finale geschafft und dort jeweils Bronze geholt hat. Entscheidend für sein Abschneiden wird auch sein, wie schnell und gut sich Sacher an das drückend heiße Klima und den Smog in Peking gewöhnt. Daran aber wird es nicht liegen, wenn Sacher auf der Bahn beim Zeitfahren über 1000 Meter in die Pedale tritt. Der Kampf gegen die Uhr auf dem Oval ist seine schwächste Disziplin, als beste Leistung hat er einen sechsten Platz bei der WM 2007 vorzuweisen. „Da werden neue Weltrekorde fallen und da werde ich nach hinten durchgereicht werden“, schätzt er und sagt: „Da gewinnen die mit zwei Händen, weil die im Wiegetritt aus der Startmaschine kommen.“ Dessen ungeachtet hofft er darauf, unter die ersten zehn zu kommen. Gleiches erwartet er auch für den Teamsprint auf der Bahn, wo die Deutschen für die drei Runden mit einer Bestzeit von 54 Sekunden nach Peking reisen, während die Briten schon um fünf Sekunden schneller waren. Auf die beiden Starts, bei denen für Sacher ohnehin nichts zu holen ist, will er aber trotzdem nicht verzichten. Sacher ist der einzige Radfahrer bei den Paralympics, der bei allen Rennen auf der Bahn und auf der Straße an den Start geht. Und trotzdem ist Sacher sauer. Sauer auf das IOC und den Weltverband, weil die bei den Paralympics verschiedene Klassen mit unterschiedlichem Grad der Behinderung zusammengemischt haben. „Ich fahre jetzt auf der Straße zusammen mit den Unterschenkelamputierten und sogar den spastisch Behinderten“, klagt Sacher. Für ihn eine ausgemachte Ungleichbehandlung, weil die Spastiker im Wettkampf kaum von Gesunden zu unterscheiden seien. Bei den Brasilianern sei einer im Paralympics-Team, so Sacher, der bei sich Zuhause in einem ganz normalen Profirennstall fahre. Mit dem großen Radkranz zur Medaille Trotzdem gibt sich Sacher kämpferisch und googelt wieder nach Ding Ling zum Stausee. Eine Runde, 12,8 Kilometer, muss er beim Einzelzeitfahren am 12. September absolvieren. Seine Rennmaschine hat er so präpariert, dass er nur mit dem großen Radkranz fahren kann. Denn: „Hier rechne ich mir eine Medaille aus. Zumindest nehme ich mir das ganz fest vor.“ Schließlich ist Sacher zweifacher Vizeweltmeister, wenngleich er weiß: „Einen Platten darfst du keinen haben, dann bist zu weg.“ Bescheidener gibt er sich im Hinblick auf seine Aussichten beim abschließenden Straßenrennen. Sieben Mal muss der Stausee umrundet werden, für den Olympiasieg kommen wohl an die 15 Fahrer in Frage. Sacher sieht für sich nur eine Chance: „Ich muss zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Platz sein, um wegzukommen.“ Bei einem Zielsprint wäre er ohne Chance, weil in Ding Ling vor der Staumauer eine 90-Grad-Kurve und eine Spitzkehre warten. Mit nur einem Arm kann Sacher da nur bedingt beschleunigen, er braucht also reichlich Vorsprung. Doch wie es auf der Straße für ihn auch ausgeht, aus der Startmaschine kippen und auf den Boden plumpsen, kann er hier nicht. / la

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