Albanienhilfe lindert seit 25 Jahren die Not vor Ort

Hilfe zur Selbsthilfe aus Weilheim

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Sidoreda Kegi (21, mi.) war begeistert von ihrem dreimonatigen Praktikum, das sie bei Evelyn Huber (re.) in deren „Top Sun Studio“ in Weilheim absolvierte. Von Ausbilderin Nataly Godunova (li.) lernte die junge Albanerin viel über Kosmetik und verbesserte obendrein ihre Deutschkenntnisse.

Weilheim – Der Flüchtlingszustrom aus Syrien, Afghanistan und dem Irak legt zurzeit eine Atempause ein. Noch vor wenigen Monaten hatten auch Menschen aus den Westbalkanländern in großer Zahl Zuflucht in Deutschland gesucht. In dieser von der Bundesregierung zu sicheren Herkunftsländern erklärten Region herrscht zwar kein Bürgerkrieg mehr und die Bewohner müssen nicht um ihr Leben fürchten, doch die wirtschaftliche Not ist dort nach wie vor groß.

Die private Hilfsorganisation Albanienhilfe Weilheim e.V. hat sich seit nunmehr 25 Jahren zum Ziel gesetzt, den Menschen vor Ort zu helfen und ihnen im Heimatland Albanien eine Perspektive für die Zukunft zu eröffnen. Die Initialzündung für das Projekt waren 1991 Nachrichten und Fernsehbilder über Flüchtlinge, die auf schrottreifen Schiffen versucht hatten, den katastrophalen Zuständen ihrer Heimat durch eine Flucht über die Adria nach Italien zu entkommen. Albanien erlebte zu dieser Zeit nach dem Zusammenbruch der Diktatur unter Enver Hodscha eine große Hungersnot und gilt bis heute als das Armenhaus Europas.

Die damaligen Berichte veranlassten den Weilheimer Fritz Sommer, sich zusammen mit einem Mitglied der örtlichen Kolpingfamilie ein Bild von den Zuständen zu machen. Die Eindrücke waren so erschütternd, dass Sommer als Soforthilfe in Privat- initiative 71 Hilfstransporte mit den lebensnotwendigsten Mitteln organisierte und auf den Weg nach Albanien brachte.

Aus diesen Anfängen entwickelte sich der Verein zu einer dauerhaften Einrichtung, die heute nach einem Vierteljahrhundert beeindruckende Erfolge vorweisen kann. Den ersten Hilfstransporten folgten 1993 die Einrichtung und Versorgung von fünf Suppenküchen in verschiedenen Städten und die Ausstattung von Grundschulen und Unterkünften für Straßenkinder. Ein nächstes großes Projekt war der Bau eines Kinderheimes für 30 Waisenkinder, das mit Unterstützung der Aktion „Sternstunden“ des Bayerischen Rundfunks durchgeführt wurde. Ihm folgten der Bau und Betrieb eines Kindergartens mit integrierter Suppenküche für 90 Kinder in Lac, der den Namen des inzwischen verstorbenen Vereinsgründers Fritz Sommer trägt.

Hilfe zur Selbsthilfe ist das vorrangige Ziel des Vereins. Ganz im Zeichen dieser Prämisse wurden das Ausbildungszentrum „Antonia“ für junge Frauen errichtet, im Jahr 2012 der Kindergarten auf 60 Plätze erweitert und ein weiteres Ausbildungszentrum für 70 Jugendliche von 14 bis 18 Jahren gebaut. Die Suppenküche versorgt dort täglich circa 90 Jugendliche mit warmem Essen.

Neben den Aktivitäten in Albanien organisiert der Verein Studienaufenthalte in Weilheim und Praktika in Handwerksbetrieben.

Laut Evelyn Huber, die seit dem Tod ihres Vaters Fritz Sommer den Verein leitet, werden die Einrichtungen von der albanischen Regierung gerne als Vorzeigeprojekte für die soziale Entwicklung gewertet, ohne jedoch in irgendeiner Form Unterstützung zu leisten. Vielmehr sei man froh für jedes Straßenkind, das vom Verein aufgenommen wird.

Alle Aktivitäten der Albanienhilfe werden ausschließlich von ehrenamtlichen Mitgliedern geleistet und nur über Spenden finanziert. Durch das unentgeltliche Ehrenamt wird sichergestellt, dass die Spenden zu 100 Prozent für die Hilfsleistungen verwendet werden.

Evelyn Huber im Interview mit dem Kreisboten

Die Albanienhilfe Weilheim e.V. kann auf eine beeindruckende Leistung verweisen. Wie viele Kinder und Jugendliche haben ihre Einrichtungen bisher durchlaufen?

Evelyn Huber: „Ohne die Suppenküchen waren es circa 400 bis 500 Mädchen und Jungs ab vier Jahren. Sie wurden bis zum Ausbildungsende oder Studium begleitet. In unsere Suppenküchen, von denen es in Hochzeiten sechs gab, kamen Tausende. Aktuell werden in einer Suppenküche täglich 30 Kinder versorgt.“

Mit welchen lokalen Organisationen arbeiten Sie beim Betrieb der Häuser zusammen?

Huber: „Mit den Ordensschwestern der 'Töchter der göttlichen Liebe'. Früher waren es die Armen Schulschwestern. Zuerst deutsche und slowenische und jetzt albanische Schwestern haben die Leitung in Koordination und Absprache mit der Albanienhilfe.“

Wie viele Spendenmittel konnten Sie bereits einsetzen?

Huber: „Immer so viel, dass wir für ein bis zwei Jahre unsere Projekte aufrecht erhalten können. Es werden bisher wohl um die zwei bei drei Millionen Euro gewesen sein.“

Spüren Sie eine gewisse Spendenmüdigkeit für Ihre Einrichtung angesichts der Hilfen, die derzeit den Flüchtlingen in Deutschland zugute kommen?

Huber: „Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil, weil wir im Land selber Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Unsere Organisation ist mittlerweile sehr bekannt und die Spender wissen, dass wir hervorragende Arbeit leisten.“

Sind weitere Projekte geplant, oder sind Sie mit der Aufrechterhaltung des Betriebes in den bestehenden Einrichtungen ausgelastet?

Huber:  „Baulich ist kein neues Vorhaben geplant. Im Vordergrund stehen die Kinder und Jugendlichen, die schon in unseren Projekten sind. Unser Ziel ist, sie mit Ausbildung, Hospitationen und Studium so weit zu unterstützen, dass sie im Heimatland einen guten Weg gehen und beim Aufbau helfen können.“

Haben Sie von offizieller deutscher Seite Unterstützung bekommen? Schließlich trägt Ihr Projekt dazu bei, den Abwanderungsdruck aus Albanien zu verringern.

Huber: „Die Stadt Weilheim und der Landkreis haben uns von Anfang an stark unterstützt. Die Deutsche Botschaft in Albanien ist uns sehr wohlgesonnen und hat die neue Kücheneinrichtung in der Mensa des Kinderhauses ‚Sternstunden‘ mit circa 9 000 Euro gesponsert.“

Vielen Dank für das Gespräch. Das Interview führte Kreisboten-Redakteurin Maria Hofstetter.

Im Oktober wird eine Delegation aus Weilheim zum 25-Jährigen Jubiläum der Albanienhilfe nach Elbasan reisen.

Von Maria Hofstetter

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