Am Freitag werden in Karlsruhe drei Unikate gegossen – Einholungsfest am 2. Oktober

Neue Glocken für die Apostelkirche

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Aus dem Jahr 1569 stammt die kleine protestantische Glocke in der Hand von Pfarrer Eberhard Hadem. Eine ehemalige Mesnerin hat sie der Apostelkirche überlassen, wie Kirchenpfleger Martin Herzog (li.) im Beisein von Dekanatskantor Walter Erdt berichtete.

Weilheim – Große Feierlichkeiten stehen Weilheims evangelischen Christen am Sonntag, 27. November, zum ersten Advent, mit der Einweihung von drei neuen Glocken für die Apostelkirche ins Haus. Kommenden Freitag fährt eine 30-köpfige Delegation aus der Kreisstadt nach Karlsruhe, um dort beim Guss der Unikate dabei zu sein. „Ein einmaliges Erlebnis“, wie der Glockensachverständige Walter Erdt aus Erfahrung weiß.

Als Pfarrer Hadem vor viereinhalb Jahren nach Weilheim kam, hatte ihn Dekanatskantor Erdt eindringlich auf den maroden Glockenstuhl und die beiden „aufgebrauchten“ Glocken hingewiesen: „Herr Hadem, da müssen wir was machen!“ Erdt und ein weiterer Glockensachverständiger, erinnert sich Hadem, haben in aller Deutlichkeit aufgezeigt, dass eine Sanierung unumgänglich ist. 2014 beschloss die Kirchengemeinde, das Geläut der Apostelkirche umfassend erneuern zu lassen.

„Der Glockenstuhl ist in einem extrem schlechten Zustand.“ Bei einem Pressegespräch im evangelischen Gemeindehaus ging Erdt auf die bewegte Geschichte des Geläutes und ein Gutachten seines Sachverständigenkollegen aus Dachau ein. Dieser hatte vorgeschlagen, die beiden ausgedienten historischen Leihglocken auszutauschen, da sie „für das Ensemblegeläut ungeeignet“ seien. Um das entstandene „Klangloch“ zu schließen, empfahl der Gutachter den Guss einer zusätzlichen Glocke.

Das Geläut der Apostelkirche, so Erdt, ist teilweise älter als das Gotteshaus. In den beiden Weltkriegen wurden viele Glocken für die Waffenherstellung eingeschmolzen. Nach Kriegsende wurden die übrig gebliebenen Glocken aus ehemaligen Ostgebieten in Hamburg auf dem „Glockenfriedhof“ gelagert – aus diesem Fundus stammen auch die zwei Leihglocken der Apostelkirche. 1953 sollten für ein vierstimmiges Geläut zwei neue Glocken angeschafft werden. Das Geld reichte aber nur für eine, obwohl die kleinste in Zahlung gegeben wurde. Mit der neuen Glocke wurde Anfang der 1950er Jahre ein Stahlglockenstuhl eingebaut. Doch das Material hielt nicht, was es versprach, rostete und beschädigte durch das direkte Übertragen der Schwingungen die Bausubstanz des Turmes. Der Glockensachverständige gab zu bedenken: Wird der Glockenstuhl nicht zeitnah erneuert, müsste über eine Stilllegung des Geläutes nachgedacht werden.

Doch das wollten Weilheims evangelische Christen verhindern und setzten alle Hebel in Bewegung. Mit Erfolg, wie sich herausgestellt hat.

Finanzierung ist großteils gesichert

Etwa 45 000 Euro kosten die drei neuen Glocken, die in der Karlsruher Gießerei Bachert in Auftrag gegeben wurden. Einschließlich der Erneuerung des Glockenstuhls, der aufwändigen Montage- und Bauarbeiten muss die evangelische Kirchengemeinde gut 125 000 Euro aufbringen. Dass die Finanzierung bis auf eine Restsumme von „17 000 bis 20 000 Euro“ in trockenen Tüchern ist, freut nicht nur Kirchenpfleger Martin Herzog, der das Ereignis mit einem eigens gegründeten Arbeitskreis begleitet und organisiert.

Drei der evangelischen Kirche seit Jahrzehnten eng verbundenen Weiheimer Familien – die Familien Handel, Erdt und Liebl – stiften die Glocken, die 12 500 Euro für den neuen Glockenstuhl aus Eichenholz teilen sich weitere fünf Weilheimer Familien. 15 000 Euro steuert die Stadt bei, 20 000 Euro kommen von der Centa-Böhm-Stiftung. Unternehmen und Geschäftsleute beteiligen sich ebenfalls tatkräftig an der Finanzierung, wie Kirchenpfleger Herzog versichert. Die noch ausstehende Summe soll mit Aktionen und Spenden aus dem privaten sowie gewerblichen Bereich gedeckt werden.

Jede Glocke wird einzeln gegossen

Glocken sind das Herzstück einer Kirchengemeinde und ein Stück Identität für die Bürger der Stadt, sagt Pfarrer Hadem. Am Freitagnachmittag wird die Delegation aus Weilheim, der Bürgermeister Markus Loth angehört, miterleben, wie in Karls-

ruhe drei Unikate in Lehm gegossen werden. Die große 950 Kilo schwere Glocke von 1953 wird im Geläut mit den drei neuen Glocken im Turm der Apostelkirche weiterhin den Ton angeben. Die ausgediente größere Leihglocke wird ins Huglfinger Gemeindezentrum gebracht und die kleinere ins schlesische Museum nach Königswinter.

Glockeneinholung mit Festzug am 2. Oktober

Am Sonntag, 2. Oktober, ab 10 Uhr, werden die festlich geschmückten Glocken mit Musikbegleitung auf einem Festwagen von der Jahnhalle über den Marienplatz zur Apostelkirche gezogen und der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Kirchenhof wird ein Gemeindefest gefeiert, es gibt einen Vortrag, akustische Klangproben für die Kinder und gegen 14 Uhr eine Versteigerung. An das Erntedankfest (16 Uhr) schließt sich in der Apostelkirche um 16.30 Uhr ein Orgelkonzert an, an dem die alten Glocken instrumental beteiligt sind. Ein „Glockenspaziergang“ mit Dr. Joachim Heberlein und Kirchmusikdirektor Walter Erdt führt am 26. November zu den Weilheimer Kirchenglocken.

Für die Organisatoren geht mit der Glockeneinweihung am 27. November, zu der Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler erwartet wird, ein großer Wunsch in Erfüllung. „Das Lutherjahr 2017“, freut sich Pfarrer Hadem, „kann in Weilheim am ersten Adventssonntag mit einem neuen Geläut aus vier Glocken im Turm der Apostelkirche eingeläutet werden.“

Von Maria Hofstetter

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