Aus für Weilheimer Call-Center

Entsetzt, resigniert, wütend: Ein Wechselbad der Gefühle durchleben zurzeit die MitarbeiterInnen des Weilheimer Call-Centers, das die Telekom im Laufe des nächsten Jahres schließen wird. Am vergangenen Donnerstag wurde Gewissheit, was die im Call-Center an der Bahnhofstraße Beschäftigten schon befürchtet hatten. Die noch verbleibenden Wo- chen und Monate an ihrem Arbeitsplatz in Weilheim sind gezählt. Bei einer Betriebsversammlung am Freitag auf dem Gögerl wurden die Mitarbeiter über die Schließungsgründe informiert.

Am 21. August gab der Vorstand der Telekom die bundesweit geplanten Rationalisierungsmaßnahmen bekannt. Am Freitag wurden der Weilheimer Belegschaft bei einer Versammlung auf dem Gögerl das endgültige Aus für den Standort in der Kreisstadt bestätigt und eine Verlagerung ihres Arbeitsplatzes nach Kempten angeboten. „Über 60 Arbeitsplätze fallen weg. Das ist für Weilheim ein gewaltiger Aderlass“, entrüstet sich Betriebsrat Rudolf Hochenauer. „Bis spätestens im zweiten Quartal 2009“, äußerte Udo Harbers Pressesprecher der Telekom für die Region Süd gegenüber unserer Zeitung, „soll die Umstrukturierung in Weilheim abgeschlossen sein.“ Den von der Schließung Betroffenen werde „in den nächsten Wochen und Monaten ein Angebot gemacht. Wir sprechen mit jedem einzelnen Mitarbeiter“, versichert Harbers, der sich ansonsten sehr bedeckt hält. Da das Münchener Call-Center Anfang 2010 ebenfalls dicht gemacht wird, ist die Geschäftsstelle in Kempten für die Weilheimer Belegschaft die am Nächsten erreichbare. In Kempten müssen jedoch erst die räumlichen Voraussetzungen – sprich Um- oder Neubau – für die Kollegen aus Weilheim und auch aus München geschaffen werden. Wenn Telekom-Sprecher Harbers betont, man wolle der Weilheimer Belegschaft künftig „einen modern eingerichteten Standort bieten“, mag das in den Ohren von Rudolf Hochenauer wie blanker Hohn klingen. „Was derzeit abläuft, ist arbeitnehmerfeindlich. Man entzieht hier Menschen ihre Existenzgrundlage. Diese Politik wird massiv auf dem Rücken der Frauen und Familien ausgetragen“, reagiert Hochenauer, Betriebsrat im technischen Service bei der Telekom in Weilheim, erbost. Die Stimmung sei „äußerst bitter“. Der Altersdurchschnitt der Weilheimer Belegschaft liege „um die 40 Jahre, etliche haben schon eine Fünf davor“. Die unsichere berufliche Zukunft treibt den MitarbeiterInnen im Call-Center Tränen in die Augen. Manche Kollegen sind schon seit 30 Jahren im Unternehmen tätig und haben 2007 die Ausgliederung (bundesweit wurden damals rund 50000 Beschäftigte der Telekom aus den Bereichen Technik, technischer Service und Call-Center zu schlechteren Rahmenbedingungen in GmbHs ausgegliedert, Anm.d.Red.) miterlebt. Und nun das, kritisiert Hochenauer. Erschwerend komme hinzu, dass die Wohnorte der Betroffenen „übers ganze Oberland verstreut“ sind und dass die MitarbeiterInnen zwischen 7 und 22 Uhr im Schichtdienst eingeteilt werden. „Was machen jetzt die, die eine Familie zu versorgen haben oder allein erziehend sind?“, fragt sich nicht nur Hochenauer. Zwei Stunden und mehr Anfahrtszeit seien finanziell unrentabel und unsozial, für eine Teilzeitstelle bleibe da unterm Strich kaum noch was übrig. „Die Problematik ist der Telekom bekannt“, ärgert sich Hochenauer und mutmaßt, dass der Arbeitgeber in Kempten auf Nachbesetzungen spekuliert, „mit schlechteren Perspektiven für die jüngeren Kollegen“. Laut Hochenauer soll der Telekom-Standort an der Weilheimer Bahnhofstraße erhalten bleiben. Neben dem Call-Center ist dort der technische Service untergebracht, der unter anderem für die Störungsbeseitigung zuständig ist und dem Kunden hilft, wenn dieser Probleme mit seinem Endgerät hat. Noch Stunden nach der Betriebsversammlung ist Betriebsrätin Anni Eiler sauer. „Das Gespräch hat unterm Strich nichts ergeben. Man hat uns nur über die Schließungsgründe informiert und versprochen, am neuen Arbeitsplatz bei der Wohnungssuche behilflich zu sein. Über 60 Prozent unserer Mitarbeiter nehmen bereits jetzt lange Anfahrten nach Weilheim in Kauf. Diese Fakten sind bekannt und dennoch werden wir kreuz und quer durch Bayern gejagt“, sagt Eiler aufgebracht. „Enttäuscht“ ist Eiler auch vom Bundestagsabgeordneten Alexander Dobrindt. Es werde „immer nur schön geredet“, aber es komme nichts dabei rüber, ärgert sich die Betriebsrätin. „Wir hätten erwartet, dass Herr Dobrindt nicht nur das Gespräch mit dem Telekom-Vorstand sucht, sondern ebenfalls mit uns“, kritisiert Eiler. Für die kommenden Wochen sind Verhandlungen zwischen Arbeitgeber- und -nehmerseite geplant. Ein Haupt- thema werden die Sozialpläne für die Betroffenen sein. kl/mü

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