Von Rott nach Tansania:

Eine völlig andere Liga

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Coach Martin und sein Team – der tansanische Erstligist Toto Africa. Martin Grelics gibt im Stadion Anweisungen, im Hintergrund der zweitbeste Rasenplatz des Landes.

Rott/Mwanza – Letzten Sommer kündigt Martin Grelics (29) aus Rott seinen Job als Lehrer, stattdessen wird er Fußballtrainer: ei einem Erstligaverein in Tansania. Ein gigantisches Abenteuer. Und eine Geschichte über ein fußballverrücktes Land, in dem nicht nur auf dem Platz gezaubert wird.

John Tekete reißt die Hoteltür auf, rennt los. Er ist erstaunlich flink für einen kleinen 54-Jährigen mit Kugelbauch. Früher war er Fußball-Profi in Tansania. Stürmer. Gefürchtet für seine kraftvollen Weitschüsse. Jungen Spielern erzählt er gern, dass er einst mit Medizinbällen trainierte, so seinen Fuß gestärkt hat. Tekete stürmt also durch die Lobby. Dann bremst er ab, reißt einen Mann vom Stuhl, schlägt ihm in den Nacken und zerrt ihn vor die Tür.

Schlaf- und Arbeitsplatz: Grelics in seiner Unterkunft in Tansania. Das Zimmer teilt er sich mit dem Co-Trainer.

„Ein Voodoo-Zauberer, das war ein Voodoo-Zauberer“, sagt Tekete zu Martin Grelics, als er grinsend zurück in die Hotellobby kommt. „Er wollte das Team verhexen!“ Grelics Team. Name der Mannschaft: Toto Africa. Willkommen in Afrika, willkommen im Fußball-Abenteuerland! Grelics, 29, ein sportlicher, junger Mann aus dem kleinen Örtchen Rott im Landkreis Landsberg, ist Cheftrainer des tansanischen Fußball-Erstligisten Toto Africa aus Mwanza, einer Stadt am Viktoriasee. John Tekete ist sein afrikanischer Co-Trainer.

Grelics schüttelt in der Hotellobby ungläubig den Kopf, dann nickt er ihm zu. „Okay“, sagt er schließlich. Okay, Vodoo-Zauber abgewehrt. Gut gemacht. Später, wenn Martin Grelics die Geschichte seinen Freunden in Deutschland erzählt, wird er am Ende sagen: „Das glaubt mir doch keiner.“ Aber das sagt er eigentlich immer, wenn er eine Anekdote aus Tansania erzählt.

Sportlich nach Plan

Drei Monate arbeitet Martin Grelics als Trainer bei Toto Africa. Drei Monate, in denen sportlich alles nach Plan läuft. Sein Team, ein Aufsteiger, liegt mit einer ausgeglichenen Bilanz im Mittelfeld der Tabelle. Das Drumherum macht die Zusammenarbeit aber schon nach kurzer Zeit schwierig, am Ende unmöglich. Gehälter stehen aus. Rechnungen werden nicht bezahlt. Also zieht Grelics im November die Notbremse: Er erklärt seinen Rücktritt. Eine Entscheidung, die ihm schwer fällt. Er verabschiedet sich von einem Team, das ihn wie einen Helden verehrt, viele Hoffnungen in „Kocha Martin“, wie Grelics liebevoll genannt wird, gesetzt hatte. „Kocha“ ist Suaheli und heißt Trainer.

Im Sommer haben sie den Bayern in Tansania wie eine Art Fußball-Messias empfangen. Grelics afrikanischer Traum ist aber schon nach kurzer Zeit ausgeträumt. Dabei war der 29-Jährige keineswegs blauäugig nach Tansania gereist, hatte sich auf allerlei Unwägbarkeiten eingestellt. Wie groß die sein würden, ist ihm im Frühjahr, als er das Jobangebot der deutschen Hilfsorganisation FC Mwanza, die den Verein unterstützt, annimmt, aber nicht klar. Er kündigt seinen Job als Lehrer, gibt seinen Trainerposten bei Bezirksligist TSV Peiting ab, schmeißt alles hin. „Mein Ziel war und ist, als Trainer einer Profimannschaft zu arbeiten“, sagt Grelics. „In Deutschland ist es schwierig. In Tansania hatte ich die Chance. Also habe ich zugesagt.“

Krumme Linien: Bei Testspielen der Erstligisten Toto Africa ist das Spielfeld manchmal nur per Hand in den Sand gezogen.

Tansania also. Ostafrika. Fußball-Niemandsland. Noch nie hat sich die Nationalmannschaft für eine Weltmeisterschaft qualifiziert, nur einmal für den Afrika Cup, das war 1980. Selbst ein Idol, einen Spieler, der irgendwo in Europa zum Star geworden ist, sucht man vergebens. Trotzdem ist Fußball in Tansania überall. An jeder Ecke wird gekickt. Als Ball dient oft nur ein kunstvoll zusammengeknoteter Haufen Plastiktüten. „Es gibt keine anderen Hobbys. Nichts, das wichtig wäre. Für die Menschen in Tansania gibt es nur Fußball“, sagt Saleh Ally, Chefredakteur von „Championi“, der größten Fußballzeitschrift des Landes. „Alle lieben diesen Sport.“ Vor allem lieben die Tansanier die großen Vereine in Europa. Wenn die englische Premier League oder die Bundesliga spielt, an der White Hart Lane in London oder in der Allianz Arena in München gekickt wird, sitzt halb Tansania in irgendeiner Kneipe vor dem Fernseher, feuert Vereine im fernen Europa an.

Von der dortigen Fußball-Glitzer-Welt ist man hier allerdings so weit entfernt, wie die Münchner Löwen vom zweiten Meistertitel in der Bundesliga. Grelics’ Team Toto Africa hat keine Sponsoren, bekommt lediglich Zuschüsse vom tansanischen Verband. Um Geld zu verdienen, reist die Mannschaft in der Vorbereitung in entlegene Dörfer, absolviert Testspiele mitten im Nirgendwo. An manchen Orten ist das Tornetz notdürftig mit Steinen befestigt, das Spielfeld auf sandigen Boden gemalt. Selbst im heimischen Stadion kommt es vor, dass der Rasen vier Wochen lang nicht gemäht oder gewässert wird. „Wir haben in Mwanza den zweitbesten Platz des Landes“, sagt Grelics. „Aber jeder Platz eines deutschen Kreisligisten ist besser.“ Zu Auswärtsspielen reist Toto Africa mit dem Bus, ist bis zu 30 Stunden unterwegs. Das ist sogar Luxus: Als dem Club Anfang November das Geld für einen Charter-Bus fehlt, steigt das Team auf einen Linienbus um. „Viele Dinge sind schon sehr abenteuerlich“, sagt Grelics dazu.

Reiche Teams könnten theoretisch mit der Dritten Liga in Deutschland mithalten. Arme eher mit der Vierten. Grelics Verein gehört zu den armen. Die Toto-Spieler, allesamt Profis, verdienen zwischen 200 und 300 Euro im Monat. Grelics selbst bekommt 300 Euro. Ein normaler Arbeiter in Tansania verdient etwa 100 Euro. Während der Saison wohnen alle gemeinsam in einem Camp. Viererzimmer, 15 Quadratmeter, Stockbetten, Gitter vor den Fenstern. In den Ecken ist es dreckig, die Luft stickig. Gemütlich ist anders. „Für die Spieler ist das aber okay“, sagt Grelics. „Sie kennen es nicht anders.“ Selbst als das Team nach ein paar Wochen umziehen muss – der Verein hatte die Miete für die ursprüngliche Unterkunft nicht bezahlt – gibt es kein Gemurre.

Grelics bleibt zumindest der Umzugs-Schlamassel erspart. Er wohnt bis zu seiner Abreise im Haus der Hilfsorganisation, die ihn angeworben hatte. Zehn Freiwillige sind dort untergebracht, leben auf engstem Raum miteinander. Grelics teilt sich ein Zimmer mit seinem deutschen Co-Trainer Lukas Stellmach aus Köln. „Ich habe auch daheim in einer WG gewohnt, deshalb war das kein Problem für mich.“ Der Trainer hat schnell gelernt zu improvisieren, sich den Gegebenheiten anzupassen. „Anders geht es nicht.“ Mit Anpassen allein ist es irgendwann allerdings nicht mehr getan.

Die Geduld des jungen Mannes ist im November am Ende. Die Mannschaft wartet seit zwei Monaten auf ihr Gehalt. Die ersten Spieler hauen ab, der Rest des Teams droht immer wieder mit Streik. An manchen Tagen haben die Spieler nichts zu essen, bekommen nicht einmal eine Schale Reis. Trainingseinheiten fallen deshalb aus. „Es war absolut chaotisch. Im Oktober konnten wir nur siebenmal vernünftig trainieren“, sagt Grelics. „Professionelles Arbeiten, wie ich mir das vorgestellt habe, war unmöglich.“

Ein Zeichen setzen

Immer wieder versucht er, auf die Verantwortlichen einzuwirken. Jedes Mal geloben die Bosse Besserung; sie versprechen, die ausstehenden Gelder aufzutreiben. Jedes Mal sind es leere Versprechen. Grelics trifft eine Entscheidung, schreibt einen Brief, erklärt darin seinen Rücktritt. Die Spieler versuchen, ihn zum Bleiben zu überreden, schicken ihm massenweise WhatsApp-Nachrichten. Grelics bleibt hart und fliegt eine Woche und zwei Spiele später zurück nach Deutschland.

Mit einem Dankes­banner verabschieden sich die Spieler von ihm. „Ich wollte mit meinem Rücktritt ein Zeichen setzen, die Verantwortlichen wachrütteln“, sagt er. Es ist inzwischen Januar und Afrika weit weg. Martin Grelics arbeitet wieder als Lehrer – an einer Mittelschule in München. Seinen Traum vom Profitrainer hat er trotzdem noch nicht begraben. „Wenn ein interessantes Angebot kommt, höre ich mir das natürlich an“, sagt er. „Ich habe in Tansania viel gelernt, bin als Mensch und Trainer gereift.“ Er traut sich zu, auch in Deutschland ein höherklassiges Team zu coachen. Nach all dem, was er erlebt hat, kann ihn jetzt auch nicht mehr viel überraschen. Nicht einmal ein Voodoo-Zauberer.

Thomas Fritzmeier

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