Velomobil-Weltrekord

Auf der Überholspur

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Mit durchschnittlich 48,9 Stundenkilometern legte Nicola Walde die 585 Kilometer zum Weltrekord mit dem Velomobil zurück.

Weil – „Ich habe angefangen, gemerkt, dass es läuft, bin nach zwölf Stunden ausgestiegen und hatte den Weltrekord. Eigentlich völlig verrückt“. Gerade die letzten drei kleinen Worte fassen das Bild gut zusammen, das sich im Gespräch mit Nicola Walde aus Weil ergibt. Verrückt. Auf eine absolut positive Art. Neben dem Weltrekord durfte sie sich im letzten Jahr auch über den Weltmeistertitel freuen und das alles als Quereinsteigerin im Velomobil. Kuriositäten ergaben sich dabei nicht nur auf, sondern auch neben der Strecke.

Die 42-jährige Nicola Walde aus Weil holte sich den Weltrekord mit dem Velomobil.

Beim Interviewtermin ist Nicola Walde schnell auszumachen: Sie parkt gerade ihr Gefährt ein und ist dabei schon von einer neugierigen kleinen Menschentraube umringt, die das „fahrbare U-Boot“ in Augenschein nimmt. Die heute 42-Jährige hat seit jeher einen sehr sportlichen Hintergrund, als Triathletin war sie in der Regionalliga aktiv, ihren Arbeitsweg nach München strampelte sie regelmäßig auf dem Rennrad ab. Meist gemeinsam mit einem Kollegen, dem sie, nachdem er auf ein Velomobil umgestiegen war, nur noch schwerlich hinterherkam. Denn der Tempounterschied zum herkömmlichen Rad und auch den etwas weiter verbreiteten Liegerädern, ist durch das ausgeklügelte Design deutlich spürbar.

In diesem Moment war nicht nur die Liebe zu diesem, auf den ersten Blick recht eigentümlichen fahrbaren Untersatz, sondern vor allem der Ehrgeiz geweckt. „Ich habe schon immer den Wunsch gehegt, in einer etwas exotischen Sportart auch als Quereinsteigerin hohe Ziele, wie eben einen Weltrekord, zu erreichen. Also habe ich mich direkt auf die Suche nach einem Hersteller gemacht. Standardmodelle kosten um die 8.000 Euro“. Allein das ist schon eine stattliche Stange Geld, doch aufgrund Waldes kleiner Körpergröße, musste eine Spezialanfertigung her. „Die kostet dann schon mal das Doppelte, hält dafür aber auch lebenslang“.

In den Niederlanden, einer der Hochburgen ihrer Sportart, wurde sie dann in Daniel Fenn und dem Unternehmen Intercitybike fündig. „Ich habe ihm einen Weltrekord versprochen, das war mein Köder“. Und am dazugehörigen Haken zappelte der „Bayer in Holland“, mit dem sie mittlerweile auch privat liiert ist, wenig später. In Waldes kurz zuvor in Neu-Weil selbst erbautem Eigenheim legte der Sportenthusiast los. „Er hat bei seinem ersten Besuch nach unserem Kennenlernen direkt in meinem Wohnzimmer gearbeitet“. Augenscheinlich mit Erfolg, denn nur eine Woche später ging es dann auf dem Lausitzring schon ums Ganze: Der erste und schlussendlich auch gleich erfolgreiche Weltrekordversuch stand an.

Zwölf Stunden lang gab die „Rampensau“ Gas. Im Schnitt mit 48,9 km/h düste Walde über die Rennstrecke, gute 585 Kilometer später war das Unterfangen geglückt. Einen Zwischenstopp zum Reifenwechsel ließ sie einfach ausfallen. „Ich hatte meinen Rhythmus gleich gefunden und dann auch gehalten. Das ist generell eine große Stärke von mir, die vielleicht auch mit meinem Beruf zusammenhängt“.

Positiver Schmerz

Ihr Geld verdient Walde, die in Hamburg aufgewachsen ist, als Fagottspielerin beim Polizeiorchester in München. Als weiteres großes Plus bescheinigt sie sich eine gute Druckresistenz, die gerade bei Rennen wichtig sei und das Erkennen und Auskommen mit ihrer Schmerzgrenze. „Ich liebe es, wenn Sport auf eine positive Art weh tut“. Ihrem ersten Erfolg ließ sie ein erfolgreiches Debüt auf der Radrennbahn in Öschelbronn folgen, verbunden mit vielen neuen Erfahrungen im Umgang mit ihrem Gefährt. Entsprechend gerüstet gelang dann auch bei der Weltmeisterschaft in Belgien der große Coup: In sämtlichen Disziplinen schlug sich die Newcomerin bravourös und fuhr auf der extra gesperrten Straßenstrecke der Konkurrenz davon.

Nachdem die zweite Sprintwertung ausfallen musste, da die Messanlage Langfingern zum Opfer gefallen war, stand das energiegeladene Fliegengewicht vorzeitig als neue Titelträgerin fest. Zwei erste Plätze im Straßenrennen und Rang drei im ersten Sprintdurchgang ermöglichten den Sprung ganz oben auf das Treppchen der Gesamtwertung. Doch die Ziele gehen ihr freilich nicht aus: „Als nächstes möchte ich den Weltrekord über 24 Stunden in Angriff nehmen. Das stellt eine wirklich große Herausforderung für mich dar“.

Ihr Training absolviert sie dabei weiterhin vornehmlich auf dem Arbeitsweg. Praktisch, denn auch wenn man es nicht ganz glauben mag, attestiert sie sich einen ausgewachsenen Schweinehund als größtes Handicap. Dabei ist sie nicht auf Radwegen, sondern der Straße unterwegs. Ausdrücklich legalerweise, denn „für Radwege bin ich zu schnell und wäre eine Gefahr für die anderen Verkehrsteilnehmer“. Dennoch war es ihr zunächst natürlich etwas mulmig, als sie erstmals in liegender Position einem LKW begegnete. „Doch übersehen worden bin ich eigentlich noch nie. Mit einer Ausnahme auf einem Parkplatz, das ist aber glimpflich ausgegangen. Außerdem bin ich es ja gewohnt, immer die Kleinste zu sein“. Neben dem doch recht rasanten Reisetempo bietet das Velomobil noch weitere Vorzüge: Vor Wind und Wetter ist guter Schutz geboten und auch wenn die Haube am Anfang noch gewöhnungsbedürftig ist, habe man eine gute Aussicht. „Außerdem ist die liegende Position natürlich im Vergleich zum herkömmlichen Rad sehr angenehm, wenn man nicht gerade stundenlang auf dem Steißbein sitzt“.

Die mit ihrer Sportart verbundenen Kosten, die durch Anreisen, Material, Teilnahmegebühren und dergleichen anfallen, habe man auch als Weltmeisterin selbst zu tragen. „Doch durch den Status als Randsportart spielen auch negative Begleiterscheinungen wie Doping dankenswerterweise keine Rolle.“ Die Zutaten für eine erfolgreiche Vita stammen im Velomobil also nicht aus dem Chemielabor, sondern sind ausschließlich in Ausdauer, Motivation und Ehrgeiz zu finden. Und davon hat Nicola Walde weiterhin reichlich. Als sie in Richtung Arbeit aufbricht, versammelt sich bereits wieder eine kleine Schar Neugieriger um ihren Parkplatz.

Rasso Schorer

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