Atomlobby fehlt ein Sprachrohr

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Der Castor-Transport holte wieder tausende Atom-Gegner auf die Straßen.

Berlin - Die Castor-Debatte zeigt es: Die Atomlobby kommt nicht aus der Defensive heraus. Intern wird ein Sprachrohr vermisst, das die Angriffe der Atomgegner erwidert. Friedrich Merz war mal ein Kandidat, winkte aber ab.

Zum Schluss gab es dann noch eine Demütigung. Immer wenn beim Castor-Transport die Atommüll-Behälter Richtung Gorleben rollen, ist auf den weißen Abdeckhauben “www.kernenergie.de“ zu sehen. Dann erreicht die Seite des Deutschen Atomforums mit die höchsten Zugriffszahlen. Wer aber während der letzten Castor- Kilometer die Internet-Seite anklickte, las nur: “Kernenergie - So sicher wie diese Webseite“. Atomgegner hatten die Seite gehackt und legten sie für fünf Stunden lahm. Wieder so ein unerfreulicher Hieb.

Castor: Proteste gegen den Atom-Müll-Transport

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Seit Wochen ist die Atomindustrie in der Defensive - hinter den Kulissen rumort es, führende Manager vermissen ein charismatisches Gesicht, dass den Vorwürfen und atomkritischen Studien von Greenpeace und Co. Argumente entgegensetzt. Bei Maybrit Illner im ZDF etwa wirkte der Präsident des Deutschen Atomforums, Eon-Manager Ralf Güldner, am Donnerstagabend hilflos gegen die wortgewaltigen Attacken des Kopfes der Anti-Atom-Bewegung, Jochen Stay. Der bärtige Sprecher von “ausgestrahlt“ eroberte gegen den freundlichen, argumentativ durchaus überzeugenden Güldner weit mehr Redezeit.

Einmal war angedacht, den früheren Unions-Fraktionschef Friedrich Merz (CDU) als Gesicht der Energiewirtschaft zu gewinnen, doch dieser winkte nach Angaben aus Branchenkreisen ab. Immerhin unterzeichnete er den Appell in diesem Jahr, mit dem Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in dutzenden Zeitungen zu einer vernünftigen Energiepolitik mit einer Verlängerung der Atomlaufzeiten aufgefordert wurde. Die Branche sehnt sich nach einem Politprofi, der das Spiel mit den Medien beherrscht. Der versucht, die Diskussionshoheit in der Atomdebatte zu erlangen.

Mit etwas Neid wird auf die Autoindustrie verwiesen, wo Ex- Verkehrsminister Matthias Wissmann (CDU) seit 2007 Chef des Verbandes der Automobilindustrie ist und die Branche recht erfolgreich nach außen repräsentiert, etwa als es um die Verteidigung der Abwrackprämie ging. “So einen Wissmann brauchen wir auch für unsere Branche“, heißt es. Offiziell will sich aber niemand äußern.

Das Pendant der Energiebranche, der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), wird von der Merkel-Vertrauten Hildegard Müller geführt. “Die ist ganz nett“, sagt ein Manager lediglich über sie. Allerdings muss Müller auch mannigfaltige Interessen unter einen Hut bekommen, das mindert die Schlagkraft. Der BDEW vertritt 1800 lokale, kommunale, regionale und überregionale Unternehmen. Von den vier Atomkonzernen RWE, Eon, EnBW und Vattenfall ist es vor allem RWE-Chef Jürgen Großmann, der es schafft, mit Verve die Positionen der Branche in der Öffentlichkeit zu verteidigen, aber ein übergeordneter Kopf, ein Chef-Lobbyist ist auch er nicht.

Besonders im Magen liegt der Branche die Schlagkräftigkeit von Organisationen wie der Deutschen Umwelthilfe oder Greenpeace, die als vermeintliche Gutmenschen leichter Gehör finden. Wenn etwa die Umweltschützer von Greenpeace in einer Studie behaupten, dass die Atombranche in Deutschland von 1950 bis heute 200 Milliarden Euro an Subventionen bekommen hat, kursiert diese Zahl erstmal, meist dauert es lange, bis die Plausibilität infrage gestellt wird. Ein weiteres Beispiel, das von Branchenvertretern als misslich empfunden wird: “Wenn ein Verbraucherschützer sagt, die Stromkonzerne sind alle Abzocker, haben wir keinen, der die Stimme erhebt.“

Der Geschäftsführer des Atomforums, Dieter H. Marx, betont, dass es nicht primär um ein Gesicht gehe. “Das Zeitdilemma ist das Grundsatzproblem unserer Branche.“ Während der Gegenseite fast jedes Kampfmittel recht sei und oft falsche Behauptungen in die Weltgesetzt würden, müsse die Atombranche erstmal fachlich und sachlich den Vorwürfen nachgehen. “Das kostet Zeit“, sagt Marx. “Manchmal liegen die Informationen leider erst nach Redaktionsschluss vor.“

dpa

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