Referendum am 23. Juni 2016

News-Blog zum Brexit-Referendum: Merkel hofft auf Verbleib in der EU

+
Österreichs Bundeskanzler Christian Kern und Angela Merkel bei ihrem Treffen in Berlin. 

London - Seit 8 Uhr morgens können die Briten wählen: Wollen sie in der EU bleiben? Einige Medien votieren klar dagegen, Börsenhändler setzen offenbar auf einen Verbleib. Umfragen zufolge wird es ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

  • Am heutigen Donnerstag, 23. Juni 2016, stimmen die Briten über den Brexit ab. Hier geht's  zu unserem Live-Ticker: Wir berichten die ganze Nacht über den Ausgang des Brexit.
  • Nachdem die Umfragen in den vergangenen Monaten eher auf einen EU-Ausstieg hingedeutet hatten, machen neuere Studien dem Lager von Premierminister David Cameron wieder Hoffnung.
  • Die Gründe für den vermeintlichen Stimmungsumschwung im Vereinigten Königreich könnten mit dem Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox zusammenhängen. Ein Mann mit möglicherweise nationalistischer Gesinnung hatte sie eine Woche vor dem Referendum umgebracht. 
  • Die Folgen eines Brexits sind nach wie vor nicht vorhersehbar. Hier gibt es die Top-News dazu.
  • >>>Aktualisieren<<<

    +++ "Wir werden die Ersten sein, die gehen. Und die anderen europäischen Länder werden uns folgen", sagt eine Brexit-Befürworterin. "Die Leute haben nicht verstanden, wie schrecklich es wird, wenn wir austreten", sagt hingegen eine Gegnerin. Die Stimmen vom Referendum gibt's hier. 

    +++ Die Bundeskanzlerin warnt vor hektischen Reaktionen auf das britische EU-Referendum. Europa solle das Ergebnis „gemeinsam und auch in Ruhe“ beraten, sagte Merkel nach einem Treffen mit ihrem neuen österreichischen Kollegen Christian Kern am Donnerstag in Berlin.  

    Kern warnte vor Untergangsstimmung. „Die Nachricht vom Untergang Europas ist doch reichlich übertrieben“, sagte er in Anspielung auf ein Zitat von Mark Twain. Zugleich machte Kern deutlich, dass aus seiner Sicht die Frage besprochen werden müsse, „wie wir Solidarität in Europa definieren“. So dürfe es kein Sozialdumping geben durch die Entsendung von Arbeitskräften.

    Brexit-Referendum: Wahlkampf auf allen Kanälen

    +++ In den sozialen Medien versuchen beide Lager, die Wahl für sich zu gewinnen. Unter den Befürwortern eines EU-Verbleibs, den Anhängern von "Stronger In," kursiert das Video der 83-jährigen Sheila Hancock. Darin erklärt sie, warum Großbritannien unbedingt in der EU bleiben müsse. Das sind ihre Argumente:  

    Für Brexit-Befürworter Nigel Farage hingegen ist am heutigen Donnerstag die Gelegenheit gekommen, "to take back control of our country", also die Kontrolle über das eigene Land wieder zurückzugewinnen. So wirbt er in einem kurzen Spot für seine Sache:

    +++ Will lieber gehen: Schauspielerin Liz Hurley. Am Mittwoch postete sie ein (Fast-)Nacktbild auf Twitter und schrieb, sie sei für den Brexit. Sie verspreche aber, nach der Entscheidung weder zu jammern noch sich zu brüsten. Egal, was die Überzeugung der Leute sei: "Vote", schrieb sie, "wählt!"

    +++ Jetzt meldet sich auch nochmal die deutsche Bundeskanzlerin zu Wort: Erneut äußerte Angela Merkel (CDU) am Donnerstag ihre Hoffnung auf einen Verbleib des Landes in der EU. "Wir wünschen uns natürlich eine Entscheidung, (...) bei der Großbritannien Teil der Europäischen Union bleibt", sagte Merkel während einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Österreichs Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) in Berlin. 

    Merkel stellte klar, dass sie unabhängig von dem Ausgang der Abstimmung in Großbritannien auch in Zukunft auf ein vereintes Europa und die Zusammenarbeit aller EU-Mitgliedstaaten setzt. "Ich halte nichts davon, jetzt in Untergruppen zu verfallen", sagte sie angesichts von Diskussionen über Konsequenzen für die weitere Zusammenarbeit in der EU auch bei einem Verbleib der Briten. Zwar müsse es immer mal wieder gesonderte Überlegungen für den Euro-Raum geben. "Aber insgesamt glaube ich, müssen die Beratungen jetzt möglichst mit 28 weitergeführt werden und ansonsten mit allen Staaten, also mit 27", fügte die Kanzlerin hinzu. Sie hoffe aber, dass "es vielleicht doch auch 28 bleiben können".

    +++ "Should I stay or should I go?" Dieses gestrige Video von "Spiegel Online" zeigt, wie die Fahrgäste eines Londoner U-Bahn-Waggons sich entscheiden würden. Das Ergebnis ist eindeutig.

    Viele Bürger gedenken der kürzlich ermordeten Abgeordneten

    Blumen für die ermordete Abgeordnete Jo Cox vor einem Wahllokal in Batley.

    +++ Der mutmaßliche Mörder der britischen Pro-Europa-Abgeordneten Jo Cox wird im November wegen Mordes vor Gericht gestellt. Der Prozess werde voraussichtlich am 14. November beginnen, gab das Strafgericht Old Bailey nach einer Anhörung am Donnerstag bekannt. Bei einer ersten gerichtlichen Befragung sagte er auf die Frage, wie er heiße: „Tod den Verrätern, Freiheit für Großbritannien“. Die Polizei prüft auch Hinweise, wonach der Angeklagte psychische Probleme habe und früher bereits entsprechende Hilfe in Anspruch genommen habe.

    Der Tod der 41 Jahre alten Abgeordneten vor einer Woche hatte das Land schockiert und den Wahlkampf für das EU-Referendum zeitweise ruhen lassen.  

    "Queuing" trotz schlechten Wetters - Briten stehen Schlange vor den Wahllokalen

    +++ Trotz schlechten Wetters haben sich beim EU-Referendum lange Schlangen vor Wahllokalen gebildet. Wähler hätten geduldig in langen Reihen gewartet, um in Schulen, Kirchen oder Einkaufszentren ihre Stimme abzugeben, berichtete die britische Nachrichtenagentur PA am Donnerstag. In der Nacht hatte es in London und im Südosten des Landes teils heftige Regenfälle und Gewitter gegeben. In der Hauptstadt hätten einige Wahllokale wegen Überflutungen geschlossen und in Ausweichquartiere verlegt werden müssen.

    Betroffen seien vor allem Wahllokale im Stadtteil Kingston, berichtete die Agentur PA. Weitere Wahllokale seien schwer zu erreichen, hieß es. Auch die weiteren Wetteraussichten für Donnerstag sind nicht gut.

    Eine riesige Pfütze vor einem Wahllokal in Chelsea, West-London.

    +++ Genau am Tag des Brexit-Referendums ist in Großbritannien eine neue Umfrage veröffentlicht worden - ihr zufolge lagen die EU-Befürworter knapp vor den Gegnern der EU-Mitgliedschaft. In der am Donnerstag von der Zeitung "Evening Standard" veröffentlichten Umfrage des Instituts Ipsos MORI sprachen sich 52 Prozent der Befragten für den Verbleib des Landes in der EU aus, 48 Prozent waren für den Brexit. Die Befragung wurde am Dienstag und am Mittwoch vorgenommen. 

    +++ Bleiben die Briten in der EU oder treten sie aus? Klar ist: Sollte der Brexit Realität werden, könnte Premierminister David Cameron schnell zurücktreten. Sehr schnell.

    +++ Der tschechische Ministerpräsident Bohuslav Sobotka ruft die Briten zum Verbleib in der Europäischen Union (EU) auf. „Es wäre ein großer Fehler des demokratischen Westens, wenn er sich aufspalten und einem alten Nationalismus zuwenden würde, statt wie bisher zusammenzuarbeiten“, sagte der Sozialdemokrat am Donnerstag.

    Tschechien habe einer „ganzen Reihe von oft schmerzhaften Zugeständnissen“ zugestimmt, um die Ängste der Briten vor der künftigen Entwicklung der EU zu zerstreuen. Zuvor hatte Sobotka bereits Forderungen nach einem „Czexit“-Referendum - also einer Volksabstimmung in Tschechien über einen EU-Austritt des Landes - für den Fall eines Neins der Briten zur EU kritisiert.

    Nach Angaben des tschechischen Botschafters in London wären bis zu 100 000 Tschechen von einem Brexit betroffen, die in Großbritannien leben und arbeiten. 

    Historisches EU-Referendum: Nun haben die Briten die Wahl

    Vorwiegend junge Leute sind für die EU-Mitgliedschaft

    +++ In or out? Drinbleiben oder Rausgehen? Das ist die Frage. Viele Briten glauben, dass es ein denkbar knappes Ergebnis wird. Die britische Gesellschaft zeigt sich am Wahltag tief gespalten. Dass sich das am Tag nach dem Referendum ändern wird, scheint zweifelhaft.

    „Ich habe für den Verbleib in der EU gestimmt und ich glaube, dass wir mit einer knappen Mehrheit gewinnen werden“, sagt der 22-jährige Ian, Werbefachmann aus dem Südosten Londons: Was ihn so optimistisch macht? „Die jungen Leute sind überwiegend für die EU-Mitgliedschaft.“ Sie werden dieses Mal zur Wahl gehen, trotz Regen, da ist er sich sicher. „Es steht einfach zu viel auf dem Spiel“, sagt er.

    "Chelsea pensioners" auf dem Weg ins Wahllokal: Die ehemaligen Mitglieder der British Army wohnen im Seniorenheim Royal Hospital Chelsea.

    Ähnlich optimistisch sind Robin und Rose Bambrough - allerdings genau für die andere Seite. Die beiden Rentner haben für einen Austritt aus der EU gestimmt. Vor allem wegen der Einwanderer. „Es sind einfach zu viele“, sagt der 75-jährige Robin Bambrough. Das Stadtviertel habe sich in den vergangenen Jahren immer mehr zum Nachteil verändert. „Schauen Sie doch nur, wie es hier aussieht“, sagt er und zeigt auf Plastiktüten und anderen Müll, der über die Straße verteilt ist. Verantwortlich seien dafür vor allem Einwanderer aus Rumänien und Bulgarien, glaubt er.

    Erst recht wütend hat die beiden die Warnung von Premierminister Cameron und Finanzminister George Osborne gemacht, im Falle eines Brexits könnten die Renten gekürzt werden. „Da haben viele gesagt: jetzt erst recht“, meint die 74-jährige Rose Bambrough.

    „Das Beste an der Debatte über den sogenannten Brexit war die Debatte selbst“

    +++ Bundespräsident Joachim Gauck hat davor gewarnt, nach der Abstimmung der Briten über einen EU-Austritt einfach zur Tagesordnung überzugehen. „Wir sollten aus der Krise Lehren ziehen und weiter diskutieren, wie wir in Europa leben wollen“, sagte Gauck am Donnerstag in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. „Das Beste an der Debatte über den sogenannten Brexit war die Debatte selbst“, sagte Gauck. Sie habe Unmut über die Europäische Union ans Licht gebracht, der zuvor im Verborgenen geschwelt habe.

    Vor Schülern und Studenten an der Universität von Sofia sagte Gauck, die Vorstellung eines „immer engeren Europas“ würde viele überfordern. Auch durch die Brexit-Debatte spürten nun viele Politiker, „dass man auch zu viel Tempo einschlagen kann“. Die Botschaft sei: „Übertreibt es nicht mit der allzu schnellen Vereinigung“. Gauck fügte aber hinzu: „Ich glaube nicht, dass wir mit einem Zerfallsprozess in Europa zu rechnen haben.“

    "Brexit" oder "Bremain": Wetten, dass...?

    +++ In die Quoten der Buchmacher zum EU-Referendum ist am Donnerstagvormittag nochmals deutlich Bewegung gekommen. Am Mittag wurden auf der Wettbörse Betdaq für einen Verbleib der Briten in der EU für 1 Pfund nur noch 1,17 Pfund gezahlt. Die Quote signalisiert damit eine Wahrscheinlichkeit von etwa 85 Prozent für ein „Remain“ - also den Verbleib in der EU - und im Umkehrschluss ein Brexit-Risiko von nur noch rund 15 Prozent. Am Morgen lag dieses noch gut 10 Prozentpunkte höher.

    +++ Während die Briten ernsthaft überlegen, ob sie einen Brexit wollen, überlegen Redakteure der BR-Sendung "Quer" vermutlich nicht ganz so ernsthaft, wie der Austritt weiterer Länder aus der Europäischen Union heißen könnte. Ö-xit oder Pol-exit - was klänge schöner? 

    +++ Ein Brexit hätte viele Folgen, politische, wirtschaftliche und soziale. Für eine sehr spezielle Gruppe, Fans der Serie "Game of Thrones", könnte er sich nachteilig auswirken: Ohne EU-Gelder wäre der Drehort Nordirland vielleicht weniger attraktiv, mutmaßt die britische Zeitung "The Independent".  

    Vorbild Brexit: Will Erdogan jetzt auch ein Referendum?

    +++ Vor dem Hintergrund des Brexit-Referendums hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan eine Volksabstimmung über die Fortsetzung der Beitrittsgespräche zwischen der Türkei und der EU ins Spiel gebracht. In einer Rede am Mittwochabend in Istanbul kritisierte Erdogan laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Anadolu die lange Dauer der Beitrittsgespräche mit Brüssel und schlug vor, das türkische Volk zu befragen. "Wir können die Leute fragen, so wie es die Briten tun", sagte er. "Wir werden fragen: Wollen Sie die Verhandlungen mit der Europäischen Union fortsetzen oder nicht?"  

    +++ Die Brüsseler Institutionen und die EZB haben sich intensiv auf die Zeit nach dem Brexit-Referendum eingestellt - auch wenn alle hoffen, dass der EU-Austritt nur eine Befürchtung bleibt. Was genau diese Vorbereitungen beinhalten, lesen Sie hier.

    +++ "Ein Brexit wäre für die Briten ein Verlust" - so lautet die Einschätzung des amerikanischen Politik-Professors James W. Davis, der in St. Gallen Internationale Politik lehrt. Die "tz" hat ihn interviewt

    +++ Der britische Labour-Chef Jeremy Corbyn hat sich bei der Stimmabgabe zum EU-Referendum demonstrativ zuversichtlich gezeigt. „Es ist ein guter Tag“, sagte er am Donnerstag im Londoner Stadtteil Islington. Zum erwarteten knappen Wahlausgang meinte der Pro-EU-Kämpfer: Man könne entweder den Finger in den Wind strecken oder die Buchmacher befragen. „Die Buchmacher liegen meistens richtig“, meinte er mit Blick auf die Wetten, die auf einen Sieg des Pro-EU-Lagers setzen.

    +++ Ohne viele Worte an wartende Journalisten hat der britische Premierminister David Cameron seine Stimme beim EU-Referendum abgegeben. „Guten Morgen“ war das Einzige, was er sagte, als er am Donnerstag gemeinsam mit seiner Ehefrau Samantha in der Nähe von Downing Steeet 10 zur Wahlurne ging. Nicht einmal zum schlechten Wetter wollte sich der Premier äußern, berichtete die britische Nachrichtenagentur PA.

    Überflutete Straßen könnten den Zugang zu Wahllokalen erschweren

    +++  Britische Wähler in London und im Südosten des Landes müssen beim EU-Referendum mit schlechtem Wetter, Regen und Überflutungen kämpfen. Allein in der Hauptstadt dürfte am Donnerstag innerhalb weniger Stunden soviel Regen wie ansonsten in einem Monat fallen, warnten Meteorologen.

    Bereits in der Nacht gab es in der Hauptstadt und der Umgebung schwere Gewitter mit Starkregen. Es gebe Berichte über überflutete Straßen, der Zugang zu Wahllokalen könnte erschwert werden.

    Experten hatten zuvor spekuliert, eine geringe Wahlbeteiligung könnte ein Vorteil für das Austrittslager sein. Umfragen zufolge dürften sich das Pro-EU-Lager und die Brexit-Befürworter bei der Volksabstimmung ein enges Rennen liefern.

    So sieht Karikaturist Kava Mar den Brexit: als eine Blindfahrt Richtung Abgrund.

    +++ Anders als bei Parlamentswahlen wird es im Anschluss im Fernsehen keine Hochrechnungen geben. Denn wegen mangelnder Vergleichsdaten gibt es keine offiziellen Nachwahlbefragungen, da die Prognosen nicht aussagekräftig wären. Einige Hedgefonds und Banken haben angebliche private Nachwahlbefragungen in Auftrag gegeben, damit sie noch während der Öffnung der Wahllokale ihre Geschäfte nach diesen Prognosen ausrichten können. Gibraltar eingeschlossen gibt es 382 Auszählungsbezirke, die im Laufe der Nacht zum Freitag ihre Ergebnisse verkünden werden. Aus Sunderland in Nordostengland und Wandsworth in London werden vermutlich gegen 01.30 Uhr (MESZ) die ersten Resultate eingehen. 

    Eine erste große Welle an Ergebnissen wird vermutlich gegen 03.00 Uhr folgen. Schon vorher ist mit der Bekanntgabe der Wahlbeteiligung zu rechnen. Je höher sie ist, um so mehr Hoffnung können sich die EU-Befürworter machen. Das Endergebnis wird am Freitag erst nach Auszählung aller Bezirke erklärt. Die Verkündigung erfolgt im Rathaus von Manchester.

    Wie geht es nach dem Brexit-Referendum weiter? Ein Fahrplan

    +++ Nigel Farage, Chef der rechtspopulistischen britischen Ukip-Partei, gibt sich am Donnerstag siegessicher. Das Brexit-Lager habe eine „sehr starke Chance“, sagte er zum Wahlauftakt. Aber es hänge alles von der Wahlbeteiligung ab, sagte er vor seinem Haus in der Grafschaft Kent der Nachrichtenagentur PA.

    Farage gehört zu den Wortführern im Austrittslager. Kritiker werfen ihm vor, mit seinem Kampf gegen Migration Ängste vor Fremden und Ausländern zu schüren. Laut Umfragen ist der Ausgang des Referendums völlig offen. Erste Ergebnisse werden am frühen Freitagmorgen erwartet.

    +++ Nicht alle britischen Zeitungen berichten neutral. Während der "Daily Mirror" dazu aufruft, für den EU-Verbleib zu stimmen, ruft der "Daily Express" mit großen Lettern zum Brexit auf. Die Boulevardzeitung "Sun" kündet sogar schon vom britischen "Independence Day", Unabhängigkeitstag.

    +++ Für viele EU-Politiker ist klar: Wie auch immer das britische EU-Referendum ausgehen wird - ein „Weiter so“ dürfe es nicht geben. Gelegenheiten zum Nachdenken darüber, wie es zur aktuellen Krise kommen konnte und was schief läuft in der Union gibt es in den kommenden Tage einige. Wie geht es weiter nach dem Referendum? Den Fahrplan gibt's hier.

    +++ Die US-Ratingagentur Standard&Poor's will Großbritannien im Falle eines EU-Austritts die Bestnote für seine Kreditwürdigkeit entziehen. "Wenn Großbritannien sich im EU-Referendum am Donnerstag für einen Brexit entscheiden sollte, dann wäre das AAA-Kreditrating fällig und würde innerhalb kurzer Zeit danach zurückgestuft werden", sagte Moritz Kraemer, Managing Director und Global Chief Rating Officer Sovereign Ratings bei S&P, der "BILD"-Zeitung (Donnerstag).

    Dax-Anleger und Händler setzen auf Verbleib in der EU

    +++ Das britische Pfund ist auf ein Jahreshoch gegenüber dem Dollar gestiegen. In Tokio entsprach ein Pfund wenige Stunden vor Öffnung der britischen Wahllokale kurzzeitig 1,4844 Dollar. So stark war die Währung das ganze Jahr über noch nicht. Auch gegenüber dem Euro legte das Pfund im Vergleich zum Mittwoch zu. Nach Ansicht von Analysten setzen die Händler mehrheitlich darauf, dass die Briten für einen Verbleib ihres Landes in der EU stimmen. Ein solches Ergebnis sei bereits "fast komplett eingepreist", erklärte Angus Nicholson vom Finanzunternehmen IG. 

    Dennoch seien die Märkte "unglaublich nervös" und sprunghafte Kursentwicklungen seien in den nächsten 24 Stunden "wahrscheinlich". Die Buchmacher des Landes halten allerdings einen Verbleib in der EU für das deutlich wahrscheinlichere Szenario. "Das Pfund bewegt sich parallel zu den Einschätzungen der Buchmacher", sagte Masafumi Yamamoto von Mizuho Securities der Nachrichtenagentur Bloomberg.

    +++ Die Anleger am deutschen Aktienmarkt setzen auf einen Verbleib der Briten in der EU und haben am Donnerstag weiter Aktien gekauft. Am Tag der Volksabstimmung in Großbritannien startete der Dax den nunmehr fünften Tag in Folge mit Gewinnen und legte zuletzt um 0,88 Prozent auf 10 160,00 Punkte zu. Seit seinem letzten Tief vor einer Woche hat der Dax damit inzwischen 7,7 Prozent gut gemacht.

    +++ Erwägen die Briten ernsthaft einen Abschied von der Europäischen Union? Wenn ja, würde das unabhängig vom Ergebnis auf Eines hinweisen: dass die grandiose Idee eines vereinigten Europa in höchster Gefahr schwebt, im Regal der Geschichte mit dem Etikett „Fehlschlag“ zu enden. Ein Kommentar von Merkur-Redakteur Lorenz von Stackelberg.

    Barbara House aus Oxford gießt am Morgen des Referendums ihre Blumen. Sie unterstützt den Brexit.   

    +++ Seit 08.00 Uhr (MESZ) haben an diesem historischen Donnerstag die Wahllokale geöffnet. 46,5 Millionen Briten haben sich als Wähler registrieren lassen. Bis zuletzt warben Gegner und Befürworter des Austritts eindringlich um Stimmen. Wie entscheiden sich die Briten?

    Der Mittwochabend vor dem Brexit-Referendum

    +++ Nicht viel Ahnung vom Thema, aber dennoch eine Meinung: Der voraussichtliche republikanische US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump hat zugegeben, sich nicht näher mit der Brexit-Frage befasst zu haben - empfiehlt den Briten aber gleichwohl den EU-Austritt. "Dies ist einfach mein Gefühl", sagte der Immobilienmogul am Mittwoch in einem Fernsehinterview.

    +++ Der Dax legte am Mittwoch den vierten Tag in Folge zu und ging am Ende mit einem Kurs-Plus von 0,55 Prozent auf 10 071,06 Punkte über die Ziellinie.

    +++ 15 Stunden vor Öffnung der Wahllokale zum britischen Brexit-Referendum haben auf dem Londoner Trafalgar Square und in ihrem Heimatort Batley Tausende der ermordeten Labour-Parlamentarierin Jo Cox gedacht, die sich zu Lebzeiten für ein Verbleib Großbritanniens in der EU ausgesprochen hatte. Cox' Ehemann Brendan trat als einer der Redner bei der bewegenden Feier im Zentrum Londons auf. „Sie war Politikerin und sie hatte sehr eindeutige Sichtweisen. Und ich glaube, dass sie wegen dieser eindeutigen Sichtweisen getötet wurde“, sagte er. In dem Land wird darüber diskutiert, ob der Tod von Cox dem „Remain“-Lager genutzt haben könnte, das für den Verbleib in der EU ist. In Umfragen hatte sich eine entsprechende Tendenz nach dem Verbrechen verstärkt.

    +++ Ein enges Rennen bahnt sich an. Wir haben noch einmal das Für und Wider eines Brexits zusammengestellt.

    Große EU-Staaten geschlossen gegen Brexit

    +++ Die Briten stimmen nach Einschätzung des französischen Präsidenten François Hollande beim EU-Referendum auch über das Schicksal der EU ab. „Es steht mehr als die Zukunft Großbritanniens in der Europäischen Union auf dem Spiel, es geht um die Zukunft der Europäischen Union“, sagte Hollande am Mittwoch in Paris. Für die kommende Woche kündigte er unabhängig vom Ausgang der britischen Volksabstimmung einen Besuch in Berlin an.

    +++ Kaum ein Land lässt Zweifel daran, dass ein EU-Austritt Großbritanniens falsch wäre. Einen Tag vor dem Brexit-Referendum hat auch die Türkei wiederholt massiv für einen Verbleib des Königreichs in der Europäischen Union geworben. Er wolle "um jeden Preis", dass Großbritannien in der EU bleibe, sagte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu am Dienstag. "Ein Austritt hätte ohne Zweifel negative Auswirkungen."

    +++ In London haben Franzosen und auch Briten Liebesbriefe gegen den Brexit verteilt. Der Namen der Kampagne: "Opération Croissant". Die Gruppe reiste von Paris nach London und verteilte am Bahnhof King's Cross handschriftliche, auf Englisch verfasste Postkarten von Pariser Bürgern. Mehr dazu hier.

    +++ Nun meldet sich Angela Merkel zu Wort. Die Bundeskanzlerin wirbt für ein britisches "Ja" zu Europa. „Ich wünsche mir, dass natürlich Großbritannien in der Europäischen Union verbleibt“, sagte Merkel am Mittwoch bei einem Treffen mit der polnischen Ministerpräsidentin Beata Szydlo in Berlin. Zugleich betonte sie erneut: „Aber es ist eine Entscheidung der Bürgerinnen und Bürger Großbritanniens.“

    Szydlo sagte: „Wir glauben fest daran, dass die Briten bleiben wollen. Aber das ist eine souveräne Entscheidung der Briten selbst.“ Auf die Frage nach den Folgen eines Brexit antwortete sie: „Eine Europäische Union ohne das Vereinigte Königreich ist eine EU, die ihr Funktionieren etwas umkrempeln muss. Wir müssten uns dazu dann unterhalten.“

    Die Brexit-Angst geht um

    +++ Bricht jetzt die große Brexit-Panik aus? Vielen Briten wird offenbar mulmig. Kurz vor der Brexit-Entscheidung stürmen sie in Banken und tauschen Pfund gegen Euro und Dollar. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. 

    Das britische Pfund habe demnach in den vergangenen Woche stark an Wert verloren. Ein Brexit könnte die Talfahrt der Währung beschleunigen. Daher ist die Nachfrage nach Euro und Dollar bei vielen Briten stark gestiegen.

    Der Euro hat einen Tag vor der Brexit-Abstimmung in Großbritannien zugelegt. Am späten Mittwochnachmittag kostete die Gemeinschaftswährung 1,1310 US-Dollar, nachdem sie im asiatischen Handel deutlich weniger als 1,13 Dollar gekostet hatte. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs gegen Mittag auf 1,1283 (Dienstag: 1,1314) Dollar fest. Der Dollar kostete 0,8863 (0,8839) Euro.

    +++ Die Angst geht um bei Italiens Prosecco-Produzenten: Was passiert mit den Schaumwein-Umsätzen, wenn Großbritannien die EU verlässt? Das Land ist mittlerweile Hauptabnehmer für die sprudelnden Getränke, wie der italienische Agrarverband Coldiretti erklärt. "Der Brexit könnte eine Abwertung des Pfunds auslösen und damit die Handelsbeziehungen ernsthaft schädigen", fürchtet der Verband.

    Allein im ersten Quartal 2016 legte der Absatz italienischer Schaumweine in Großbritannien um satte 38 Prozent zu. Dieses Jahr könnten die Umsätze 600 Millionen Euro übersteigen - vorausgesetzt, das Referendum über den EU-Verbleib der Briten am Donnerstag bringt nicht alles durcheinander.

    +++ Auch die Österreicher würden das Königreich vermissen - zumindest einige. Einer von ihnen ist Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP). Der sieht in Großbritannien in vielerlei Hinsicht einen Gewinn. Ein Europa ohne die Briten wäre „definitiv wirtschaftspolitisch, außenpolitisch und sicherheitspolitisch wesentlich schwächer als heute“, sagte Kurz dem Nachrichtensender n-tv. Auch ideologisch fiele der Verzicht auf Großbritannien schwer. „Die Briten legen oftmals den Finger auf die Wunde“, meinte Kurz am Mittwoch. Sie plädierten für Europa als einem starken Wirtschaftsraum und träumten nicht nur von der Sozialunion. „Und ich glaube, das tut uns ideologisch in der Debatte sehr gut und würde uns massiv fehlen, wenn sie die Europäische Union verlassen würden.“

    Bei Brexit: Fußballer Huth und Can mit Problemen in Premier League

    +++ EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat nicht die Absicht, bei einem Austritt Großbritanniens aus der Union von seinem Amt zurückzutreten. "Die Antwort ist nein", sagte ein Kommissionssprecher am Mittwoch in Brüssel. Er antwortete damit auf eine Frage, ob Juncker eine Entscheidung der Briten für einen Austritt aus der EU zu einem Rückzug nutzen würde.

    Juncker schloss Nachverhandlungen mit Großbritannien nach der Volksabstimmung über den Verbleib in der Europäischen Union aus. "Britische Politiker und Wähler müssen wissen, dass es keinerlei Neuverhandlungen geben wird", sagte Juncker am Mittwoch. Er verwies dabei auf die bereits gegebenen Reformzusagen an Premier David Cameron für den Fall eines Verbleibs in der EU und fügte mit Blick auf die Brexit-Befürworter hinzu: "Draußen ist draußen."

    +++ Die Europäische Union muss nach Ansicht von Vizekanzler Sigmar Gabriel mit oder ohne Großbritannien dringend besser werden. „Egal, wie das Referendum ausgeht, ein „Weiter so“ darf es nicht geben“, sagte der SPD-Chef am Mittwoch der DPA. Es stehe zu viel auf dem Spiel, erläuterte Gabriel mit Blick auf Millionen arbeitsloser Jugendlicher in Europa und das Erstarken rechtspopulistischer Parteien. „Nach sieben Jahren Wachstums- und Beschäftigungskrise, die Europa auseinandergetrieben haben, brauchen wir dringend eine wirtschaftspolitische Wende.“

    Gabriel warnte davor, dies auf die leichte Schulter zu nehmen. „Viele sagen, Europa ist bislang durch jede Krise stärker geworden. Darauf sollten wir uns diesmal nicht verlassen.“ Es gehe jetzt nicht um das technokratische Drehen „an institutionellen Schräubchen“. Europas Politiker müssten zeigen, dass sie Alltagsprobleme der Bürger, massenhafte Jugendarbeitslosigkeit und wachsende Armut beseitigen können.

    +++ 1300 Konzernchefs warnen vor einem "ökonomischem Schock" im Falle eines Brexits, den vor allem kleinere Unternehmen und deren Beschäftigte zu spüren bekämen, schrieben die Konzernlenker in einem offenen Brief in der Zeitung "The Times". Zu den Unterzeichnern zählten unter anderem Virgin-Boss Richard Branson und US-Medienmogul Michael Bloomberg.

    +++ Ein Brexit hätte auch auf dieFußball-Teams auf der Insel Auswirkungen. Spieler mit einem Pass eines EU-Mitglieds dürfen bislang ohne Einschränkung für einen Club aus dem Vereinigten Königreich arbeiten. Dies wäre nach aktuellen Bestimmungen bei einem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union nicht mehr der Fall. Die Spieler würden dann wie Akteure aus einem Nicht-EU-Staat behandelt, diese müssen bereits jetzt strikte Kriterien einhalten. Diese Regeln wurden vom Innenministerium unter anderem auf Drängen des englischen Verbands FA zum Schutz einheimischer Spieler aufgestellt. Mindestens zwei deutsche Akteure wären stark betroffen.

    Umfrage-Wirrwarr im Königreich

    +++ Die Dax-Anleger sehen kaum noch eine Brexit-Gefahr. Der nahende Volksentscheid der Briten zum Verbleib in der EU jagt Anlegern keinen Schrecken mehr ein. Vielmehr macht sich Optimismus breit: Der Dax gewann am Mittwoch bis zur Mittagszeit 0,40 Prozent auf 10 055,87 Punkte und legte damit den vierten Tag in Folge zu.

    +++ News: Die Wahl-Prognosen ergeben ein ziemliches Durcheinander - und das bereits seit Tagen. Eine am Dienstag veröffentlichte Brexit-Umfrage des ORB-Instituts für die Zeitung „Daily Telegraph“ ergab 53 Prozent für das Pro-EU-Lager und 46 Prozent für die Brexit-Befürworter. Dagegen sah das Institut YouGov das Brexit-Lager knapp vorn: 44 Prozent von mehr als 1600 Befragten wollten demnach für einen EU-Austritt stimmen, 42 Prozent dagegen.

    +++ Bei einem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU fürchtet einer Umfrage zufolge mehr als ein Drittel der deutschen Industriefirmen negative Auswirkungen auf ihr Geschäft. Diese Sorge haben 38 Prozent der befragten Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes, wie das Münchner Ifo-Institut am Mittwoch mitteilte. Keine Auswirkungen erwarten demnach kapp 61 Prozent der Firmen, positive Folgen lediglich ein Prozent.

    Mit Sorge blicken vor allem Großunternehmen auf die Abstimmung über einen Brexit. Von den Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten rechnen 53 Prozent mit negativen Auswirkungen, wenn Großbritannien die EU verlassen sollte. Bei den im Exportgeschäft tätigen Unternehmen liegt der Anteil bei 41 Prozent.

    Cameron will auch bei Brexit im Amt bleiben

    +++ 24 Stunden vor der Brexit-Abstimmung zeigt sich der britische Premierminister David Cameron unsicher über den Ausgang. „Niemand weiß, was geschehen wird“, sagte er der Zeitung „Financial Times“. Er könne aber vor der Abstimmung am Donnerstag gut schlafen.

    Cameron bekräftigte, dass er in jedem Fall Premierminister bleiben wolle. Er bereue es nicht, dass er zu dem Referendum aufgerufen habe. Die Briten sollen mit ihrem Votum entscheiden, ob sie in der EU bleiben oder austreten.

    Mittlerweile Alfa-Chef: Bernd Lucke

    +++ Der bekennende Euroskeptiker Bernd Lucke hofft, dass sich die Mehrheit der Briten an diesem Donnerstag gegen den Brexit entscheiden werden. „Ein Austritt der Briten aus der Europäischen Union wäre ein Verlust für die Gemeinschaft, da sich vor allem die britischen Konservativen in der EU immer für freien Handel und für die Wahrung des Subsidiaritätsprinzips eingesetzt haben“, sagte der Europaabgeordnete. Ein Ausscheiden Großbritanniens hätte für Lucke nur einen Vorteil: „Es würde die EU zu einem Reformprozess zwingen, um einen weiteren Zerfall der Union zu verhindern.“ Mehr.

    +++ Einen Tag vor der dem entscheidenden Urnengang in Großbritannien befindet sich der Ölmarkt weiter vor den Folgen des Brexit-Referendums. Die Ölpreise sind am Mittwoch gestiegen. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im August kostete am Morgen 50,89 US-Dollar. Das waren 27 Cent mehr als am Vortag.

    +++ In der letzten großen TV-Debatte vor dem historischen Brexit-Referendum haben sich Gegner- und Befürworter eines britischen EU-Austritts mit schweren Vorwürfen überzogen. Londons Bürgermeister Sadiq Khan warf den Brexit-Fürsprechern eine Hasskampagne gegen Zuwanderer vor. Sein Amtsvorgänger Boris Johnson beschuldigte die Austritts-Gegner, bewusst Ängste vor den wirtschaftlichen Folgen eines EU-Austritts zu schüren. Die Umfragen sind kurz vor dem Showdown weiter nicht eindeutig. 

    Mittwoch, 22. Juni 2016: Ein Tag noch bis zum Brexit-Referendum

    Jean-Claude Juncker.

    +++ EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat die Briten zwei Tage vor ihrer Abstimmung über den Verbleib in der EU vor einer "Selbstbeschädigung" gewarnt. Den europäischen Nachbarn "den Rücken zuzuwenden" und sich in "Isolation zurückzuziehen" würde allem widersprechen, "wofür Europa und das Vereinigte Königreich stehen", sagte Juncker am Dienstag bei einer Versammlung griechischer Unternehmer in Athen. "Auszutreten wäre ein Akt der Selbstbeschädigung."

    Juncker, der sich in den vergangenen Monaten mit Meinungsäußerungen zum EU-Referendum in Großbritannien zurückgehalten hatte, sprach bei der Rede in Athen ein flammendes Plädoyer für den Verbleib Großbritanniens in der EU aus. "Allzuoft halten wir das für selbstverständlich, was wir aufgebaut haben", sagte der EU-Kommissionspräsident. Zu den Aufbauleistungen zählte er Frieden, Freiheit, Wohlstand und "eine Lebensart, um die uns die ganze Welt beneidet". Dies sei die Frucht von "geduldiger Arbeit von Generationen" - "wir hätten das ohne das britische Volk nicht erreicht", fügte Juncker hinzu.

    +++ Zwei Tage vor dem Referendum über den EU-Verbleib Großbritanniens hat Premierminister David Cameron an seine Landsleute appelliert, die "Hoffnungen und Träume" ihrer Kinder und Enkel in die Waagschale zu werfen. Wenn die Briten für den EU-Austritt stimmten, sei das "unumkehrbar", sagte Cameron am Dienstag vor seinem Amtssitz in der Londoner Downing Street. 

    Falls die Briten für den EU-Austritt stimmten, werde "die nächste Generation mit den Konsequenzen leben müssen", sagte der Premierminister, der sich nach einem langen Einsatz für EU-Reformen nun vehement für den Verbleib Großbritanniens in der EU engagiert. Ein Austritt aus der EU sei ein "großes Risiko für Großbritannien, für britische Familien, für britische Arbeitsplätze".

    +++ Das Interesse der britischen Bürger an der Abstimmung über den Verbleib in der Europäischen Union ist ausgeprägt: Seit Dezember ließen sich zwei Millionen Briten in die Wählerlisten eintragen, dort seien nun 46,5 Millionen Bürger verzeichnet, teilte die Wahlkommission am Dienstag mit. Die Zahl sei eine Hochrechnung aus Daten, die aus 382 Wahlkreisen eingegangen seien.

    Bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr, aus denen die Konservative Partei von Premierminister David Cameron als Sieger hervorging, gab es 46,35 Millionen eingetragene Wähler. Die Eintragung in die Brexit-Wählerlisten war um zwei Tage verlängert worden, nachdem am ursprünglichen Schlusstag, dem 7. Juni, im Meldesystem eine Informatikpanne aufgetreten war.

    +++ Die US-Notenbankchefin Janet Yellen vor den weltwirtschaftlichen Folgen eines Brexit gewarnt. Sollten sich die Briten für den Austritt aus der Europäischen Union entscheiden, hätte dies "erhebliche ökonomische Auswirkungen", sagte Yellen am Dienstag während einer Anhörung des Senats in Washington. Sie bezeichnete das Referendum als eines der größeren Risiken, mit denen die heimische sowie die globale Wirtschaft derzeit konfrontiert seien. Der drohende Brexit war auch einer der Gründe, warum die US-Notenbank bei ihrer Sitzung in der vergangenen Woche auf eine Zinserhöhung verzichtet hatte.

    Schulz warnt: "Wer geht, der geht"

    Martin Schulz.

    +++ EU-Parlamentspräsident Martin Schulz hat die Briten eindringlich vor den Folgen eines Austritts aus der Europäischen Union gewarnt. „Wer geht, geht“, sagte der SPD-Politiker dem „Tagesspiegel“ (Mittwoch). Nach den Worten von Schulz kann der führende Austrittsbefürworter Boris Johnson nicht darauf spekulieren, „nach einem Brexit auf Zeit zu spielen und eine möglichst gute Vereinbarung mit den EU-Partnern herauszuhandeln“.

    +++ Die Deutsche Bank sieht sich gerüstet für mögliche Turbulenzen im Zuge des britischen EU-Referendums in dieser Woche. „Die Tage rund um das Referendum werden für die Kapitalmärkte ein Härtetest. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass wir uns bei der Deutschen Bank gut darauf vorbereitet haben“, sagte Vorstandschef John Cryan am Dienstag in Berlin auf dem Wirtschaftstag des CDU-Wirtschaftsrates. „Und ich habe großes Vertrauen, dass auch die Notenbanken die Stabilität der Märkte genau im Blick haben.“

    +++ Vor dem Brexit-Referendum in Großbritannien hat Bundespräsident Joachim Gauck vor einem Rückfall auf nationalistische Positionen gewarnt. „Wir wollen nicht vergessen, welches Unheil der Nationalismus über Europa gebracht hat. Der Frieden in Freiheit ist in Europa keine Selbstverständlichkeit“, sagte er am Dienstag in der rumänischen Hauptstadt Bukarest. Die Europäische Union stecke in der Krise, sagte Gauck, dies sei aber kein Anlass zur Verzweiflung.

    Victoria und David Beckham wollen gegen Brexit stimmen

    +++ "Bitte bleibt, britische Freunde!" - Mit einer Art Liebeserklärung haben französische Konzerne die Briten aufgerufen, beim Referendum über einen Brexit für einen Verbleib ihres Landes in der EU zu stimmen. "Wir lieben euch, aber es geht ums Geschäft und nicht nur um die Liebe", heißt es in einem Appell, der am Dienstag in britischen Tageszeitungen abgedruckt wurde. "Die Arbeitsplätze von heute und die Investitionen von morgen - und damit die künftigen Jobs - hängen von einer dauerhaften und stabilen Verankerung Großbritanniens im EU-Binnenmarkt ab", schreiben die 34 Konzerne, unter ihnen der europäische Flugzeugbauer Airbus, der Reifenhersteller Michelin, der Telekommunikationskonzern Orange und der Energieriese Engie.

    "Ne nous quittez pas" (Verlasst uns nicht), endet der Brief auf Französisch, unterzeichnet von "vos amis français" - "euren französischen Freunden". 

    +++ Schwindende Brexit-Sorgen und die Aussicht auf weiter steigende Kurse an der Wall Street haben dem Dax am Dienstag wieder über die Hürde von 10 000 Punkten geschoben. Gegen Mittag gewann der deutsche Leitindex 0,64 Prozent auf 10 026,18 Punkte.

    +++ Knapp drei Millionen EU-Ausländer sind derzeit in Großbritannien gemeldet, darunter 133 000 Deutsche. Das teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag auf Basis von Daten der europäischen Statistik-Behörde Eurostat mit. Ihr künftiger Status werde vom Ausgang des Brexit-Referendums am Donnerstag abhängen. Nach Angaben des EU-Statistikamts leben derzeit rund 5,4 Millionen gemeldete Ausländer in Großbritannien.

    +++ Auch die Promis positionieren sich im Wahlkampf-Endspurt. Die englische Fußball-Ikone David Beckham hat sich für einen Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union ausgesprochen. "Für unsere Kinder und deren Kinder sollten wir die Probleme der Welt gemeinsam und nicht alleine in Angriff nehmen", schrieb der frühere Star von Manchester United bei Facebook.

    "Ich bin mit einer Kerngruppe von jungen britischen Spielern wie Ryan Giggs, Paul Scholes, Nicky Butt oder den Neville-Brüdern aufgewachsen", sagte der 41-Jährige. "Vielleicht hätten wir auch so Titel gewonnen, aber die Mannschaft wurde besser und erfolgreicher durch den dänischen Torhüter Peter Schmeichel, die Führungsqualitäten des Iren Roy Keane und das Können des Franzosen Eric Cantona."

    Und Beckham schrieb weiter: "Wir leben in einer florierenden und vernetzten Welt, in der wir gemeinsam stark sein können. Aus diesem Grund werde ich für einen Verbleib stimmen." Beckham kann allerdings auch die Gegner verstehen: "Ihre Meinung sollte respektiert werden. Was auch immer das Resultat des Referendums sein wird, wir werden immer großartig sein." Auch Davids Frau Victoria meldet sich zu Wort.

    Brexit: Deutsche Autobauer werden langsam unruhig

    +++ Der berühmte US-Investor George Soros hat vor schwerwiegenden Folgen eines Brexits gewarnt. Ein Austritt Großbritanniens aus der EU würde einen massiven Sturz des britischen Pfund auslösen. Ein „Schwarzer Freitag“ - ein Kurssturz an den Börsen - wäre die Folge, schrieb er in einem Gastbeitrag für die Londoner Zeitung „The Guardian“. „Zu viele glauben, dass ein Votum zum EU-Austritt keine Folgen auf ihre persönliche Finanzlage haben wird. Das ist Wunschdenken.“

    Viele Briten würden „die wahren Kosten“ eines Brexits schwer unterschätzen, betont Soros. Ein EU-Austritt hätte auch „sofortige und dramatische Auswirkungen auf Finanzmärkte, Investitionen, auf Preise und Jobs“.

    +++ Die deutschen Autobauer werden langsam unruhig. Bei einem EU-Austritt der Briten beginnt für sie eine gefährliche Wegstrecke

    BMW würde ein Brexit arg treffen.

    Auf der Insel dürften in diesem Fall Umsätze in Milliardenhöhe wegbrechen. „Wir sehen diese Branche dann in der Bredouille“, sagt BayernLB-Volkswirt Manuel Andersch. Vor allem BMW ist betroffen: Die Münchner verkaufen nicht nur mehr Autos im Vereinigten Königreich als Audi und Mercedes, sie haben auch noch vier Werke in England.

    Jeder siebte Wagen aus einer deutschen Autofabrik wird nach Großbritannien ausgeführt. Das Land ist nach China und den USA der drittgrößte Exportmarkt für die deutsche Autoindustrie.

    Dienstag, der 21. Juni: Noch zwei Tage bis zum Brexit-Referendum

    +++ Auch der Labour-Chef, eher ein Gegner der EU, ist für einen Verbleib Großbritanniens in der Staatengemeinschaft. 

    +++ Wenige Tage vor dem britischen Referendum über einen EU-Austritt lassen neue Umfragen den Ausgang völlig offen erscheinen.

    +++ Die Stimmung an der Wall Street hat sich am Montag angesichts verbesserter Chancen auf einen Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union (EU) wieder aufgehellt. Allerdings konnte der Dow Jones Industrial seine frühen Gewinne von rund eineinhalb Prozent nicht ganz verteidigen. Zum Handelsschluss notierte der US-Leitindex noch 0,73 Prozent im Plus bei 17 804,87 Punkten.

    In der vergangenen Woche hatte auch die Wall Street unter der Furcht der Investoren vor den möglichen Brexit-Folgen gelitten. Jüngste Umfragen deuteten nun aber auf Zugewinne des Pro-EU-Lagers hin, wenngleich es bei dem Referendum in Großbritannien an diesem Donnerstag nach wie vor nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aussieht.

    Die Sorgen der Investoren hätten in der vergangenen Woche einen Höhepunkt erreicht, sagte Marktexperte Daniel Saurenz von Feingold Research. Wer aus dem Markt raus wollte, sei raus gewesen. Entsprechend sei zum Wochenauftakt verstärkter Kaufdruck aufgekommen.

    Große Live-Debatte am Dienstag

    +++ Der mutmaßliche Mörder der Abgeordneten,Thomas M., wurde über eine Videoschalte vor dem zentralen Strafgericht Old Bailey in London befragt. Diesmal nannte er den Richtern seinen wirklichen Namen, wie der britische Sender BBC berichtete. Noch am Samstag hatte er vor einem niederen Gericht auf die Frage nach seinem Namen gesagt: „Tod den Verrätern. Freiheit für Großbritannien.“

    Der 52-jährige soll nach Medienberichten Kontakte zu einer Nazigruppe in den USA und zu einer südafrikanischen Rassistenorganisation gehabt haben.

    +++ Im Londoner Wembley-Stadion findet am Dienstag eine große Live-Debatte über die anstehende Brexit-Abstimmung statt (ab 21.00 Uhr MESZ). Bei der von der BBC übertragenen Diskussionsrunde treffen unter anderem der Londoner Bürgermeister und EU-Befürworter Sadiq Khan und sein Vorgänger Boris Johnson aufeinander. Johnson ist erklärter Gegner der britischen EU-Mitgliedschaft.

    Zu Gast sind in dem Stadion rund 6000 Zuschauer. Die Diskussionsrunde ist paritätisch nach Brexit-Gegnern und Befürwortern besetzt. Zuletzt lagen beide Lager in Umfragen wieder gleichauf. Die Brexit-Debatte steht auch im Zeichen des Mordes an der Labour-Politikerin Jo Cox. Die EU-Verfechterin war am Donnerstag auf offener Straße getötet worden. In der Folge stand das politische Leben einige Tage lang still.

    Vor der Abstimmung: Briten im Brexit-Fieber

    Brexit-Abstimmung: Türkische Diplomaten schalten sich ein

    +++ Brexit-News: Kurz vor dem EU-Referendum versuchen türkische Diplomaten, britische Ängste zu zerstreuen. Die türkische EU-Vertretung in Brüssel erinnerte am Montagabend über den Kurznachrichtendienst Twitter daran, dass die von Ankara angestrebte Visumfreiheit für türkische Bürger nur für den Schengen-Raum gelten würde - dem Großbritannien gar nicht angehört. „Kein Grund zu fürchten, dass Türken in die EU strömen“, schrieb die Vertretung. 

    Und die türkischen Diplomaten führten auch noch einen Grund ins Feld, warum die eigenen Bürger es letztlich ohnehin vorziehen könnten, in der Türkei zu bleiben: „Wir haben besseres Wetter!“

    Brexit-Befürworter hatten vor dem britischen Referendum Ängste vor der Einreise von Türken nach Großbritannien und einem EU-Beitritt des Landes geschürt. „Schockiert“ sei man über einige der „Lügen“ über das eigene Land, twitterten die Diplomaten. Die Türkei wolle der EU zwar weiterhin beitreten. Doch dazu müsse das Land erst die Standards der EU-Staaten erreichen, dem müssten alle zustimmen - und die Türkei müsse am Ende tatsächlich noch beitreten wollen.

    „Wir hätten nie gedacht, dass die Briten Angst vor irgendetwas haben“, schrieb die türkische Vertretung. „Außerdem ist es völliger Unsinn, die Bürger eines Verbündeten zu fürchten.“

    Tusk spricht von "Warnsignal" für EU

    +++ Auch EU-Ratspräsident Donald Tusk meldet sich zu Wort. Unabhängig vom Ausgang sei die Brexit-Abstimmung ein "Warnsignal" für die gesamte EU. Es wäre "verrückt", ein solches Warnsignal nicht wahrzunehmen, erklärte Tusk am Montag während eines Besuchs in Lissabon via Twitter.

    "Meine größte Befürchtung ist es, dass ein negativer Ausgang andere EU-Skeptiker ermuntern könnte", sagte Tusk, der sich zu einem Gespräch mit dem portugiesischen Regierungschef Antonio Costa in Lissabon aufhielt. An die britischen Bürger appellierte der EU-Ratsvorsitzende: "Bleiben Sie bei uns! Wir brauchen Sie! Zusammen werden wir mit künftigen Herausforderungen fertig, getrennt wird es schwieriger."

    +++ Vier Tage nach dem Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox ist das britische Unterhaus am Montag zu einer außerordentlichen Sitzung im Gedenken an die 41-Jährige zusammengekommen. In einer Rede rief Labour-Chef Jeremy Corbyn zu einer höflicheren und behutsameren Politik auf. Das Land sei sich einig, „den Hass zu bekämpfen, der sie getötet hat“. Die Tat erscheine immer mehr als ein „Akt extremer politischer Gewalt“ und sei ein „Angriff auf die gesamte Gesellschaft“, sagte Corbyn.

    Premierminister David Cameron würdigte Cox als „Stimme für die Menschlichkeit“. Zum Zeichen der Trauer hatten sich die Parlamentarier weiße Rosen angesteckt, auch auf dem leer gebliebenen Platz der getöteten Abgeordneten lag eine Rose.

    EU-Bürger mehrheitlich gegen Brexit

    +++ Die EU-Bürger außerhalb Großbritanniens sind einer Umfrage zufolge mehrheitlich gegen einen Austritt des Landes aus der Europäischen Union. In einer am Montag veröffentlichten EU-weiten repräsentativen Erhebung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung sprachen sich 54 Prozent der EU-Bürger außerhalb des Königreichs gegen einen sogenannten Brexit aus. Für einen Austritt waren nur 21 Prozent der Befragten.

    Während die Spanier (64 Prozent) und Polen (61 Prozent) sich laut Umfrage am klarsten für einen Verbleib der Briten stark machen, ist der Anteil der "Brexit"-Gegner in Italien (55 Prozent) und Deutschland (54 Prozent) insgesamt kleiner, stellt aber ebenfalls die Mehrheit. In Frankreich ist das anders. Dort sind nur 41 Prozent gegen einen britischen Austritt. Schwerwiegende Folgen befürchten nicht viele.

    +++Die Wettbörse Betfair schätzt die Wahrscheinlichkeit eines EU-Verbleibs der Briten mittlerweile auf 74,6 Prozent. Noch am Freitag waren es zwischen 60 und 67 Prozent. Auch hier deutet damit alles auf eine Pro-EU-Abstimmung hin.

    Brexit: Premier League befürchtet mögliche Folgen

    +++ Die Topklubs der englischen und walisischen Liga sprechen sich für einen Verbleib Großbritanniens in der EU aus. Richard Scudamore, einer der mächtigsten Männer im britischen Fußball und Chairman der Premier League, sagte der BBC, dass ein Brexit den globalen Zielen des Verbandes nicht entgegenkäme. Im Gegenteil. Die Abstimmung wird es in wenigen Tagen zeigen.

    +++ Ein Abschied der Briten aus der EU würde dem Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) zufolge die Wirtschaft Großbritanniens und der ganzen EU hart treffen. „Ein Brexit führt zu Unsicherheit und Vertrauensverlust über Jahre“, sagte Verbandspräsident Anton Börner am Montag in Berlin. Ein Brexit hätte erhebliche Folgen auf die Euroschuldenkrise, die Arbeitslosigkeit und die wirtschaftlichen Aussichten insgesamt.

    +++ Dank steigender Umfragewerte lassen die Brexit-Sorgen ein wenig nach. Das macht sich auch an der Börse bemerkbar. So ist der Dax am Montag mit einem satten Kurssprung in den Handel gestartet und nähert sich bereits wieder der Marke von 10 000 Punkten. Bis zur Mittagszeit gewann das deutsche Börsenbarometer 3,11 Prozent oder knapp 300 Punkte auf 9930,78 Zähler, nachdem es seit Anfang Juni fast durchweg bergab gegangen war.

    Brexit: Steinmeier hofft bei Abstimmung auf Cameron-Lager

    +++ Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier wünscht sich beim Brexit-Referendum einen erfolgreichen Wahlkampfendspurt der EU-Befürworter. „Wir hoffen sehr, dass die letzten Tage der innenpolitischen Auseinandersetzungen dazu führen, dass das Remain-Lager an Unterstützung gewinnt“, sagte der SPD-Politiker am Montag am Rande eines EU-Ministertreffens in Luxemburg.

    Ins Lager der Brexit-Gegner gewechselt: Sayeeda Warsi

    +++ Nicht nur in den Umfragen zeichnet sich ein Stimmungswechsel ab. Auch Personell tut sich kurz vor dem Abstimmungs-Termin am 23. Juni 2016 etwas: Sayeeda Warsi, einst eines der Gesichter der Brexit-Befürworter, wechselt die Seite ins Cameron-Lager. Der Grund: Wegen der oft fremdenfeindlichen Rhetorik der Brexit-Kampagne seien für sie die Grenzen des Anstands überschritten worden.

    +++ Die Brexit-News: Premierminister David Cameron stellte sich am Sonntagabend im Sender BBC den Fragen des Studiopublikums und des Moderators David Dimbleby. Der Kopf der Brexit-Gegner sprach natürlich über die voraussichtlichen Nachteile eines Ausstiegs. Sein Hauptargument: Großbritannien würde an Wirtschaftskraft verlieren. Er wirft er den Brexit-Befürwortern vor, mit falschen Behauptungen zu arbeiten: „Die Leute bekommen Flyer der Leave-Kampagne auf denen steht, die Türkei würde der EU beitreten - falsch, die EU würde eine Armee gründen mit Großbritannien - falsch, und dass wir jede Woche 350 Millionen Pfund nach Brüssel überweisen - falsch."

    Brexit: Umfragewandel pro Cameron in Großbritannien

    Trauernde stellen Kerzen für die verstorbene Jo Cox auf.

    +++ Offenbar machen die Brexit-Gegner Boden gut. Laut einer Umfrage am Freitag und Samstag im Auftrag der "Mail on Sunday" stimmten 45 Prozent gegen einen Brexit, 42 Prozent dafür. Noch am Donnerstag war die Umfrage genau gegenteilig ausgegangen. Auch eine Umfrage des Instituts YouGov zeigte bereits Mitte der vergangenen Woche einen Umschwung. Das Pro-Europa-Lager verkürzte demnach den Abstand von vier auf zwei Prozentpunkte.Am Donnerstag und Freitag lagen die Brexit-Gegner schließlich schon mit einem Prozentpunkt in Front (44:43).

    +++ Nach dem Mord an der Abgeordneten und Brexit-Gegnerin Jo Cox setzten die beiden Parteien den Wahlkampf drei Tage aus. Nun tobt der Kampf um die Brexit-Abstimmung wieder. Der mutmaßliche Attentäter Thomas M. verweigerte vor Gericht die Aussage seines richtigen Namens, seiner Adresse und seines Geburtsdatums. Stattdessen antwortete er mit den Worten: "Tod den Verrätern, Freiheit für Großbritannien."

    Brexit: Gründe und Folgen eines EU-Austritts Großbritanniens

    Die Folgen eines EU-Austritts Großbritanniens sind nicht abschätzbar - für das Land selbst, für die EU, aber auch für Deutschland. Vor allem aus wirtschaftlicher Sicht könnte es aber für das Vereinigte Königreich enorme Folgen haben. Der freie Zugang zum EU-Binnenmarkt würde wegfallen. Die Briten müssten neue Freihandelsabkommen mit den dann 27 EU-Staaten verhandeln und darüber hinaus mit allen weiteren Freihandelszonen und Ländern der Welt. Experten sind sicher: Das würde Jahre in Anspruch nehmen. Für diesen Fall fürchtet Premierminister Cameron ausbleibende Investitionen und dadurch einen "Schwebezustand" der Wirtschaft. Wir haben die  Gründe, Folgen und den Stand der Umfragen zusammengefasst.

    Der Brexit wäre auch für die Wirtschaft hierzulande gefährlich. Die Gründe: Über 2500 deutsche Unternehmen haben eine Niederlassung im Vereinigten Königreich, was einem Kapitalstock von etwa 130 Milliarden Euro und rund 400.000 Mitarbeitern entspricht.

    Neben den wirtschaftlichen Folgen aber würde ein Brexit weitaus mehr bedeuten: Europa würde mit Großbritannien das Land mit der drittgrößten Bevölkerung der EU verlieren, außerdem die zweitgrößte Volkswirtschaft und seine stärkste Militärmacht neben Frankreich, samt Atomwaffen. Un das in Zeiten des Terrors. Neben Frankreich säße zudem kein weiteres EU-Land mehr im UN-Sicherheitsrat.

    Brexit: Folgen, Ergebnisse, Gründe, Erklärung

    Was genau ist der Brexit eigentlich - das können Sie hier nachlesen. Wir haben uns außerdem Gedanken über die Folgen für Deutschland gemacht, die der Austritts Großbritanniens aus der EU haben könnte. Alles, was Sie zum Brexit wissen müssen, können Sie zudem hier nachlesen.

    mke/afp/dpa

    Mehr zum Thema:

    Meistgelesene Artikel

    Grünen-Politiker tot am Rheinufer aufgefunden

    Mannheim - Am Montagmorgen wurde am Brühler Rheinufer eine verbrannte Leiche gefunden. Dabei soll es sich um den Landtagsabgeordneten Wolfgang …
    Grünen-Politiker tot am Rheinufer aufgefunden

    Seehofer erleidet erneut Schwächeanfall

    München - Schreckmoment in der Münchner Staatskanzlei: Ein Schwächeanfall hat Ministerpräsident Horst Seehofer bei einer Bürgersprechstunde gestoppt.
    Seehofer erleidet erneut Schwächeanfall

    Fidel Castro (90) gestorben - Staatstrauer in Kuba

    Havanna - Er war einer der großen Revolutionäre des 20. Jahrhunderts - tief verehrt von den einen, gehasst von den anderen. Jetzt ist der Máximo …
    Fidel Castro (90) gestorben - Staatstrauer in Kuba

    Kommentare